— von Werner Dahlheim

1. Livius, der Patriot:

Die Historiker Roms erzählen gerne Geschichten von edelmütigen Männern und Frauen. Diese sind klug, tapfer, gerecht, fromm und entschlossen, der Republik alles zu opfern – der Republik, nicht dem Eigennutz, nicht der Familie. Am liebevollsten berichtet von ihnen Livius. Er griff zur Feder, als Augustus Alleinherrscher geworden, die Gefahr neuer Bürgerkriege jedoch noch nicht gebannt war. Sein Ziel sei es, bekundet er einleitend, seine Zeitgenossen anzuhalten, dem Vorbild der verehrten Alten zu folgen. Jeder, mahnt er, solle darauf achten, wie einst das Leben und die Sitten waren, und „durch was für Eigenschaften zu Hause und im Krieg die