— von Tobias Wallner

Prolegomena

Generalia

In Catilinam Orationes quattuor – mit diesem Titel überschrieb der römische Staatsmann und Philosoph Marcus Tullius Cicero (106 v. Chr. bis 43 v. Chr.) vier Reden, die von der sogenannten Catilinarischen Verschwörung und Ciceros Gegenmaßnahmen handeln. Sie gelten als einige seiner bedeutendsten Werke und haben  den Ruf Ciceros als herausragendster Redner der Römischen Antike begründet. Im Dezember 63 v. Chr. waren diese Reden während seines Konsulats mitverantwortlich für die Vereitelung des Umsturzversuches des Lucius Sergius Catilina (108 v. Chr. bis 62 v. Chr.) und die Hinrichtung der Catilinarischen Verschwörer. Die Catilinarien sind nach dem Redeschema der antiken Rhetorik1 in die Gattung der politischen Rede (genus deliberativum) einzuordnen.

Ebenfalls berühmt, obgleich nicht gleichermaßen staatstragend, ist Ciceros Pro M. Caelio oratio, eine Verteidigungsrede für seinen ehemaligen Schüler Marcus Caelius Rufus. Dieser wurde 56 v. Chr. diverser Vergehen wie Mord und Aufruhr angeklagt. Im Laufe dieser Rede geht Cicero auch auf Caelius’ angebliche Verwicklung in besagte Catilinarische Verschwörung ein: Caelius habe zwar Umgang mit Catilina gehabt, seine Verschwörung jedoch nicht unterstützt. Stattdessen sei er einer von vielen Söhnen aus gutem Hause gewesen, die sich von Catilina täuschen und verblenden ließen. Die Pro Caelio oratio ist der Redegattung der Gerichtsrede (genus iudicale) zuzuordnen.

Im Folgenden werden die Catilinarischen Reden kurz in den Verlauf der coniuratio Catilinae eingeordnet, um den Hintergrund von Ciceros Worten zu beleuchten. Kernthema meiner Untersuchungen der In Catilinam Orationes (Cic. Catil.) und der Pro Caelio oratio (Cic. Cael.) ist Ciceros Darstellung seines Antagonisten Catilina auf der einen und seiner eigenen Person auf der anderen Seite. Im Hauptteil umreiße ich bisherige Forschungsergebnisse und gehe anhand einiger zentraler Thesen auf die inhaltliche Darstellung und die sprachlich-stilistische Ausarbeitung besagter Reden Ciceros ein.

Historischer Hintergrund: Die Verschwörung des Catilina und die Catilinarischen Reden

Die Reden standen im Kontext der sogenannten Zweiten Catilinarischen Verschwörung. Ihr Ziel war die Ermordung führender Politiker, die Verwüstung Roms und ein Schuldenerlass für die Verschwörer.  Diese bestanden aus Catilina und einer Gruppe von Patriziern, Rittern und Freigelassenen, die aus Gründen wie Verschuldung, Verbitterung oder Verzweiflung gegen die Senatselite vorgehen wollten.

Der ersten Catilinarie gingen zwei einschneidende Ereignisse voraus. Zum einen distanzierte sich M. Licinius Crassus, der im Verdacht stand, Catilinas Pläne mindestens zu unterstützen, von  eben jenem. Dazu legte er, vermutlich in der Nacht  vom 20. auf den 21. Oktober 63, Cicero anonyme Briefe vor, in denen vor  Catilinas Plan, Cicero zu ermorden, gewarnt wurde. Der Konsul präsentierte sie dem Senat. Zum anderen begann am 27./28. Oktober ein bewaffneter Aufstand gegen   den Senat in Etrurien, der von Catilinas Vertrautem C. Manlius angeführt wurde.

Angesichts dieser beiden Affronts gegen die Senatsherrschaft verhängte der Senat  mit dem senatus consultum ultimum und dem decretum tumultus den Ausnahmezustand. Dadurch wurden die Konsuln nach der Formel Videant consules,  ne  quid  res publica detrimenti capiat2 mit der Abwendung der Gefahren beauftragt und mit Sondervollmachten zu diesem Zwecke ausgestattet. Kraft dieser ließ Cicero Truppen ausheben und gegen die Rebellen marschieren. Das schreckte einerseits Crassus und Iulius Caesar davon ab, Catilina weiter zu unterstützen, und bewog andererseits Catilina, einen Mordversuch gegen Cicero zu organisieren. Nachdem dieser scheiterte, suchte Catilina den Senat auf, um seine Unschuld zu demonstrieren. Dieses Vorhaben schlug fehl, da Cicero ihn in besagter erster Catilinarie vor der gesamten Kammer mit Vorwürfen überhäufte, bloßstellte und zum Verlassen der Stadt aufforderte.

Catilina kam dieser Aufforderung tatsächlich nach und schloss sich den etrurischen Rebellen um Manlius an. Cicero informierte inzwischen mit seiner zweiten Catilinarischen Rede das Volk über die Vorgänge und attackierte Catilinas Anhänger, die entgegen seiner Hoffnung die Stadt nicht mit selbigem verlassen hatten. Am 3. Dezember deckte Cicero ein Komplott dieser Catilinarier mit Gesandten des gallischen Stammes der Allobroger auf, wobei stichhaltige Beweise für Catilinas Pläne sichergestellt und die fünf führenden Köpfe der Catilinarier verhaftet wurden. Davon unterrichtete Cicero wiederum das römische Volk in seiner dritten Catilinarie.

Ihren Höhepunkt erreichten die Entwicklungen  mit der entscheidenden Sitzung  des römischen Senates am 5. Dezember, wo die Festgenommenen vorgeführt wurden und über die weitere Vorgehensweise der Regierung zu beraten war. In seiner vierten Catilinarischen Rede plädierte Cicero für die Hinrichtung der Konspirateure. Diese konnte er mithilfe des M. Porcius Cato gegen Caesars Antrag einer Haftstrafe auch durchsetzen. So wurden die fünf inhaftierten Verschwörer unverzüglich exekutiert, was Konsul Cicero dem Volk auch sofort mitteilte. Er wurde daraufhin als erster togatus ohne militärische Verdienste mit einem Dankfest und dem Titel pater patriae geehrt. Catilina fiel zwei Monate später in Etrurien, als seine Rebellenarmee von den überlegenen Truppen des Konsuls Antonius vernichtend geschlagen wurde. Damit war die Catilinarische Verschwörung beendet. Wegen der Agitation der Popularen hatte Cicero jedoch auch in seiner weiteren Zukunft Schwierigkeiten mit seinem Vorgehen gegen die Catilinarier. Im März 58 wurde er wegen der Hinrichtungen, die wegen des fehlenden gerichtlichen Prozesses als unrechtmäßig bezeichnet wurden, aus Rom vertrieben.3

Überblick über die Reden und Vorgehensweise

Die Catilinarischen Reden sind mit insgesamt 115 Absätzen ein äußerst umfangreiches Werk der Rhetorik und müssen Stunden für den Vortrag in Anspruch genommen haben. In dieser Arbeit kann daher nur anhand ausgewählter Stellen ausgeführt werden, wie Cicero Catilina und sich selbst darstellt. Liest man die Reden in einer lateinisch-deutschen Ausgabe4, so drängen sich dem Leser sofort verschiedene Eindrücke auf.

 

Überblick über die Reden und Vorgehensweise

Die erste Rede gegen Catilina, die in dessen Anwesenheit im Senat gehalten wurde, strotzt von rhetorischen Fragen, die im Wesentlichen Catilinas charakterliche Verdorbenheit, die Ungeheuerlichkeit seiner Vergehen und die Ausweglosigkeit seiner aktuellen Situation darstellen sollen und ihn zum Verlassen der Stadt auffordern. Immer wieder bringt Cicero dabei mit emphatischen Ausrufen seine Empörung zum Ausdruck und versäumt es nicht, seine eigene Leistung bei der Aufdeckung von Catilinas Plänen in umfangreichem Maße hervorzuheben. Man kann dabei den Eindruck gewinnen, dass sich inhaltliche Motive oft wiederholen.

In der zweiten Rede bringt Cicero seine Freude und Erleichterung darüber zum Ausdruck,  dass Catilina tatsächlich Rom verlassen hat. Mit harten Worten  verurteilt er weiterhin seine Taten  und ordnet die Teilnehmer seines Umsturzversuches    in sechs verschiedene Gruppen von Tatmotiven ein. Außerdem rechtfertigt er seine Entscheidung, Catilina gehen gelassen zu haben, anstatt ihn verhaften zu lassen.

Die dritte Catilinarie beinhaltet Ciceros Vortrag über die Beweise, die er gegen Catilina vorbringt. In klaren und dramatischen Worten schildert er seine Sicht  auf  den Verlauf der Dinge, betont die Schwere der abgewendeten Bedrohung und hebt seine Leistungen hervor. Außerdem setzt er seinen Vorwürfe gegen Catilina fort und stellt ihn als äußerst gefährlich dar.

Bei der vierten Rede gegen Catilina geht es um die weitere Verfahrensweise und den Umgang des Senats mit den inhaftierten Verschwörern. Cicero plädiert in der Rede für ihre Hinrichtung. Außerdem legt er immer größeren Wert auf die Rechtfertigung für seine bisherige Handlungsweise. Dabei greift er sowohl auf eine juristische Beweisführung als auch auf eher subjektive Argumente wie seine Darstellung des Charakters seiner selbst und Catilinas sowie auf Emotionen zurück.

Bei der Pro Caelio oratio handelt es sich um eine Verteidigungsrede für Caelius, die sich nicht direkt mit Catilina und seiner Verschwörung befasst. Allerdings geht Cicero darin auf Catilina, seine Laster und seine Verbrechen ein, um seinen Mandanten gegen den Vorwurf zu verteidigen, an der Konspiration beteiligt gewesen zu sein.

Mit seinen Reden möchte Cicero sein Publikum von seinen Standpunkten überzeugen und appellieren, man möge seinen Wünschen und Aufforderungen nachkommen. Die Reden sind demnach grundsätzlich persuasiv. Besondere Schwerpunkte setzt er dabei auf die Wirkungsfunktionen der Einsicht und Belehrung (docere, probare) sowie der Bewegung und Aufstachelung der Leidenschaften (movere, concitare), wie  in den folgenden Analysen deutlich werden wird.5

Ziel dieser Arbeit ist es, Ciceros persönliche Darstellung des Geschehens zu beleuchten. Dazu habe ich aus den fünf Reden vier Leitmotive als Hypothesen herausgearbeitet, die die Grundstruktur meiner Untersuchungen bilden. Ihre Überprüfung soll zu einem Fazit hinsichtlich des Oberthemas führen. Dabei habe ich den Schwerpunkt klar auf die Catilinarien gelegt, da sie sich viel direkter, umfangreicher und vor allem ergiebiger mit Catilina und Cicero selbst befassen als die Verteidigungsrede  für Caelius.

Anhand folgender Kernthesen werde ich die Texte analysieren:

Persönliche Herabwürdigung Catilinas | Eines der zentralen Anliegen von Ciceros Ausführungen ist die Diffamierung des Catilina als verachtenswerten, unrömischen und lasterhaften Kriminellen, der das Ansehen des Senats und der Patrizier beschmutzt und der das Bestehen der Republik gefährdet.

 

Selbstrühmung | Cicero legt großen Wert darauf, seine eigenen Handlungen in besonders gutem Licht dastehen zu lassen und seinen Wert für das Gemeinwesen zu betonen.

Polarisierung | Cicero präsentiert sich als strahlenden Gegensatz zu Catilina. Dabei polarisiert er zwischen ihm selbst als Staatsdiener und Vaterlandsretter auf der einen Seite und Catilina als Staatsfeind und Vaterlandsverräter auf der anderen Seite ohne Zwischenstufen.

Rechtfertigung | Wegen seiner Handlungen stand Cicero zeitweise in der Kritik, entweder  tyrannisch oder nicht  entschlossen genug gehandelt zu haben. Ihm  ist wichtig, diese Anschuldigungen zu widerlegen und sein Vorgehen nicht nur zu verteidigen, sondern es als für den Staat notwendig darzustellen.

Analyse der zentralen Motive

Persönliche Herabwürdigung Catilinas

Analyse am Text

Die persönliche Diffamierung Catilinas betreibt Cicero sehr ausführlich und explizit, besonders in der ersten Catilinarie. Während der Senatssitzung, in deren Rahmen er Beweise für Catilinas Umsturzpläne vorlegte, konfrontierte er den anwesenden Catilina mit diversen Beschuldigungen.

Als Einleitung wartet Cicero in den ersten zwei Sätzen nicht mit juristischer Argumentation, sondern mit einem Ausdruck der Empörung auf. Gleich der erste, berühmte Satz Quo usque tandem abutere, Catilina, patientia nostra?  (Cic. Catil. I,1) unterstellt zwei Dinge: Zum einen, dass Catilina die Geduld Ciceros und des Senats seit Langem strapaziert, und zum anderen, dass Catilina allein in Opposi tion zum kompletten Senat steht. Beides ist bedeutungsschwer. Mit dem Vorwurf  des Geduldsmissbrauchs fasst Cicero alle angeblichen Verfehlungen Catilinas zusammen, ohne sie konkret zu benennen oder gar zu beweisen. Stattdessen fügt er die Missachtung des Senats hinzu, die Catilina allein dadurch begehe, sich dazu zu erdreisten, an der Sitzung teilzunehmen. Das war jedoch sein gutes Recht, da er weder offiziell unter Anklage stand, noch vom Senat ausgeschlossen noch verbannt war. Ohne formale Grundlage illegitimiert Cicero damit Catilinas Anwesenheit, um ihn vorzuverurteilen und jede Verteidigung im Voraus zu entwerten. Der Punkt, dass Cicero sich und den ganzen Senat auf der einen und Catilina auf der anderen Seite platziert, ist ebenfalls Teil seiner Strategie. Obwohl es im Senat zahlreiche Befürworter, ja Teilnehmer1 der Konspiration gab, zeichnet Cicero das Bild eines geeinten Staatsorgans, das einhellig Catilina verurteile. Cicero stellt Catilina damit als einsamen, geschlagenen Kriminellen dar, der den Senat verraten hat. Diesen Verrat stellt Cicero im zweiten Satz mit furor iste tuus eludet (Cic. Catil. I,1) als wahnsinniges Spiel dar, das jeder Vernunft und jedes Anstandes entbehre. Catilina wird so zusätzlich noch als Wahnsinniger dargestellt, der das Gemeinwesen mit einer geradezu perversen Abtrünnigkeit herausfordere. Dass er diese Anschuldigungen gleich in seiner Einleitung (exordium) anführt anstatt in seiner Beweisführung (argumentatio), gibt einen Vorgeschmack auf die Heftigkeit der noch folgenden Attacken.2

Weiter  geht es mit der Darstellung der Ausweglosigkeit der Situation Catilinas:   In einigen Sätzen fasst er seine letzten Gegenmaßnahmen wie die Verschärfung der Wachdienste zusammen und fragt Catilina, ob er gar nicht bemerke, dass sich die Schlinge zuziehe und dass mit der Unterrichtung des Senats alle seine Hoffnungen gestorben seien: Constrictam iam horum omnium scientia teneri coniurationem tuam non vides?  (Cic. Catil. I,1) Dabei stellt constrictam  hier eine wichtige  Metapher  dar: Durch Verwenden der Bedeutung »gefesselt«  statt  »beendet«  verbildlicht  er das angebliche Ende der Verschwörung und deutet als Enallage gleichzeitig an, was Catilina bevorstehe, dass er nämlich in Fesseln abgeführt würde. Dieses verschobene Bild veranschaulicht Catilinas Ausweglosigkeit und verschärft die Abbildung Catilinas als ruchlosen Verbrecher. Auch Otto Seel schreibt in seiner Abhandlung über das Römertum, dass Cicero Catilina auf extreme Weise als Verbrecher brandmarkt.3

Ein weiteres Argument gegen Catilinas  Anwesenheit  führt  Cicero  kurz  darauf an und nutzt dabei Catilinas Präsenz für seine Zwecke aus:...  notat  et  designat oculis ad caedem unum quemque nostrum. (Cic. Catil. I,2) Durch die Unterstellung, Catilina plane persönlich die Ermordung einiger Anwesenden, illegitimiert Cicero erneut dessen Anwesenheit und greift gleichzeitig vor auf die noch folgenden Motive des ruchlosen Verbrechers, Mörders und Staatsfeindes. Außerdem bezieht sich der Konsul auf einen Bestandteil der geplanten Verschwörung, die Ermordung führender Politiker. Der britische Altphilologe Ingo Gildenhard merkt dazu jedoch an, dass Cicero diesen Gedanken des Elitenmordes (»death to the best«) Catilina bewusst fälschlicherweise unterstellte. Durch diese Darstellung der Senatoren als Catilinas primäre Ziele macht Cicero Catilina zum persönlichen Feind der Senatoren: »[Cicero] renewed imputation that Catiline planned ’the slaughter of the best’ [...] and [Cicero] leads on to the further specification that Catiline’s prime targets are the leading men in the state (principes civitatis).«4

Ebenfalls sehr anschaulich ist ein anderes Bild, mit dem Cicero Catilina etwas später beschreibt: ... tam taetram, tam horribilem tamque infestam rei publicae pestem (Cic. Catil. I,11) Er bedenkt ihn mit dem Wort pestis, dessen Bedeutungen5 Seuche; Unheil, Verderben; Geißel aus dem semantischen Feld der lebensbedrohenden Katastrophen stammen. Als leicht klimaktisches und klar anaphorisches Trikolon werden die Attribute taetram, horribilem, infestem rei publicae hinzugefügt, die dieses Feld ergänzen und im schlimmst möglichen Übel, der Gefahr für die res publica, münden. Cicero zeichnet in einer Zeit, in der Epidemien eine enorme Gefahr darstellten, das Bild eines Catilina als lebensgefährliche, abscheuliche Seuche, die den Staat zu vernichten droht. Ihm ist es hier also erneut wichtiger, Catilina als Person schlecht darzustellen, als ihn sachlich mit juristischer Beweisführung zu  überführen.6  Das Bild der pestis ist dabei eines der negativsten, das er sich hätte aussuchen können. Am Schluss der ersten Rede kommt  Cicero noch einmal auf das Motiv von Catilina als Seuche zurück: hic morbus, qui est in re  publica  (Cic. Catil. I,31). Catilina und seine Verschwörung seien Krankheit in der Republik, die zwar mit Catilinas Ergreifung gelindert, aber nur mit der Eliminierung aller Verschwörer besiegt werden könne. Ziel dieser Metapher ist die Veranschaulichung der drohenden Gefahr durch den konkreten und gemeinhin bekannten Sachverhalt der pestis. Ingo Gildenhard zufolge verwendet Cicero dieses Bild auch an anderen Stellen wie Ciceros de Lege Agraria. Er fasst zusammen: »Noxious individuals threaten to wound the commonwealth or spread their influence so that in the end society as a whole becomes infected by a fatal disease.«7 Außerdem vertritt Gildenhard zu dieser Textstelle die These, dass hier Cicero zufolge die ganzen Laster Catilinas auf einmal hervorbrechen: »For some reason, the criminality, lunacy, an rashness that had for long been afoot reached maturity during his [Cicero’s] consulship and burst into the open.«8

Als nächstes wird eine besonders markante Stelle betrachtet, die es wegen der drastischen Wortwahl verdient, hier in Gänze abgedruckt zu werden:

In qua nemo est  extra  istam  coniurationem  perditorum  hominum, qui te non metuat, nemo, qui non oderit. Quae nota domesticae turpitudinis non inusta vitae tuae est? Quod privatarum rerum dedecus non haeret in fama? Quae libido ab oculis, quod facinus a manibus umquam tuis, quod flagitium a toto corpore afuit? Cui tu adulescentulo, quem corruptelarum inlecebris inretisses non aut ad audaciam ferrum aut ad libidinem facem praetulisti? (Cic. Catil. I,13)

Jede einzelne dieser rhetorischen Fragen, die alle mit niemand/keine/r zu beantworten sind und die ohne Einspruchsmöglichkeit Unterstellungen  verbreiten,  hat eine enorme Aussagekraft. Die Behauptung, dass niemand außer den Verschwörern ihn nicht hasse und fürchte (nemo ... qui te non  metuat,  nemo,  qui  non  oderit),  wird durch einen Parallelismus verstärkt. Außerdem ist sie eine Hyperbel, die die Abstoßung, die von Catilina ausgehe, so drastisch ausdrückt, als würde Catilina von der ganzen Welt gehasst werden, was nicht der Fall war.

Als nächstes unterstellt Cicero, dass Catilina mit jedem Zeichen familiärer Schande (domesticae turpitudinis) gezeichnet sei. Damit könnte Catilinas prekäre Vermögenssituation gemeint sein. Als Sergius entstammte er einer angesehenen Familie vieler Konsulare und hatte also das Gegenteil von familiärer Schande zu bieten. Allerdings war er hoch verschuldet. Die Herkunft und sein Senatorenstatus hätten ihm eigentlich Anspruch auf ein ordentliches Gerichtsverfahren und die Gelegenheit, sich zu verteidigen, verschafft. Stattdessen zieht Cicero seinen Namen durch den Schmutz, um genau diese Abstammung zu entwerten und unglaubwürdig zu machen. Das ist besonders gewagt, da er selbst als homo novus bei Weitem nicht solch ein familiäres Ansehen wie das der Sergii vorweisen konnte. Trotzdem spricht Cicero sogar vom Einbrennen (inusta) eines Schandmals, was eher an Vieh oder Sklaven erinnert. Dadurch, dass er Catilinas hohe Geburt mit einem solchen semantischen Feld überdeckt, portraitiert er ihn als unwürdigen, ansehenslosen Mann, der diverser Schandtaten bekanntermaßen schuldig ist. Eine andere Interpretation der familiären Schande ist der Ansatz, dass Catilina seiner Familie Schande mache. Damit würdigt Cicero dessen Herkunft und wirft ihm vor, durch seine Handlungen die Patrizier im Allgemeinen und sein eigenes Geschlecht im Besonderen zu enttäuschen und zu verraten. Folglich ist Catilina der Schandfleck seiner Familie.

Das Betreiben schändlicher privater Beziehungen (privatarum rerum dedecus) ist der Vorwurf der folgenden Frage. Die Aussage besteht demnach darin, dass Catilina in unschickliche Aktivitäten vermutlich intimer Natur verstrickt war. Das hat mit dem Vorwurf des konspirativen Hochverrats gar nichts zu tun. Dennoch bringt Cicero diesen Punkt. Einmal mehr will er nämlich Catilinas charakterliche Verdorbenheit ausführen.

Auffällig bei diesen bisher behandelten Sätzen ist die Verwendung bestimmter Wortfelder. Neben dem oben genannten Motiv des für Sklaven und Vieh angemessenen Einbrennens von Zeichen ist das besonders das Motiv der Schande: perditorum hominum ... metuat ... oderit stellen eine Verdorbenheit dar, die zu allgemeiner Furcht und Hass führe. Und die anderen beiden Sätze enthalten sogar zwei Wörter mit genau dieser Bedeutung: turpitudinis und dedecus. Diese inhaltliche Tautologie schmückt das Bild des schändlichen Verbrechers aus und ist gleichzeitig typisch für ein Merkmal von Ciceros Argumentation: Bestimmte Motive wiederholt er immer wieder, meist mit anderen Worten. Durch dieses iterative Vorgehen wird der Zuhörer mit negativen Eindrücken von Catilina überschüttet, ohne dass die angeblich begangene Schandtat konkretisiert wird.

Beim nächsten Satz liegt eine geballte Verdichtung  von  Stilmitteln  und  weiteren negativen Begriffen vor: Diese parallelistische, klimaktische, asyndetische und trikolonische rhetorische Frage beinhaltet gleich drei weitere Wörter für Fehlverhalten: libido, was eher unsittliches sexuelles Verhalten nahelegt; facinus, das im Sinne einer kriminellen Untat verwendet wird; und flagitium, wobei es sich um eine niederträchtige Schandtat gegen Sitte und Anstand handelt. Mit dieser umfangreichen Ausreizung jenes Wortfeldes verfolgt er die weiter oben erläuterte Strategie   der Überhäufung Catilinas mit Bezeichnungen aus dem Gebiet der Schande, sowohl im persönlichen beziehungsweise intimen Sinne als auch im gesellschaftlichen beziehungsweise rechtlichen Sinne. Cicero verbindet diese Begriffe mit drei Körperteilen Catilinas: den Augen, den Hände und dem ganzen Körper. Assoziationen mit der Beschreibung einer animalischen Bestie weckend, ruft Cicero Ekel vor der Inkarnation Catilinas hervor, indem er seinen Körper mit, teils körperlichen, Untaten verbindet. In der Frage nach  dem konspirativen Hochverrat fügt Cicero dadurch hinzu,  dass Catilina nicht nur einen rebellischen Umsturz initiiert, sondern auch persönlich entsetzliche Untaten begangen habe. Diesen Aspekten wird durch die Klimax, das Trikolon und den Parallelismus eine besondere Eindringlichkeit verliehen, die insgesamt Abscheu vor Catilinas Person in Bezug auf seine geistigen und körperlichen Handlungen hervorrufen soll.

Der nachfolgende Vorwurf, junge Männer9 verführt zu haben, passt in dieses unsittliche Bild. Denn die corruptela beinhaltet sowohl das Verderbnis oder die Bestechung, also die Involvierung in den Umsturzversuch, als auch die Verführung im Sinne von Schändung oder Entehrung. Cicero verbindet folglich erneut die Unterstellung von Verbrechertum mit der von unsittlichem Sexualverhalten, welches mit dem Fall nach wie vor nichts zu tun hat. In dieser Kombination könnten die beiden Aspekte auch verknüpft betrachtet werden: Gemeinsam stehen sie für einen in je-   der Hinsicht verderblichen Lebenswandel und für geistigen Missbrauch derer, die an Catilinas Lügen glauben. Im zweiten Teil des Satzes konkretisiert er die Umsetzung von Catilinas Verschwörung sehr anschaulich durch die Verwendung der Begriffe ferrum und fax: Die Folge der Rebellion wäre die Erdolchung der meisten anwesenden Senatoren und das Niederbrennen einiger Teile Roms gewesen. Das drückt Cicero mithilfe eines polysyndetischen Parallelismus aus. Er führt dem Senat also eindringlich vor Augen, was ohne sein Eingreifen hätte passieren können und wozu Catilina fähig sei. Außerdem würde Catilina mit seinem Handeln die Jugend verderben, was auch ein schwerwiegender Vorwurf war, und sie für seine Zwecke missbrauchen (ad... praetulisti).

Cicero ergänzt sein Bild von Catilina also um die Motive des seinen Stand verratenden, verschuldeten Verbrechers, der auch privat Fehlverhalten an den Tag  lege,  der sich sexuell unsittlich verhalte und der die ehrsame Jugend (aus gutem Hause) dazu verführe, seine gefährlichen Pläne auszuführen. Die  Charaktereigenschaften und Bilder, die daraus resultieren, unterscheiden sich nicht  sonderlich von denen,  die bereits weiter oben herausgearbeitet wurden: Verdorbenheit, Schande, Versagen, Verhasstheit, Wollust, Feigheit, Verschlagenheit, Mordlust, etc. Cicero zeichnet das Bild von tiefen persönlichen Abgründen und einem Sumpf von Schlechtigkeit, der andere mit in Unheil und Verderben zieht.

An der nächsten Textstelle greift Cicero auf das Resultat von Catilinas Verfehlungen vor:

Quis te ex hac tanta frequentia, tot ex tuis amicis ac necessariis salutavit? [...] Quid, quod adventu tuo ista subsellia vacuefacta sunt, quod omnes

consulares [...] simul atque adsedisti, partem istam subselliorum nudam atque inanem reliquerunt, quo tandem animo tibi ferendum putas?

(Cic. Catil. I,16)

Das Bild des einsamen, isolierten und hoffnungslosen10 Catilina wird wieder aufgenommen. Ob sich im Senat tatsächlich die übrigen Mitglieder der Kammer von ihm räumlich distanziert haben, lässt sich mangels objektiver Ergänzungsquelle nicht mehr überprüfen. Unabhängig davon, ob das nun der Realität entsprach oder nicht, stellt Cicero Catilina als enttarnten, für seine  Taten  de  facto  bereits  verurteilten und aufgegebenen Mann dar, der nun die Konsequenzen seiner Schandtaten erfährt, und zwar in Form  von allgemeiner Ablehnung, Verachtung  und Furcht.  Dies spitzt  er auch noch weiter zu: Servi mehercule mei si me isto pacto metuerent, ut  te  metuunt omnes cives tui, domum meam relinquendam putarem: tu tibi urbem non arbitraris? (Cic. Catil. I,17) Durch den Vergleich mit seinem Verhältnis zu seinen Sklaven will Cicero die Ablehnung Catilinas durch die Römer noch stärker zum Ausdruck bringen und ihn zum Verlassen der Stadt bewegen. Außerdem betont er die Offensichtlichkeit von Ciceros Vergehen durch die Aussage, schon Sklaven würden Catilina durchschauen und ihm daher mit größtem Misstrauen begegnen. Ihn würden folglich nicht nur Gleichgestellte verachten. Cicero bedient sich der Stilfiguren des Vergleichs,  des Polyptotons (metuere) und der Emphase. Das Bild, das er dabei von Catilina zeichnet, wird um das eines Verachteten und Verhassten (odium omnium, Cic. Catil. I,17), Gefürchteten und beinahe Verbannten ergänzt.

Besonders bemerkenswert ist auch der folgende Absatz:

Quae tecum, Catilina, sic agit et quodam modo tacita loquitur: Nullum iam aliquot annis facinus exstitit nisi per te, nullum flagitium sine te; tibi uni multorum civium neces, tibi vexatio direptioque sociorum impunita fuit ac libera; tu non solum ad neglegendas leges et quaestiones verum etiam ad evertendas perfringendasque valuisti. (Cic. Catil. I,18)

Es handelt sich um eine Ethopoiie, bei der die personifizierte patria das Wort an Catilina richtet. Das allein schon ist ein höchst außergewöhnliches Stilmittel, was dem Gesagten Bedeutungsschwere und Ehrwürdigkeit verleiht. Cicero konfrontiert Catilina hier mit einer Aufzählung angeblich von ihm begangener Verbrechen. Die Strategie besteht an dieser Stelle nicht aus dem unbelegten Herabwürdigen von Catilinas Person, sondern aus dem kumulierten Fehlverhalten Catilinas, ausgedrückt in Tatbeständen. Interessant ist, dass Cicero dabei die patria als Einleitung wieder die Begriffe facinus und flagitium verwenden lässt, wie auch er selbst sie zuvor benutzte. Er untermauert seine Floskel von der Schandtat nun also mit konkreten Vergehen (neces, vexatio direptioque, neglegendas leges et quaestiones ... evertendas perfringendasque). Außerdem würde nur Catilina solche Verbrechen begehen (nullum ...  sine te). Catilina sei folglich der einzige Übeltäter diesen Grades auf weiter Flur.

Gegen Ende der ersten Catilinarie taucht ein weiteres Motiv auf.

... cui domi tuae sacrarium sceleratum constitutum fuit, sciam esse praemissam? Tu ut illa carere diutius possis, quam venerari ad caedem proficiscens solebas, a cuius altaribus saepe istam impiam dexteram ad necem civium transtulisti? (Cic. Catil. I,24)

Hier kommt zu allen charakterlichen und juristischen Verstößen noch der Aspekt der Blasphemie hinzu. Ein sacrarium war eigentlich ein geweihtes Heiligtum oder das Allerheiligste eines Tempels. Hier stellt es ein Heiligtum von Catilinas Verbrechen dar, wodurch Cicero den Vorwurf des Frevels und der Gotteslästerung erhebt. Die Vorstellung, einem Mord vorher sakrale Handlungen zu widmen, ist sehr grotesk und wieder der Kategorie der charakterlichen Verdorbenheit Catilinas zuzuordnen. Der tragende Gesichtspunkt ist der des (für die Römer sehr wichtigen) Übernatürlichen, Göttlichen, was er mit dem entsprechenden Wortfeld (sacrarium, sceleratus, venerari, impius) in seine Darstellung Catilinas einbaut. Außerdem dürfte Cicero damit dafür gesorgt haben, dass sich Anwesende aus Gottesfurcht unwohl fühlten und dass Catilinas Verschwörung nicht nur wie ein weltlicher Staatsstreich, sondern auch wie ein blasphemischer Frevel wahrgenommen wurde. Dieser Frevel richte sich nicht nur gegen die Götter: Durch den Missbrauch des Adlers als Feldzeichen (aquilam illam argenteam) bringt Cicero die Verbrechen mit dem römischen Staat und Militärwesen in Verbindung. Catilina schände also durch die Vorbereitung seiner Taten mit dem Adler das Reich und entehre den Staat.

Als Cicero später dem Volke von Catilinas Verlassen der Stadt in der zweiten Catilinarie berichtete, verknüpfte er die beiden Aspekte der charakterlichen Verdorbenheit und des juristischen Verbrechens. Die gesamten Absätze II,7 und II,8 stellen eine einzige Aufzählung an Untaten dar, die zwar von anderen begangen worden sein sollen, deren Täter aber mit Catilina eng vertraut gewesen seien (qui se cum Catilina non familiarissime vixisse fateatur Cic. Catil. II,7). Damit impliziert er, dass auch Catilina solche Taten begangen habe oder dass er zumindest dazu fähig sei. Seine Vorwürfe lassen sich dabei in zwei Gruppen unterscheiden. Auf der einen Seite werden Bezeichnungen genannt, die klar mit dem Fall zu tun haben und ihn des Verrats, des Mordes und Ähnlichem bezichtigen. Das sind vor allem latro, sicarius, parricida und impellere (Cic. Catil. II,7 / II,8). Auf der anderen Seite werden, und zwar im Vergleich zu den fallbezogenen Anschuldigungen quantitativ überwiegend, Bezeichnungen genannt, die sich unabhängig vom Zusammenhang mit dem Aufruhr mit Catilinas Charakter und allgemeinen Verfehlungen beschäftigen. Da sind zum Beispiel zu nennen: veneficus, gladiator, testamentorum subiector, circumscriptor, ganeo, nepos, adulter, mulier infamis, corruptor iuventutis, corruptus, perditus, stuprum, in ullo iuventutis inlecebra, aliorum amori flagitiosissime serviebat, aliis fructum libidinum (Cic. Catil. II,7 / II,8). Das sind diverse Sünden und Verbrechen multipler Bereiche, die allesamt weder nachweislich von Catilina begangen wurden, noch mit der Strafsache des konspirativen Hochverrats zusammenhingen. Teilweise überschneiden oder decken sich die Bedeutungen. Dabei sind einige der Begriffe hervorzuheben: Eine mulier infama ist ein »verrufenes Frauenzimmer«, das für zügelloses Sexualleben und vielleicht sogar als Hetäre11 bekannt ist. Dass Cicero immer wieder auf den Vorwurf der Unzucht zurückkommt, ist bemerkenswert. Zu dieser Unterstellung gehören auch adulter, der Ehebrecher, stuprum, die sexuelle Schändung (möglicherweise sogar einer Jungfrau), sowie aliorum amori flagitiosissime servare, das verbrecherische, schandhafte Befriedigen der Liebe anderer. Auch auffällig ist corruptus: Cicero nennt Catilina wortwörtlich »verdorben«, was sich auf all seine Vorwürfe der Schande bezieht. Und was darüber hinaus mehrfach auftaucht, ist das Motiv des Verderbens der Jugend (corruptor iuventutis, in ullo iuventutis inlecebra). Catilina wird als schlechter Einfluss und damit als gefährlich für die Zukunft  der Gesellschaft Roms präsentiert.

An der nächsten Textstelle beschreibt Cicero, was Catilinas Verhalten aus seiner Sicht für den Staat darstellt: Domesticum bellum manet, intus insidiae sunt, intus inclusum periculum est, intus est hostis. Cum luxuria nobis, cum amentia,  cum scelere certandum est. (Cic. Catil. II,11). Er bezeichnet ihn als Staatsfeind (hostis) eines inneren Krieges (domesticum bellum) und vergleicht ihn damit mit den äußeren Feinden Roms, wie beispielsweise den Parthern, gegen die Pompeius seinerzeit im Felde stand. Dabei gingen Verrat und Gefahr (insidiae, periculum) von Catilina aus. Cicero verwendet militärisches Vokabular (bellum, insidiae, hostis), um Catilina im ursprünglichen Sinne als Feind der Römer einzustufen und ihn auf eine Stufe mit militärischen Bedrohungen von außen zu stellen.

Ingo Gildenhard hat zum domesticum bellum eine interessante These: Dieser Bürgerkrieg stelle gewissermaßen ein Paradoxon dar, da er Catilina zwar mit dem Vokabular des äußeren Krieges als Feind klassifiziere, der Feind jedoch nie näher gewesen sei. Da Cicero Rom mit dem Universum gleichsetze, drohe dieser Krieg, die ganze Welt ins Chaos zu stürzen.12

Hier ist also nicht Catilinas Verdorbenheit, sondern die von ihm ausgehende Bedrohung das Thema. Außerdem ruft Cicero appellativ zum Kampf gegen Catilina  auf.

In der dritten Catilinarie findet sich noch eine bemerkenswerte Passage bezüglich Ciceros Diffamierung von Catilinas Person, wo er etwas andere Worte für Catilinas Charakter wählt:

Hunc ego hominem tam acrem, tam audacem, tam paratum, tam callidum, tam in scelere vigilantem, tam in perditis rebus diligentem nisi ex domesticis insidiis in castrense latrocinium compulissem ...

(Cic. Catil. III,17)

Es geht nicht um die schlichte Schlechtigkeit Catilinas, sondern um seine Hinterhältigkeit, Verschlagenheit und Heimtücke sowie die daraus resultierende Gefahr. Diese scheint Cicero sehr wichtig zu sein, da er sie in diesem anaphorischen, parallelistischen und höchst iterativen Satz herausstreicht. Diese Stilmittel sollen außerdem bewirken, dass den Zuhörern neben der Empörung über Catilina die von ihm ausgehende Gefahr gewahr bleibt. Catilina sei nämlich in dem (Schlechten), was er tut, sehr gut. Dieses gut ist sogar im römischen Sinne zu verstehen, da Cicero hier tugendhafte Begriffe (audax, paratus, callidus, diligens) für Catilina verwendet. Die Gefahr gehe demnach davon aus, dass Catilina sich auf sein schlechtes  Handwerk  gut verstehe.

Auch in seiner Verteidigungsrede für Caelius versäumt Cicero es nicht, Catilina zu beschimpfen. Ein Beispiel ist diese Parenthese: quamquam multi boni adulescentes illi homini nequam atque improbo studuerunt (Cic. Cael. 10). Hier bezeichnet er Catilina im Vorübergehen als üblen Kerl, der vielen adulescentes Falsches in den Kopf gesetzt habe. Das Ziel dieses Satzes in der nicht direkt gegen Catilina gerichteten Rede dürfte weniger ein Angriff auf ihn zum Selbstzweck gewesen sein als der Versuch, Caelius’ Verhalten als Catilinas Schuld darzustellen. Unter Berufung  auf  Catilinas  Schuld und Reputation, die er durch seine Catilinarien selbst stark beeinflusst hatte und die ihm nun  als Argument dienen soll, ruft er die Erinnerung an dessen Fehlverhalten  ab, um Caelius als armen Unschuldigen zu präsentieren, der in die Fänge eines skrupellosen Korrumpators geraten sei und nichts von Mord und Hochverrat wissen wollte. Dem liegt jedoch auch die Diffamierung Catilinas in den Catilinarischen Reden und obigem Satz zugrunde.

Abstraktion

In diesem Abschnitt wird Resümee aus der Analyse der einzelnen auffälligen Textstellen in Bezug auf die Kernthese »Persönliche Herabwürdigung Catilinas« gezogen. Das in höchstem Maße negative Bild, das Cicero von seinem Kontrahenten Catilina zeichnet, besteht aus diversen Aspekten, die allesamt stilistisch fein ausgearbeitet  und in die Reden eingebaut wurden. Im vorhergehenden Abschnitt wurden sie anhand des Textes nachgewiesen. Der Inhalt wurde zu folgenden sieben Leitmotiven abstrahiert:

Unwürdigkeit | Cicero präsentiert Catilina als dreisten Kriminellen, der es wagt, im Senat zu erscheinen und ihn herauszufordern, indem er dort den Unschuldigen spielt. Catilina soll so vor der eigentlichen Argumentation bereits unglaubwürdig und schuldig wirkend sowie unwürdig, an der Sitzung teilzunehmen, gemacht werden.

Überführter Verbrecher | Cicero stellt Catilina in den Ruf eines ruchlosen Verbrechers, der sich jedoch bereits in einer ausweglosen Lage befinde. Er habe keine Chance gegen die polizeilichen Maßnahmen der Konsuln und werde schon bald mit voller Härte zur Verantwortung gezogen werden. Cicero will damit Hemmungen beseitigen, entschlossen gegen seinen Feind vorzugehen.

Seuche | Cicero verwendet das Bild der pestis für Catilina. Damit ruft er einerseits Ängste und Abneigung in seinen Zuhörern hervor und verbildlicht andererseits die angeblich von Catilina ausgehende Gefahr für das gesamte Gemeinwesen, die also einen schleichenden, ansteckenden und tödlichen Charakter aufweise.

Persönliche Verdorbenheit und Schande | Der vielleicht wichtigste Punkt ist die charakterliche Verdorbenheit, die Cicero Catilina unterstellt. Dazu behauptet er, Catilina müsse sich für seine Familie schämen beziehungsweise würde seine Familie und den Adel beschämen, habe sich sexuell unsittlich verhalten und sei generell eine einzige Schande. Dazu verwendet der Konsul diverse Begriffe aus dem Gebiet der Unehre und des Fehlverhaltens. Außerdem ruft er durch bildliche Sprache und Bezug zu Körperteilen Catilinas eine starke Antipathie direkt gegen dessen Person hervor.

Unhaltbare Position | Cicero beschreibt die Weise, auf die die Allgemeinheit und besonders der Senat mit Catilinas Verhalten umgehe: Die Senatoren würden  ihn aufs Schärfste verurteilen und sich von ihm distanzieren. Jedermann hasse und fürchte ihn. Dieses Bild eines isolierten und bereits geschlagenen Mannes soll Ciceros Position stärken und jeden Versuch Catilinas, das Blatt zu wenden, im Voraus vereiteln und als lächerlich darstellen. Es sei unmöglich, sich auf seine Seite zu stellen.

Gefährlichkeit | Da Catilina sich als sehr geschickt im Durchführen seiner schlechten Taten erweise und dabei römische Qualitäten und Tugenden an den Tag lege, gehe eine hohe Bedrohung von ihm aus. Er plane, die führenden Köpfe des Staates zu ermorden.

Frevel und Staatsfeind | Cicero wirft Catilina gottlose und frevlerische Handlungen vor. Dieser habe seinen Vergehen nämlich ein Heiligtum geweiht und würde seine Verbrechen mit rituellen Handlungen zelebrieren. Cicero will somit Catilina nicht nur als Feind der Römer, sondern auch als Feind der Götter darstellen, der durch die Schändung eines Feldzeichens den Staat entehre. Ciceros Ziel ist es, die Bereitschaft, Catilina hart zu bestrafen, zu erhöhen.

Den Aspekt der persönlichen Verdorbenheit erweitert Ingo Gildenhard dahingehend, dass für Cicero Catilinas Geisteszustand und -haltung stets ein wichtiges Argument sei. Catilina habe nämlich »mental health and behavioral issues«. Darüber hinaus fordere Cicero später in seiner pro Sulla oratio die Richter dazu auf, Catilinas »mental condition« zu prüfen.13

Während seiner Rede führt der Redner Cicero selbst Verknüpfungen zwischen den genannten einzelnen Punkten durch. So verbindet er zum Beispiel den Aspekt des Kriminellen mit dem der Verdorbenheit und Schande, indem er diese allgemeinen Ausdrücke mit Vorwürfen konkreter Vergehen untermauert, um das von ihm kreierte Bild von »Staatsfeind Nr. 1« glaubhafter zu machen. Dazu verwendet er auch militärisches Vokabular, mit dem sonst die äußeren Feinde des Reiches bedacht werden. Außerdem greift er dabei immer wieder darauf zurück, Catilina das Verderben und Korrumpieren der Jugend sowie Unzucht mit derselben zu unterstellen. Dieses Motiv verwendet er auch zur Verteidigung seines Mandanten Caelius. Außerdem präsentiert er den Aspekt des Frevels als besonders extremes Beispiel sowohl seiner charakterlichen Fehler als auch seiner teuflischen Verbrechen. Ingo Gildenhard geht noch weiter und schreibt, dass Cicero Catilina seinen Status als Bürger und Mensch abspricht.14 Er analysiert Ciceros Darstellungen weiterhin dahingehend, dass Cicero das Verhältnis zwischen Catilina als Staatsfeind und dem Staat mit dem zwischen dem Vatermörder und dem Vater vergleicht. Dieses Schema wende Cicero auf diverse seiner Gegner an.15

Die britische Althistorikerin Henriette van der Blom sieht über diesen konkreten Motiven ein höheres Ziel: Ihrer Meinung nach nutzt Cicero Catilina als historisches Exemplum und präsentiert ihn als Negativbeispiel. Außerdem wolle er durch seine ausgedehnten Beschuldigungen für die Nachwelt ein unumstößliches Bild zeichnen und allein die Interpretation der Person Catilina diktieren. Dazu wolle er eine starke Interpretation vor allen anderen veröffentlichen: »Indeed, Cicero’s references to Catiline [...] as historical exempla [...] can be interpreted as Cicero’s attempt to control the future interpretation of important figures newly deceased by presenting his own interpretation before anybody else.«16 Des Weiteren analysiert sie Ciceros Vergleiche Catilinas mit namhaften Volkstribunen in der ersten Catilinarie als Versuch, ihm den Rang des Adligen abzunehmen und ihn als Popularen darzustellen: »In another instance, Cicero casts Catiline in a tribunician/popularis light, rather than of an aspiring consul, by comparing him to the Gracchi, Saturnius, and Flaccus in the first Catilinarian speech.«17

In der klassischen Rhetorik werden verschiedene Beweisgründe unterschieden. Die These der persönlichen Diffamierung Catilinas gehört demnach zu den personenbezogenen Beweisen (loci a persona). Ganz entscheidend ist hier der Beweistyp, der sich nach der Wesensart (animi natura) eines Subjektes richtet. Außerdem passt auch der Beweistyp, der auf persönlichen Neigungen basiert (quid affectet quidque): Cicero führt Catilinas Verbrechen  unter anderem auf seine charakterbedingten Neigungen  zu Verbrechen und Schandtat zurück. Dass Cicero gegen Catilina über dessen Gemüt und Charakter sowie seine Neigungen argumentiert, passt folglich genau in dieses Schema der wesensund neigungsorientierten Beweisführung.18

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Cicero durch sieben Leitmotive ein Bild von Catilina aufbaut, das ihn als kriminellen, so gut wie geschlagenen, zugleich dennoch gefährlichen, verdorbenen, verhassten und frevlerischen Staatsfeind darstellt. Dazu verwendet er Vokabular aus diversen negativen semantischen Feldern sowie unzählige stilistische Figuren.

Selbstrühmung

Analyse am Text

Immer wieder geht Cicero in seinen Reden auf sich und seine Handlungen ein. Nun wird anhand dieser Äußerungen die These untersucht, dass er sich selbst rühme, um seinen eigenen Wert für das Gemeinwesen hervorzuheben und sich als Gegenteil von Catilina zu präsentieren.

Die erste Stelle, an der Cicero prägnant auf seine eigene Rolle in dem Ganzen zu sprechen kommt, ist im ersten Teil der ersten Catilinarie zu finden:

Quam diu mihi consuli designato, Catilina, insidiatus es, non publico me praesidio, sed privata diligentia defendi. Cum proximis comitiis consularibus me consulem in campo et competitores tuos interficere voluisti, compressi conatus tuos nefarios amicorum praesidio et copiis nullo tumultu publice concitato; denique, quotienscumque me petisti, per me tibi obstiti, quamquam videbam perniciem meam cum magna calamitate rei publicae esse coniunctam. (Cic. Catil. I,11)

Der Konsul redet hier nicht über seinen Charakter oder sein Geschick in Sachen Gesetzesvollstreckung und Sicherheit, sondern über seine Umgehensweise mit den Angriffen Catilinas: Als inhaltliche und semantische Antithese stellt der das Verhalten, das zu erwarten gewesen wäre, und das Verhalten, das er tatsächlich an den Tag gelegt hat, gegenüber. Statt nämlich den Personenschutz durch staatliche Liktoren und andere Maßnahmen kraft seiner Amtsgewalt zu verstärken, behauptet er, pri-    vat und ohne staatliche Mittel für seine Sicherheit gesorgt und Catilinas Angriffen widerstanden zu haben. Die Aussage, die dahinter steckt, ist, dass Cicero sich nicht von Catilina einschüchtern lasse, dass er willens und in der Lage sei, sich ihm auf eigene Verantwortung (und Kosten) zu stellen und dass er dabei als starker Römer nicht der Hilfe des Staates bedürfe. So will er zum einen seine fehlende militärische Karriere in den Hintergrund drängen und zum anderen dafür sorgen, als starker Anführer wahrgenommen zu werden. Um diesen Unterschied zwischen seinen und den üblichen Handlungen hervorzuheben, stellt er die Begriffspaare publicum praesidium und privata diligentia antithetisch gegenüber. Dadurch hebt er seine angebliche Umsicht (diligentia) und das private Handeln (privata) über die öffentlichen Mittel (publicum) und den Schutz durch Wächter (praesidium). Besonders deutlich wird auch der Gegensatz zwischen Ciceros eigener, schützenden und defensiven Haltung (praesidium, defendere, amicorum praesidium, comprimere, obsistere, effugere) und der aggressiven Haltung Catilinas (insidiatus esse, interficere velle, conatus tuos nefarios, petere, interficere conatus esse, defigere).19 Außerdem streicht Cicero bereits hier seine eigene Bedeutung für den Staat hervor: Unheilvolles Übel (pernicies) für ihn sei zwingend mit unheilvollem Übel für die res publica verbunden. Cicero lässt sich also als tapferen, geschickten Anführer dastehen, dessen Schicksal mit dem des Staates verknüpft ist.


Am Ende der ersten Catilinarie charakterisiert Cicero die Verfolgung Catilinas  und die Zusammenarbeit zwischen Konsuln, Senat und anderen Behörden:

 

Polliceor hoc vobis, patres conscripti, tantam in nobis consulibus fore diligentiam, tantam in vobis auctoritatem, tantam in equitibus Romanis virtutem, tantam in omnibus bonis consensionem, ut Catilinae profectione omnia patefacta, inlustrata, oppressa, vindicata esse videatis.

(Cic. Catil. I,32)

Verschiedene Punkte werden hier angesprochen. Erstens verspricht Cicero, dass  die Konsuln diesen Fall mit größter Sorgfalt (tanta diligentia) behandeln werden. Dabei spricht er überwiegend von sich selbst, da seine Führungsrolle bei den staatlichen Maßnahmen allgemein bekannt war. Durch das stark positive Wort der diligentia will der Redner Vertrauen des Publikums in sich, seine bisherigen und seine kommenden Handlungen schaffen sowie sich als weisen, umsichtigen und geschickten Staatsvater präsentieren. Zweitens spricht er über den Einfluss der Senatoren in dem Verfahren. Das dürfte für Cicero sehr wichtig gewesen sein, da die Sondervollmachten, die den Konsuln durch den senatus consultum ultimum zuteil wurden, nicht   klar umrissen waren20 und in Widerspruch zu anderen Gesetzen, wie dem uneingeschränkten Recht eines Bürgers auf ein ordentliches Verfahren (leges Valeriae, leges Porciae, lex Sempronia21), standen. Cicero durfte also nicht die Legitimation seiner Handlungen durch den Senat gefährden, um die Kontrolle über das Geschehen zu behalten und nicht selbst wegen Gesetzesverstößen wie Amtsmissbrauch, Korruption, Mord oder Verrat angeklagt zu werden. Drittens beschreibt der Redner die übrigen Handlungsträger, und zwar die Ritterschaft (equites) und die Gutgesinnten (omnes boni), als einträchtig (consensio) und einsatzbereit (virtus). Er will damit keinen Zweifel daran lassen, dass die Niederlage Catilinas beschlossene Sache sei und dass der Staat in Einigkeit unter seiner Führung diese Gefahr abwehren wer-    de. Außerdem sei jeder gutgesinnte Bürger ein Befürworter und Unterstützer seiner Vorgehensweise. Diese Aspekte rangieren für Cicero auf einer Stufe der Wichtigkeit, und zwar auf der höchsten; dies verdeutlicht er durch den mit tantam eingeleiteten anaphorischen Parallelismus. Cicero stellt seine Bereitschaft dar, die Verschwörung geschickt, transparent und erfolgreich aufzudecken.

Zu Beginn der zweiten Catilinarie bewertet Cicero sein bisheriges Vorgehen und das Verlassen Catilinas der Stadt: Sine dubio perdidimus hominem magnificeque vicimus (Cic. Catil. II,1). Zwei Aussagen befinden sich in diesem emphatischen Satz. Einerseits rühmt Cicero sein Vorgehen, insbesondere die erste Rede gegen Catilina, als glorreichen Sieg über einen Staatsfeind, der nun vernichtet sei. Dadurch will er jeden Zweifel, den es sicherlich noch gab, an seinem Kurs zerstreuen sowie sich und seine Regierung als voll handlungsfähig darstellen. Andererseits impliziert die erste Person Plural, dass es sich bei diesem Sieg um eine Gemeinschaftsleistung handle. Damit drückt der Konsul Bescheidenheit aus und sorgt gleichzeitig dafür, dass ihm niemand Eigenmächtigkeit vorwerfen oder ihn für Nebenwirkungen des Verfahrens allein verantwortlich machen kann. Cicero stellt sich so als primus inter pares einer erfolgreichen und gerechten Regierung dar.

In der folgenden Passage, nämlich Cic. Catil. III,2, erhebt der Konsul Cicero offen Anspruch auf die Anerkennung der rezenten und der folgenden Generationen. Er vergleicht sich dazu mit den Gründern Roms, indem er postuliert, dass dem Bewahrer (qui eandem hanc urbem [...] servavit.) Roms genauso viel Anerkennung gebührt wie dessen Erbauer (qui hanc urbem condidit). Dieser Vergleich ist wagemutig, da  die Römer ihren göttlichen Vorfahren und Gründern sehr viel Respekt entgegenbrachten, und der Versuch, sich auf eine Stufe mit ihnen zu stellen, hätte auch als Anmaßung aufgenommen werden können. Während dieser Äußerung stellte Cicero auch erneut den Bezug zum Übernatürlichen, Göttlichen her (ad deos immortalis benivolentia famaque sustulimus), um den Mythos des Gottgewollten, Gesegneten um seine Regierung zu hüllen. Der Satz, die Stadt müsse Gedenken an ihren Retter halten, ist direkt auf ihn selbst bezogen: Cicero will, dass ihm jeder für seine Taten Respekt zollt und er ohne jeden Zweifel als Retter der Heimat im Gedächtnis der Leute bleibt (apud vos posterosque vestros in honore debebit). Als Grund führt er die Gefahr aus, der man dank ihm entronnen sei: Nam toti urbi, templis, delubris, tectis ac moenibus subiectos prope iam ignis circumdatosque restinximus, idemque gladios in rem publicam destrictos rettudimus mucronesque eorum a iugulis vestris deiecimus. Wie auch an anderen Stellen hebt Cicero hier die Bedeutung und Gefährlichkeit Catilinas an, um seine eigene Bedeutung höher darzustellen. Damit seine Rede nicht von Anfang an wie Propaganda und Meinungsmache, sondern wie fundierte juristische und politische Argumentation wahrgenommen wird, kündigt Cicero dem Volke an, zu beschreiben, welche Gefahren auf welche Weise abgewendet wurden (... ut et quanta et quam manifesta et qua ratione investigata et comprehensa sint, vos, qui et ignoratis et exspectatis, scire possitis).

Ebenfalls in der dritten Catilinarie findet sich folgende markante Stelle, die einen weiteren interessanten Einblick in Ciceros eigene Sicht der Dinge ermöglicht:

Atque etiam supplicatio dis immortalibus pro singulari eorum merito meo nomine decreta est, quod mihi primum post hanc urbem conditam togato contigit, et his decreta verbis est: "quod urbem incendiis, caede civis, Italiam bello liberassem."Quae supplicatio si cum ceteris supplicationibus conferatur, hoc interest, quod ceterae bene gesta, haec una conservata re publica constituta est. (Cic. Catil. III,15)

Cicero sagt, den Göttern wurde für ihre Verdienste um seine Person ein Dankesfest (supplicatio) zuerkannt. Bei diesem Satz dürfte es sich um eine rhetorische Figur handeln, da es Cicero um seine eigenen Verdienste ging, die er sicher nicht den Göttern zuschrieb. Er verdreht also den Sinn und schreibt die Verdienste wörtlich  den Göttern zu, um einerseits bescheiden zu wirken und andererseits die Bedeutung dieser Verdienste zu verstärken. Diese Deutung ist plausibel, da der Redner, um seinen Zuhörern genau diesen Eindruck von großen Verdiensten Ciceros zu vermitteln, als nächstes wörtlich die Widmung besagten Festes zitiert, in welcher ihm für  die Bewahrung von Stadt, Volk und Land (urbs, civis, Italia) vor Feuer, Tod und Krieg (incendium, caedes, bellum) gedankt wird. Cicero unterstreicht  damit erneut  die Tödlichkeit der von ihm abgewehrten Verschwörung und ruft jedem einzelnen in Erinnerung, was sie für ihn persönlich hätte bedeuten können: Terror, Tod, Verderben. Als nächstes betont der Konsul den Unterschied zwischen diesem und anderen Dankfesten: Während die anderen lediglich für solide Geschäftsführung (bene gesta) bewilligt worden seien, wurde das seine ihm für nicht weniger als die Rettung der res publica (conservata re publica) zuerkannt. Die res publica meint hier das Römische Reich in seiner Gesamtheit und beziehungsweise oder das Gemeinwohl. Damit will Cicero nicht nur seine Person als Held darstellen. Wichtig ist hier auch, dass Cicero seinem Konsulat damit den Nimbus des Außerordentlichen, Außergewöhnlichen und Schicksalhaften verleiht. Er habe nicht nur einfach gut regiert, sondern sich als Römer und Staatsmann wie ein großer Feldherr hervorgetan und ausgezeichnet, durch eine Tat, die auf einer Ebene mit der Gründung und der Erweiterung Roms zu sehen sei.

Die Götter bindet Cicero auch in diesen Vergleich ein, der sein Werk in einem neuen Sinne lobt: Quamquam haec omnia, Quirites, ita sunt a me administrata, ut deorum immortalium nutu atque consilio et gesta et provisa esse videantur. (Cic. Catil. III,18) Er behauptet, er habe die Dinge so regeln können (omnia ... a me administrata), als ob ihm die Götter (deorum immortalium) mit Rat und Tat (nutu atque consilio) zur Seite gestanden hätten.

Dass er dieses Ergebnis, was die Götter nicht hätten besser machen können, nicht zufällig oder durch Glück, sondern durch Können und Geschick erzielte, will Cicero an dieser Stelle durch folgende Parenthese verdeutlichen: quoad fuit, omnibus eius consiliis occurri atque obstiti (Cic. Catil. III,17). Zu jeder Zeit (quoad fuit) habe er bereitgestanden, Catilina entgegenzutreten und seine Pläne zu vereiteln. Cicero stellt sich damit als tapferer Kämpfer dar, der sich in den römischen Tugenden Geschick, Stärke, Tapferkeit, Schnelligkeit, Ausdauer und Verantwortungsbewusstsein ausgezeichnet hat. Auch hier wird deutlich, dass er seinen Erfolg wie einen militärischen Sieg über einen äußeren Feind darstellt. Das dürfte sich als relativ geschickt erwiesen haben, schließlich liebte das einfache Volk, vor dem diese Rede gehalten wurde, sowohl erfolgreiche Feldherren als auch deren Dankfeste. In den dieser Parenthese folgenden Sätzen hebt Cicero erneut hervor, dass er gut, richtig und vorausschauend gehandelt habe, indem er behauptet, der Sieg wäre deutlich schwerer gefallen (dimicandum nobis cum illo fuisset), hätte er Catilina nicht aus der Stadt gejagt (quodsi Catilina in urbe ad hanc diem remansisset). So aber sei es möglich gewesen, die Stadt in aller Ruhe und in Frieden von ihm zu befreien: tantis periculis rem publicam tanta pace, tanto otio, tanto silentio liberassemus. Cicero greift hier wieder auf die von ihm häufig verwendeten Stilmittel der Anapher (tanta/o), des Parallelismus und des Trikolons zurück. Durch diese wohlgefällige, geordnete und regelmäßige Ausdrucksweise verstärkt Cicero den Inhalt der Worte und ruft dem Zuhörer nicht nur den Erfolg, sondern auch dessen ruhigen Charakter vor Augen. Der Konsul benutzt dabei interessanterweise die Worte pax, otium und silentium. Ersteres steht für unmilitärischen, unbewaffneten Frieden, bei dem niemand zu Schaden kommt. Zweiteres meint im ursprünglichen Sinne die entspannte Ruhe der Freizeit, in der man nicht mit Arbeit und Amt (negotium) befasst ist. Und letzteres impliziert eine ruhige, stille Geräuschkulisse und damit im übertragenden Sinne eine Erledigung ohne Aufsehen und Opfer. Cicero stellt mit diesen Ausdrücken der Normalität einen krassen Kontrast zur Gefährlichkeit und Abnormalität der Verschwörung her, die er an vielen anderen Stellen betont. Dadurch hofft er die Brillanz seiner Taten hervorheben und außerdem auf das Gegenbild seiner selbst zum Verbrechertum Catilinas verweisen zu können. Dabei ist zu beachten, dass diese Darstellung in keinster Weise der Wahrheit entsprach: Von Frieden konnte keine Rede sein, da auf den Straßen gewalttätige Unruhen und Ausgangssperren herrschten und außerhalb der Stadt militärisch gegen die Aufrührer vorgegangen wurde. Auch die müßige Ruhe gab es nicht, da das Komplott, wie sonst auch von Cicero dargestellt, den Senat und vor allem den Konsul ziemlich in Atem hielt. Und in aller Stille liefen die Vorgänge erst recht nicht ab: Die Tumulte, Proteste und Straßenschlachten zwischen Anhängern und Söldnern der Popularen auf der einen und der Patrizier auf der anderen Seite, die Repressalien und Sicherheitsvorkehrungen und natürlich nicht zuletzt Ciceros Catilinarien dürften an kaum jemandem vorbei gegangen sein.22 Cicero kreiert hier also ein surreales Bild einer Lässigkeit und Eleganz, mit der er die Verschwörung abgewehrt habe. Dabei tritt ein Widerspruch zwischen dieser »Normalität« und der Krisensituation, die er sonst beschreibt, auf.

Was Cicero mit diesen Ausdrücken der Normalität stattdessen gemeint haben könnte, wird in folgendem, aussagekräftigen Absatz deutlich:

Nam multi saepe  honores dis immortalibus iusti habiti sunt ac debiti,   sed profecto iustiores numquam. Erepti enim estis ex crudelissimo ac miserrimo interitu, erepti sine caede, sine sanguine, sine exercitu, sine dimicatione; togati me uno togato duce et imperatore vicistis.

(Cic. Catil. III,23)

Schon der erste Satz ist sehr markant und, gelinde gesagt, von starkem Selbstbewusstsein geprägt: Cicero behauptet, unter all den vielen bereits stattgefundenen Dankfesten sei keines so gerechtfertigt wie das für seine Rettung des Staates (profecto iustores numquam). Er beansprucht damit den Ruhm der erfolgreichsten Feldherren für sich und stellt sich auf eine Stufe mit Scipio, Pompeius und Co. Das war in einer Gesellschaft, die die militärische gloria für den höchst möglichen Erfolg hielt,23 schon etwas Außergewöhnliches. Er greift damit auf seinen Anspruch auf entsprechenden Ruhm zurück und untermauert gleichzeitig seinen Wunsch nach Anerkennung seiner unangefochtenen Führungsrolle als erster Zivilist des Staates. Als Begründung all dessen führt er wieder an, den Staat vor großem Unheil (crudelissimus ac miserrimus interitus) gerettet (eripere) zu haben. Jenes Motiv, dass er als Gegenleistung für seine Heldentat Anspruch auf alles Mögliche erhebt, wiederholt sich immer wieder in seinen Catilinarischen Reden, wie in dieser Arbeit deutlich wird. Dann kommt wieder der Aspekt aus dem vorigen Absatz, dass er das nämlich friedlich vollbracht habe. Das drückt er jedoch nicht einfach durch ein in pace oder etwas ähnlich Knappes aus, sondern führt es durchstilisiert über mehrere Zeilen aus: Sein Partizip erepti wieder aufgreifend, verwendet er erneut einen mit sine anaphorischen Parallelismus und zählt vier Dinge auf, die es bei der Niederschlagung des Umsturzversuches nicht gegeben habe: caedes, sanguis, exercitus, dimicatio. Als Metonymien stehen Blut und Mord für Gewalt und Krieg, Heer und Entscheidungsschlacht für Krieg und Militär. Dadurch, dass er jedes dieser unfriedlichen Worte mit einem sine versieht, will Cicero seinem Sieg die Aura der Gewaltfreiheit und gleichzeitig den Glanz des militärischen Sieges verleihen. Es genügt Cicero also nicht, seine Taten als glanzvollen Sieg und Rettung des Gemeinwesens darzustellen, sondern er präsentiert sie auch noch als Ebenbild von friedlicher Ruhe und Ordnung. Wie oben bereits erwähnt, deckt sich diese Darstellung überhaupt nicht mit der historischen Wahrheit, da durch Mord und Totschlag in Rom Blut floss und außerhalb ein Heer gegen Catilina und Manlius ins Felde zog. Das war damals auch Cicero bekannt, sodass er seine Zuhörer hier bewusst in die Irre führt. Dies tut er nach wie vor auch um seines eigenen Lobes willen. Dieses Selbstlob gipfelt im letzten Satz des abgedruckten Absatzes, in dem Cicero das Verdienst für besagten Sieg alleine sich selbst zuschreibt und sich mit dux et imperator betitelt. Diese militärischen Ehrentitel, mit denen siegreichen Feldherren von ihren Soldaten geehrt wurden, setzt er als Antithese zu seinem Polyptoton togati ... togato: Den Sieg von heroischem Ausmaße hätten die in die Toga gewandten Leute nur durch ihn, ebenfalls in der Toga, erreicht. Die Toga steht hier als Metonymie für den Frieden und die diplomatische Politik. Im Gegensatz zu bereits analysierten anderen Stellen reklamiert Cicero den Sieg hier für sich allein und schmückt sich mit militärischen Ehrenbezeigungen.

Diese Hymne für sich selbst setzt er alsbald fort, und zwar auf eine so explizite Weise, dass der ganze folgende Absatz betrachtenswert ist:


Quibus pro tantis rebus, Quirites, nullum ego a vobis praemium virtutis, nullum insigne honoris, nullum monumentum laudis postulabo praeterquam huius diei memoriam sempiternam. In animis ego vestris omnis triumphos meos, omnia ornamenta honoris, monumenta gloriae, laudis insignia condi et conlocari volo. Nihil me mutum potest delectare, nihil tacitum, nihil denique eius modi, quod etiam minus digni adsequi possint. Memoria vestra, Quirites, nostrae res alentur, sermonibus crescent, litterarum monumentis inveterascent et conroborabuntur; eandemque diem intellego, quam spero aeternam fore, propagatam esse et ad salutem urbis et ad memoriam consulatus mei, unoque tempore in hac re publica duos civis exstitisse, quorum alter finis vestri imperii non terrae sed caeli regionibus terminaret, alter huius imperii domicilium sedisque servaret. (Cic. Catil. III,26)

Zwei Aspekte stecken in diesem für sich sprechenden Text: Zum einen die Bewertung Ciceros seiner bisherigen Leistungen, und zum anderen sein Wunsch, wie ihm dafür in Zukunft zu danken sei. Für die positive Bewertung seiner Leistungen wählt Cicero Begriffe aus dem Bereich des Sieges und der römischen Tugenden sowie Zeichen der Anerkennung, die ihm angeblich bereits zuteil wurden: virtus, triumphus, ornamentum honoris, monumentum gloriae, laudis insignium. Damit will er erreichen, dass die Notwendigkeit von Dankesgesten ihm gegenüber als selbstverständlich wahrgenommen wird und dass es außer Frage steht, dass er entsprechende Lobpreisungen verdiene. Dann zählt Cicero Belohnungen auf, die er angeblich nicht wolle. Dadurch, dass er sie überhaupt erwähnt und damit voraussetzt, dass man sie ihm sonst zuerkennen würde, zeigt er, dass er davon ausgeht, dass alle Welt ihm unendlich dankbar sei und dass er sich sein Honorar für die Heldentat selbst aussuchen könne. Die Geschenke, die er ablehnt, sind große Begriffe, die in der Tat im Kontext von großen Heldentaten oder militärischen Siegen verwendet werden: praemium, insignis honoris, monumentum laudis. Sie ähneln stark den obigen Worten, die er zur Bewertung seiner Taten verwendet; bei beiden kommen honor und laus vor. Cicero sind also besonders die Ehre seiner Person und das Lob für seine Taten  wichtig.   Um trotzdem einen Kontrast zwischen den bereits erhaltenen und den abgelehnten Auszeichnungen zu setzen, verwendet Cicero unterschiedliche Konnektoren in den Aufzählungen: Während der das Trikolon der abgelehnten Würden mit der Anapher nullum aufbaut, verwendet er bei den bereits erhaltenen omnis / omnia. Diese beiden Pronomina sind inhaltlich antithetisch. So werden gleichzeitig eine Parallelität und ein Gegensatz zwischen den Belohnungen, die der Konsul bereits erhalten zu haben glaubt, und denen, die er nicht für seine Taten bekommen will, ausgedrückt. Bemerkenswert ist, was sich Cicero stattdessen als Belohnung vorstellt: Er wünscht sich, dass man ihn auf ewig in Erinnerung behält (In animis ego vestris [...] condi et conlocari volo; memoria vestra), dass man über seine Worte und Taten spricht und schreibt (sermonibus; litterarum monumentis), dass sein Werk durch dessen Überlieferung noch wächst (nostrae res alentur; crescent) und dass das Gedenken an seine Rettung der Stadt solange währt wie die Stadt selbst (eandemque diem intellego, quam spero aeternam fore, propagatam esse et ad salutem urbis et ad memoriam consulatus mei). Cicero verlangt damit nicht weniger als die Unsterblichkeit durch glanzvollen Nachruhm. Diesen alles andere als bescheidenen Wunsch stellt er durch das Ablehnen der handfesten Dankessymbole wie Denkmäler noch als genügsam dar. Er scheint also tatsächlich fest davon überzeugt zu sein, eine der größten Taten der römischen Geschichte begangen und jede nur denkbare Dankbarkeit und Ehre dafür verdient zu haben. Das gipfelt im letzten Satz dieses Absatzes, in welchem er sich  auf eine Stufe (unoque tempore in hac re publica duos civis existisse, quorum alter ..., alter ...) mit dem größten und erfolgreichsten Feldherren seiner Zeit (finis vestri imperii non terrae sed caeli regionibus terminaret), Pompeius, stellt. Diese Parallelität manifestiert er in der Sprache, indem er beide Sätze mit alter beginnt und mit einem Prädikat auf -aret beendet. Cicero würdigt die Erweiterung und die Rettung  des Staates als zwei gleichwertige Heldentaten. Einmal mehr will er also darauf hinaus, dass ihm der unsterbliche, fast göttliche Ruhm des militärischen Triumphators24 gebühre.

Diesen Gedanken der Gleichwertigkeit von militärischen Erfolgen und seinen Verdiensten greift Cicero auch in seiner vierten Catilinarischen Rede auf. Mit Blick auf die erfolgreichsten Feldherren Roms, von denen er als Beispiel unter anderen auch Pompeius nennt, sagt er:

... erit profecto inter horum laudes aliquid loci nostrae gloriae, nisi forte maius est patefacere nobis provincias quo exire possimus quam curare ut etiam illi qui absunt habeant quo victores revertantur. (Cic. Catil. IV,21)

Nachdem er zuvor diverse militärische Erfolge römischer Truppen aufzählte, fordert Cicero hier nun explizit seinen Anteil am Ruhme (nostrae gloriae) ein: Es sei nämlich genauso wichtig (nisi forte maius es), die Heimat zu schützen (curare ut [...] habeant quo victores revertantur ), wie die Grenzen auszudehnen (patefacere nobis provincias quo  exire  possumus). Zwar würdigt er die imperatores als unumstrittene Helden Roms (z. B. aeterna gloria), doch verlangt er mit ihnen in einem Zuge genannt zu werden. Auffällig ist der Plural von nostrae (anstatt zum Beispiel von meae), da Cicero sonst im Singular von sich spricht und der pluralis maiestatis daher eigentlich nicht infrage kommt. Sowohl die Übersetzung von D. Klose als auch die von C. N. v. Osiander schreiben hier jedoch »mein Ruhm« und ignorieren den Plural. Eine mögliche Intention wäre an dieser Stelle wieder die Einbindung der Senatoren, um sich mit ihnen zu identifizieren und die Verantwortung mit ihnen zu teilen.

Kurz vor dieser Stelle charakterisiert Cicero seine Bemühungen im Hinblick der Selbstlosigkeit: Habetis ducem memorem vestri, oblitum sui  ... (Cic. Catil. IV,19). Als ersten Punkt ist hier zu nennen, dass sich Cicero erneut als dux  bezeichnet.     Ihm liegt viel daran, seine Führungsrolle im Staat möglichst unangefochten, zweifellos und legitim darzustellen. Dazu verwendet er weder die tatsächliche Bezeichnung seines Amtes, consul, noch eine militärische Bezeichnung wie imperator, noch den Titel des für einen Notstand Sonderbevollmächtigten, dictator. Letztere beiden sind offizielle Titel, die ihm hätten verliehen werden müssen, und ersterer drückt weder Besonderheit noch Bedeutungsschwere aus. Daher wählt Cicero hier den inoffiziellen, gesetzlich nicht verankerten Titel des dux. Der zweite Punkt ist, dass Cicero behauptet, die Bedürfnisse der Allgemeinheit (memorem vestri) vor seine eigenen (oblitum sui) gestellt zu haben. Er will seine Aktionen gegen Catilina folglich nicht nur als herausragende Heldentat darstellen, sondern auch als selbstlosen, uneigennützigen Akt des Patriotismus. Er attestiert sich damit selbst die Charaktereigenschaften der Bescheidenheit, der Selbstlosigkeit, des Verantwortungsbewusstseins und der Vaterlandsliebe.

Abstraktion

Der Aspekt, dass Cicero seine Handlungen lobt und seine Person rühmt, liegt in den Catilinarischen Reden offen zutage. Folgende sieben Leitmotive wurden diesbezüglich aus dem Text herausgearbeitet:

 

Tapferer dux | Cicero präsentiert sich zunächst als starken und guten Anführer des Staates, der durch persönliche Tapferkeit Catilina in seine Schranken weisen konnte. Mit seinem Schicksal sei das der ganzen Republik verbunden. Er festigt seinen Stand als guter Staatsmann und damit seine auctoritas.

Gute Gemeinschaftsleistung | Cicero erweckt den Anschein der Transparenz der Ermittlungen gegen die Verschwörer. Dabei gehe die Regierung sehr geschickt vor, was unweigerlich zum Erfolg führe. Des Weiteren habe er lediglich als primus inter pares eine Gemeinschaftsleistung koordiniert und sei nicht allein für die Resultate und Nebenwirkungen seiner angeblich erfolgreichen und gerechten Regierung verantwortlich.

Wichtigkeit | Durch Zuspitzung der Gefährlichkeit Catilinas erhöht Cicero seine eigene Bedeutung.

Anspruch auf Ruhm | Cicero beansprucht für sich den Ruhm, der für die Rettung des Staates gebühre. Er habe sich in gleicher Weise wie ein erfolgreicher Feldherr um Rom verdient gemacht und als großer römischer Staatsmann ausgezeichnet. Er beansprucht das Verdienst für die Rettung der Republik allein für sich als Anführer.

Gleichwertigkeit imperator und togatus | Cicero schmückt sich mit den Ehrentiteln eines triumphalen imperator. Die Erweiterung und die Rettung des Staates seien zwei gleichwertige Heldentaten, weswegen Cicero der unsterbliche Ruhm eines Triumphators zustehe. Seine Leistung sei mit der Gründung und Erweiterung Roms zu vergleichen.

Geschick | Cicero behauptet, es sei ihm gelungen, den Umsturz elegant und ohne großes Aufsehen und Opfer zu vereiteln, und zeichnet dazu ein Bild von Frieden und Normalität.

Tugendhaftigkeit | Cicero behauptet, sein Charakter zeichne sich durch Tugenden wie Selbstlosigkeit und Bescheidenheit, wie Patriotismus und Verantwortungsbewusstsein aus.

Wie schon bei Catilina wendet Cicero auf sich den wesensorientierten (animi natura) Beweistyp25 an: Er argumentiert über die Beschaffenheit seines Gemütes und Charakters, um sein Publikum von seinen Standpunkten zu überzeugen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Cicero durch sieben Leitmotive ein Bild von sich aufbaut, das ihn als tapferen Anführer,  gerechten  Teamplayer,  für  den Staat bedeutenden, versierten und tugendhaften Staatsmann darstellt. Ihm gebühre seiner Meinung nach der Ruhm eine Triumphators, da seine Leistung der Rettung Roms mit dessen Gründung und Erweiterung vergleichbar sei. Er präsentiert sich    als Abbild römischer Tugenden und Werte und rühmt sich mit dem Vokabular des militärischen Sieges.

Polarisierung

Analyse am Text


Thema dieses Abschnittes ist die Kernthese, dass Cicero mit Catilina auf der einen und sich selbst auf der anderen Seite zwei klar entgegengesetzte Pole aufbaut und sich als Antagonist von Catilina präsentiert.

 

In der zweiten Rede findet sich eine besonders markante Textpassage, in der Cicero die Eigenschaften, die die beiden Parteien seiner Meinung nach vorzuweisen haben, und damit implizit seinen und Catilinas Charakter, vergleicht. Das Zentrale an dieser Stelle ist, dass er jeweils einer Tugend auf seiner Seite ein Laster auf der anderen Seite gegenüberstellt.

Ex hac enim parte pudor pugnat, illinc petulantia;  hinc  pudicitia,  illinc stuprum; hinc fides, illinc fraudatio; hinc pietas, illinc scelus; hinc constantia, illinc furor; hinc honestas, illinc turpitudo; hinc  continentia, illinc libido; hinc denique aequitas, temperantia, fortitudo, prudentia, virtutes omnes certant cum iniquitate, luxuria, ignavia, temeritate, cum vitiis omnibus; postremo copia cum egestate, bona ratio cum perdita, mens sana cum amentia, bona denique spes cum omnium rerum desperatione confligit. (Cic. Catil. II,25)

In dieser Passage wird in herausragendem Maße deutlich, wie Cicero die Gegenseiten vereinfachend pauschalisiert und als zwei entgegengesetzte Pole aufbaut. Dabei ordnet er seiner Seite die römischen Tugenden zu, während er seine Gegner in Opposition zu den römischen Grundwerten stellt.26

Wie bei der anderen Anhäufung von Unterstellungen (Cic. Catil. II,7 / II,8) sind auch hier wieder zwei Kategorien zu unterscheiden: Verbrechen, die Catilina und seine Anhänger (aus heutiger Sicht wahrscheinlich) tatsächlich begangen27 haben, und Laster, die Cicero ihm einfach so zuschreibt, um ihn und seine Leute persönlich zu diffamieren. Wie auch an besagter anderen Stelle verwendet er diese beiden Kategorien völlig indifferenziert und durcheinander gemischt. Dadurch will er den Eindruck erwecken, es gäbe gar keinen Unterschied zwischen diesen Kategorien. Genauso gemischt sind die Tugenden, die sich Cicero selbst zuschreibt. Auch sie entstammen diversen Ebenen und hängen in unterschiedlichem Maße mit dem Fall zusammen.

Unabhängig davon, welche dieser Aussagen Cicero beweisen konnte, entstammen die Begriffspaare verschiedenen Ebenen. Am konkretesten sind da das Gesetz und der Patriotismus: Vergehen gegen den Staat (fraudatio, scelus) stehen dessen Verehrung (fides, pietas) gegenüber. Dann kommen Bezüge zu gängigen Sitten: Während Catilina auf die mores maiorum verzichte (petulantia, stuprum, turpitudo), präsentiert sich Cicero als sittenhafter Kavalier, der nach bestem römischen Vorbild agiere (pudor, pudicitia, honestas). Und schließlich und am meisten abstrakt beruft sich Cicero auf allgemeine, fast stoische Tugenden: Während die Seite Catilinas für das Lasterhafte (furor, libido, iniquitas, luxuria, ignavia, temeritas, vitium, egestas, perdita, amentia, desperatio) stehe, seien Cicero und die Seinen die Inkarnation des Tugendhaften (constantia, continentia, aequitas, temperantia, fortitudo, prudentia, mens sana, spes). Der Eindruck, den Cicero hier erwecken will, ist, dass die Verfehlungen Catilinas natürlicherweise mit seinen Lastern einher gingen und die Erfolge und guten Taten Ciceros mit seinen Tugenden. Da Cicero sich selbst zu jedem Laster jeweils genau die entgegengesetzte Tugend attestiert, ist der Absatz eine einzige Aufzählung sehr starker Antithesen. Sie werden dabei eindringlich, fast penetrant durch die parallelistische Anapher mit hinc  und illinc  eingeleitet, wobei der scharfe Auslaut -inc beider Wörter die Vorwürfe und die Gegensätze onomatopoetisch verstärkt, wenn Cicero seinen Zuhörern diese Worte ins Gesicht peitscht. Auch im zweiten Teil liegen Parallelismen vor, die stets um ein cum gruppiert sind. Der Hintergrund dieser Figuren ist auch hier der starke inhaltliche Kontrast, der eine von Ciceros Hauptaussagen ist.

 

Mit dieser Strategie polarisiert Cicero nicht nur: Indem er die Catilinarier als unrömisch darstellt, würdigt er sie nicht nur herab, sondern brandmarkt sie als Feinde des gesamten römischen Staatswesens und Volkes. Seiner Meinung nach könne also niemand bei klarem Verstand diese Gruppe unterstützen. Außerdem vereinfacht er die komplexen politischen Verwicklungen auf eine pauschale Weise: Er liefert dem einfachen civis zwei Seiten: Auf der einen Seite stünden die »Guten« mit dem Senat und Cicero als Vaterlandsretter; und auf der anderen Seite die »Bösen« mit den Catilinariern und Catilina als Vaterlandsverräter. Durch diese einfache Darstellung von zwei kontradiktorischen Fronten will Cicero auch den Einzelnen ohne Vorkenntnisse von seiner Sache überzeugen.

Verschiedene Motive Ciceros könnten sich hinter diesen Vergleichen verbergen: Zunächst will Cicero sich selbst im besten Licht dastehen lassen und darüber hinaus als krassen Gegensatz zu Catilina präsentieren, den er hier wie so viele Male zuvor aufs Massivste kritisiert. Außerdem ist der Konsul auch um Zustimmung und Anerkennung für seine seiner Meinung nach großen Leistungen bemüht. Hinzu kommt, dass die römischen Tugenden dem Senat als Vertretung des Staates zuzuschreiben waren. Indem er sich mit diesen Tugenden identifiziert, hebt sich Cicero im tiefsten Sinne auf eine Stufe mit den alteingesessenen Senatoren. Es drängt sich der Gedanke an Minderwertigkeitskomplexe Ciceros aufgrund seiner Eigenschaft als homo novus28 auf.

Außerdem könnte Cicero daran interessiert sein, seine Stellung für die Zeit nach dem Konsulat zu festigen. Er war zu dem Zeitpunkt zwar berühmt, der Mann der Stunde und als Konsul höchst mächtig  und einflussreich. Doch war er nach  wie    vor ein homo novus, der ohne feste Verbündete zwischen den Lagern der Patrizier und der Popularen stand.29 Da er vermutlich als Konsular und führender Senator weiterhin die Geschicke Roms mit lenken wollte, durfte er weder an Ansehen und Beliebtheit noch an Einfluss einbüßen. Dabei konnte er sich weder auf ein übermäßig großes Vermögen, noch auf althergebrachte Bündnisse alter Familien noch auf militärische Macht stützen, und seine Reputation als heldenhafter Retter der Republik, geschickter Staatslenker und herausragender Redner blieb somit sein Hauptkapital. Alle drei dieser Faktoren waren von äußeren Umständen und anderen Personen abhängig und damit höchst unbeständig. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Cicero einen solchen rhetorischen Aufwand an dieser und anderer Stelle treibt, um sich und seine Taten im bestmöglichen Lichte darzustellen.

Ingo Gildenhard vertritt die Auffassung, dass diese Polarisation und Kontrastierung (»sharp contrast«) ein klassisches Motiv Ciceros sei. Der Kontrast zwischen ihm und dem Senat auf der einen und den Catilinariern auf der anderen Seite passe demzufolge vorzüglich in dieses Schema, das Cicero auch auf diverse andere seiner Gegner wie Verres oder Clodius anwende.30

Resümee

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Cicero in seiner Rede stark polarisiert. Dazu positioniert er Catilina und seine Gefolgsleute auf der Seite des Bösen, sich  und den Senat auf der Seite des Guten. Dazwischen gebe es nichts. Außerdem bescheinigt sich der Konsul den Besitz der römischen Tugenden, während Catilinas Seite unrömisch sei. Cicero hebt sich damit auf eine Stufe mit den alteingesessenen Senatoren und stellt gleichzeitig Catilina als Staatsfeind und Vaterlandsverräter dar, dessen Position man auf keinen Fall unterstützen könne, während Cicero selbst ein Vaterlandsretter sei.

Rechtfertigung

Analyse am Text

Ein weiteres Motiv in den Catilinarien ist die Rechtfertigung Ciceros für seine Handlungsweise. Dabei geht es insbesondere um den möglichen Vorwurf, entweder zu tyrannisch oder nicht hart genug vorgegangen zu sein. Im Folgenden wird untersucht, wie er diese Rechtfertigung im Text konkret vornimmt.

In der ersten Rede unterstellt Cicero dem Senat dessen Zustimmung zu seinen Anschuldigungen gegen Catilina, nur weil es keinen Widerspruch gebe: Patiuntur, tacent (Cic. Catil. I,20); De te autem, Catilina, cum quiescunt, probant, cum patiuntur, decernunt, cum tacent, clamant (Cic. Catil. I,21). Cicero verwendet hier verschiedene Stilmittel, um seine Botschaft, dass ihm jeder zustimme, noch eindringlicher zu machen. Unter anderen werden die Figuren des Parallelismus, des Trikolons, der Iteratio (tacent, patiuntur ) und des Oxymorons (cum tacent, clamant) verwendet. Besonders das letztere veranschaulicht  sehr pointiert, wie Cicero sich die Legitimation durch  die Sprache verschaffte. Cicero hatte nur den senatus consultum ultimum als Machtbasis und daher weder die regulären Amtsbefugnisse (potestas) noch entsprechende Sondervollmachten, um Catilina ohne Gerichtsurteil für schuldig zu befinden, zu bestrafen, zu verbannen oder auch nur zu drangsalieren.31 Daher tat er so, als würden sämtliche seiner Worte das Einverständnis des Senats haben, als hätten formale Beschlüsse der Kammer Catilina für schuldig erklärt. Das begründet Cicero allein mit der Stille (tacent, patiuntur ). Dass ihm niemand in offener Rede widersprach, war jedoch alles andere als aussagekräftig, da ihm als Konsul das alleinige Wort  und    das Rederecht ohne Unterbrechungen zustanden. Cicero rechtfertigt seine folgenden Worte und Taten also nicht mit formalen Beschlüssen, sondern mit dem postulierten Einverständnis des Senats.

Kurz darauf erfolgt eine Rechtfertigung für Ciceros Entscheidung, Catilina das Verlassen  der Stadt zu erlauben. Zunächst lässt Cicero dafür den Staat als Ethopoiie das Wort an ihn richten. Die personifizierte patria fragt ihn, ob er etwa die mos maiorum (mosne maiorum?), die Gesetze des Staates über die Rechte der Bürger bezüglich der Hinrichtung (An leges, quae de civium Romanorum supplicio rogatae sunt?) oder aber die Furcht vor Missgunst der späteren Generationen (An invidiam posteritatis times?) als Gründe für die Verschonung  Catilinas anführe (Cic. Catil.  I,27 / I,28). Sie dürften nach Cicero diese Entscheidung folglich nicht rechtfertigen. Stattdessen führt Cicero Folgendes an: Quod si ea mihi maxime impenderet,  tamen hoc animo fui semper, ut invidiam virtute partam gloriam, non invidiam putarem. (Cic. Catil. I,29) Er behauptet, dass ihn die Missgunst (invidia) der Nachwelt überhaupt nicht kümmere, wenn er die Ursache dafür für richtig hielte (virtute partam). Stattdessen sei es ihm demnach eine Ehre, Unannehmlichkeiten auf sich zu nehmen, um dem Staat zu dienen.32 Cicero rechtfertigt seine Entscheidung also nicht durch Sitte oder Gesetz, sondern durch die Behauptung, uneigennützig und zum Wohle    der Allgemeinheit zu handeln.

Zu Beginn der zweiten Catilinarie führt Konsul Cicero Argumente für und gegen eine besonders harte Vorgehensweise an:

 

Interfectum esse L. Catilinam et gravissimo supplicio adfectum iam pridem oportebat,  idque a me et mos maiorum et huius imperi severitas      et res publica postulabat. Sed quam multos fuisse putatis, qui, quae ego deferrem, non crederent, quam multos, qui propter stultitiam non putarent, quam multos, qui etiam defenderent, quam multos, qui propter improbitatem faverent? (Cic. Catil. II,3)

Für die Hinrichtung (supplicium) Catilinas, die er hier durch den Superlativ (gravissimo) als elatives Stilmittel als besonders heftige Strafe  hervorhebt,  sprechen nach Cicero drei Argumente: zum Ersten die römische Sitte und Tradition (mos maiorum), zum Zweiten die Strenge seines Amtes (imperi severitas) und zum Dritten das Gemeinwohl (res publica). Cicero rechtfertigt eine strenge Bestrafung demnach mit drei für die Römer sehr wichtigen Maximen: Die mos maiorum galt vor allem der Oberschicht heilig, war ein vielseitig einsetzbares Argument und wurde  von Cicero häufig angesprochen. Die Verantwortung des Staatsamtes war für die nationalistisch-militaristisch orientierte Bevölkerung ebenfalls ein hohes Gut. Und das Wohl des Gemeinwesens stand für sich, da es für die einfachen Leute ein hohes Ideal und für die Senatoren der höchste Souverän war. Da Cicero Catilina jedoch nicht ergreifen und töten ließ, liefert er gleich im Anschluss Gegenargumente gegen diese scheinbare Pflicht: Zunächst hätte er Catilina gegen alle Widerstände hinrichten lassen, wenn er der Meinung gewesen wäre, dass das die Gefahr abwenden würde (ac si illo sublato depelli a vobis omne periculum iudicarem Cic. Catil. II,3). Außerdem gebe es zu viele, die aus verschiedenen Gründen (stultitia,  improbitas)   an Catilinas Unschuld glauben würden (non crederent). Daher habe er ihn nicht einfach hinrichten lassen können. Stattdessen habe Cicero auf diese Weise dafür gesorgt, dass jeder Catilina als Feind erkennen und bekämpfen konnte: ... ut tum palam pugnare possetis, cum hostem aperte videritis (Cic. Catil. II,4). Das ist interessant: Statt Catilina präventiv zu verhaften und jedes Unheil durch Catilina im Voraus abzuwenden, lässt Cicero ihn laufen, nur  um durch einen tatsächlichen Aufstand    die Allgemeinheit zu zwingen, seinem Weg gegen Catilina zu folgen. Diese Absicht rechtfertigt er durch sich selbst, indem er auch als Grund angibt, dass ihm sonst   viele nicht glauben würden. Das zeigt, dass, zumindest zu Beginn der Ereignisse, Ciceros Position alles andere als sicher war. Dass er einen bereits als solchen identifizierten Verschwörer laufen lässt, auf dass dieser den Hochverrat tatsächlich begeht, nur damit der Konsul einige Zweifler von der Schuld des Verdächtigen überzeugen konnte, ist ein klares Indiz dafür, dass das Amt des Konsuls nicht auf eine solche Bedrohung ausgelegt war. So beschreibt es Jürgen von Ungern-Sternberg, der für  den Konsul das Dilemma zwischen dem senatus consultum ultimum auf der einen und dem Mangel an Beweisen gegen Catilina und den daraus resultierenden Grundrechten Catilinas auf der anderen Seite sieht.33 Er zitiert dabei den Althistoriker Joseph Vogt: »[...] So musste der Konsul in der allgemeinen Angst um Zuständigkeit und Befugnis es darauf anlegen, Catilina zum offenen Aufruhr zu treiben und dem schwankenden Senat für eine spätere Stellungnahme vollendete Tatsachen zu schaffen.«34 Auch Stephanie Kurczyk schreibt, dass Cicero vor Catilinas Verhaftung zurückgeschreckt sei aus Sorge davor, dass man seine Anschuldigungen nicht glauben werde.35 Man könnte also die These anführen, dass sich Cicero in einem Dilemma zwischen den freiheitlichen und rechtsstaatlichen Grundrechten eines Bürgers und dem Interesse der nationalen Sicherheit befand.

Ganz anders als an jener Stelle der ersten Rede, wo er begründet, warum  er Catilina nicht längst eliminieren ließ, argumentiert Cicero in der vierten Catilinarie, wo er die Hinrichtung der Verschwörer erreichen will:

... facile me atque vos crudelitatis vituperatione populus Romanus liberabit, atque obtinebo eam multo leniorem fuisse. Quamquam, patres conscripti, quae potest esse in tanti sceleris immanitate punienda crudelitas? (Cic. Catil. IV,11)

Zum einen, behauptet er, statt lebenslanger Kerkerhaft (aetrnis tenebris vinculisque mandare, Cic. Catil. IV,10) wäre der Tod die mildere Strafe (multo leniorem). Das unterstreicht er wenig später noch, indem er sich als den mildesten Menschen bezeichnet (quis enim est me mitior? Cic. Catil. IV,11).36 Zum anderen fragt er jedoch, ob für die von den Catilinariern begangenen Verbrechen (tanti sceleris) überhaupt eine Strafe zu grausam wäre (quae ... crudelitas?). Beide Gedanken stützt der Redner auf starke Stilmittel: Die Milde des Todes streicht er durch entsprechend sanfte Begriffe wie facilis, lenis und mitis sowie die Verstärkung multo und die rhetorische Frage quis enim ... ? heraus. Bei der Grausamkeit setzt er auf eine starke Inversion, durch die die zu betonende crudelitas ans Satzende rutscht, wodurch das Augenmerk besonders auf dieses harte Wort gelegt wird. Außerdem wird es so als Hyperbaton vom Interrogativpronomen quae gesperrt, womit der Redner die Aussagekraft der rhetorischen Frage verstärkt. Um seine Empfehlung, die Gefangenen zu töten, zu rechtfertigen, argumentiert Cicero also über zwei entgegengesetzte Wege: Auf der einen Seite sei der Tod gar nicht so hart, und überhaupt sei Cicero von sehr mildem Gemüt, und auf der anderen Seite sei keine Strafe hart genug. Damit will der Konsul sowohl die Verfechter einer Haftstrafe als auch die Befürworter des härtest möglichen Umgangs mit den Delinquenten auf seine Seite ziehen und von der Rechtmäßigkeit seiner Handlungsweise überzeugen.

Unabhängig von der Richtung, in die Cicero argumentiert, nutzt er zur Rechtfertigung auch noch ein weiteres Mittel: Immer wieder spricht er in der ersten oder zweiten Person Plural beziehungsweise von wir und ihr, so zum Beispiel an folgenden repräsentativen Stellen:

tantam in vobis auctoritatem (Cic. Catil. I,32)

Sine dubio perdidimus hominem magnificeque vicimus (Cic. Catil. II,1)

Nam toti urbi, templis, delubris, tectis ac moenibus subiectos prope iam ignis circumdatosque restinximus, idemque gladios in rem publicam destrictos rettudimus mucronesque eorum a  iugulis  vestris  deiecimus. (Cic. Catil. III,2)

tantis periculis rem publicam tanta pace, tanto otio, tanto silentio liberassemus (Cic. Catil. III,17)


Das könnte zum einen dem Zwecke dienen, dem Senat zu schmeicheln. Als homo novus kämpfte Cicero stets darum, von  den anderen Senatoren aus gutem Hause   voll anerkannt und respektiert zu werden, und nutzte hier vielleicht die Gelegenheit, sich mit ihnen zu solidarisieren und den Ruhm  mit ihnen zu teilen. Das Moment    der Rechtfertigung liegt folglich im Ansatz, im Senat durch untertänige Dienste am Staate Anerkennung zu erlangen. Zweifellos ist das jedoch kein Gedankengang, den

Cicero in der Öffentlichkeit erörterte, da er ein Zeichen von Schwäche und Minderwertigkeitskomplexen wäre. Dennoch könnte er eine Rechtfertigung Ciceros vor sich selbst gewesen sein. Etwas naheliegender wäre der andere Ansatz, dass Cicero sein Schicksal mit dem des Senats verbinden wollte, indem er ihn in alle Entscheidungen mit einbezog. Dazu passt auch der Aspekt, dass Cicero seine Maßnahmen durch den Senat legitimieren wollte, beispielsweise an der Stelle mit cum tacent, clamant. Indem er jede Aktion und jede Entscheidung für vom Senat so angeordnet ausgab, wollte Cicero sicherstellen, persönlich nicht allein für etwaige Rechtsbrüche verantwortlich gemacht zu werden. Da der senatus consultum ultimum weder konkrete Sondervollmachten beinhaltete noch Catilina als Staatsfeind namentlich ächtete, war ihm daran gelegen, sich lediglich als Vollstrecker des Willens des Senats zu präsentieren, statt allein und persönlich für seinen eigenen Plan haftbar gemacht zu werden. Im Leugnen der alleinigen Verantwortung liegt also hier das Moment der Rechtfertigung.

Resümee

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Cicero verschiedene Momente der Rechtfertigung anführt, um einige seiner schwerwiegenderen Entscheidungen zu begründen. Seine Agitation gegen Catilina rechtfertigt er, indem er dem Senat die einhellige Zustimmung dazu unterstellt. Da er zum Allgemeinwohl handle, ohne sich von eigenen Interessen leiten zu lassen, sei auch die Entscheidung, Catilina gehen zu lassen, gerechtfertigt. Dafür spreche auch, dass Cicero so die Öffentlichkeit zweifelsfrei von Catilinas Schuld überzeugen konnte, nachdem zuvor viele an dessen Unschuld festhielten. Dabei wird deutlich, dass Cicero sich zu diesem Zeitpunkt im juristischen Dilemma zwischen Grundrechten und nationaler Sicherheit befand. Um den Senat zur Hinrichtung der Catilinarier zu bewegen, argumentiert Cicero später, dass der  Tod  einerseits nicht  die härteste Strafe sei, dass aber andererseits auch keine Stra-   fe zu grausam sei. Über diese einzelnen Aspekte hinaus weist Cicero grundsätzlich die alleinige Verantwortung für die Vorgehensweise des Senats zurück, indem er die Erfolge der Exekutive sprachlich dem ganzen Senat anrechnet. Er stellt seine Taten nicht nur als rechtmäßig, sondern als notwendig für den Staat dar. Ihm zufolge wäre es folglich eher eine Straftat gewesen, nicht so zu handeln, wie er es tat.

Conclusio

Zusammenfassende Beurteilung der Kernthesen

Der Aufbau dieser Arbeit ist an den vier in den Prolegomena eingeführten Kernthesen orientiert. Im Hauptteil wurden sie durch die Analyse von Sprache und Inhalt der Redetexte überprüft. Im Folgenden wird das Ergebnis dieser Analyse zusammengefasst.

Die These der persönlichen Herabwürdigung Catilinas durch Cicero ist klar zu bestätigen. Aus den fünf untersuchten Reden wurden sieben Leitmotive herausgearbeitet, die diese Kernthese stützen.

Cicero unterstellt Catilina Unwürdigkeit, indem er ihn als herausfordernden Verbrecher darstellt und seine Anwesenheit im Senat illegitimiert. Catilina sei weiterhin ein ruchloser Krimineller, der jedoch bereits überführt sei. Trotzdem gehe eine große Gefahr von ihm aus, da er bei seinen Aktivitäten sehr umsichtig und gekonnt vorgehe. Besonders klar wird die Diffamierung Catilinas beim Motiv seiner persönlichen Verdorbenheit, die Cicero durch charakterliche Laster, beschämendes Verhalten und Schande Catilina zuordnet. Cicero konkretisiert diese Aspekte durch das Bild der Seuche. Jene innere Schlechtigkeit resultiert Cicero zufolge in frevlerischen Handlungen gegen Götter und Staat sowie in Feindseligkeit Rom gegenüber, weshalb Catilina in jedem Sinne ein Staatsfeind sei. Da die Öffentlichkeit dies durchschaut habe und verurteile, sei Catilinas Position unhaltbar.

Diese Diffamierungen lassen sich gut im Wort hostis bündeln. In Rückbezug zum Titel der Arbeit ist der Begriff Vaterlandsverräter in Ciceros Argumentation durchaus passend für Catilina.

Auch die Kernthese der Selbstrühmung hat sich als zutreffend und akkurat erwiesen. Sieben Leitmotive, die Cicero auf seine Person und sein Handeln bezieht, stützen die These.

Cicero charakterisiert sich als im römischen Sinne guten Anführer der Römer, der in einer Gemeinschaftsleistung mit dem Senat auf geschickte und gerechte Weise Catilina in seine Schranken weisen konnte. Begründet durch seine Wichtigkeit und sein geschicktes Vorgehen fordert Cicero großen Ruhm für sich ein: Da die Bewahrung Roms gleichwertig mit seiner Gründung und Vergrößerung seien, gebühre ihm der Ruhm eines militärischen Siegers. Außerdem stellt sich Cicero als tugendhaften Helden dar. Demzufolge passt der Begriff des Vaterlandsretters aus Ciceros Sicht zu dessen Person.

Die dritte Kernthese war die Polarisierung durch Cicero. Sie hat sich nicht nur bestätigt, sondern gewissermaßen als Ciceros Kernaussage erwiesen. Er zeichnet ein Bild von zwei entgegengesetzten Positionen ohne Zwischenstufen: Auf der Seite des Senats und seiner selbst verortet er die Republik, die römischen Tugenden und das Gute. Catilinas Seite ordnet er Verbrechen, Verdorbenheit und Laster sowie das Unrömische und Böse zu. Cicero stellt sich in der Tat als Vaterlandsretter und Catilina als Vaterlandsverräter dar. Dieser Gegensatz ist das Zentrale von Ciceros Ausführungen.

Schließlich wurde die Kernthese der Rechtfertigung Ciceros für seine Handlungen geprüft. Auch sie wurde durch die Analyse bestätigt. Cicero begründet sowohl seine

Conclusio

Entscheidung, Catilina aus der Stadt ziehen zu lassen, als auch seine Empfehlung,  die gefangenen Catilinarier mit der äußersten Strafe (extremum supplicium), sprich der Todesstrafe, zur Rechenschaft zu ziehen. Dabei wird sein Dilemma zwischen Grundrechten und nationaler Sicherheit deutlich. Außerdem musste er die Hinrichtung der Catilinarier bewirken, ohne dafür später wegen Mordes belangt zu werden. Darüber hinaus rechtfertigt Cicero sich dadurch, dass er die alleinige Verantwortung für die Vorgehensweise des Senats zurückweist.

Fazit

Die vier Kernthesen konnten allesamt verifiziert werden. Dabei bilden die Diffamierung Catilinas und die Selbstrühmung Ciceros den Unterbau für die Polarisierung zwischen zwei Seiten. Darüber hinaus rechtfertigt sich Cicero in seinen Reden.

Der Titel »Vaterlandsretter versus Vaterlandsverräter« umschreibt die Thematik sehr treffend. Der Begriff des Vaterlandsretters steht dabei für Ciceros Selbstrühmung und Darstellung seiner selbst als römischen Held, der des Vaterlandsverräters für Ciceros Diffamierung Catilinas und dessen Darstellung als unrömischen Staatsfeind. Die Präposition versus versinnbildlicht den Gegensatz und die Polarisierung zwischen diesen beiden Positionen. Darüber hinaus ruft sie den Kampf zwischen den beiden Kontrahenten in Erinnerung, der mit politischen und militärischen Mitteln ausgetragen wurde. Dabei ist wichtig zu erwähnen, dass Cicero diesen Kampf für sich entscheiden konnte, da Catilina getötet und sein Umsturz vereitelt wurde.

Die Gegenüberstellung Vaterlandsretter versus Vaterlandsverräter stellt nicht nur den Titel dieser Arbeit dar, sondern fasst auch das Ergebnis der Analyse zusammen, da Ciceros Darstellung Catilinas und seiner eigenen Position auf genau dieses Duell hinauslaufen.


Literaturverzeichnis

Primärtext

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Sekundärliteratur

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Gildenhard, Ingo. Creative Eloquence. New York: Oxford University Press, 2011. Kurczyk, Stephanie. Cicero und die Inszenierung der eigenen Vergangenheit. Köln:

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Ueding, Gert. Klassische Rhetorik. München: C. H. Beck, 1996.

Ungern-Sternberg, Jürgen von. »Das Verfahren gegen die Catilinarier oder: Der vermiedene Prozess«. In: Große Prozesse der römischen Antike. Hrsg. von Ulrich Manthe und Jürgen von Ungern-Sternberg. München: C. H. Beck, 1997.

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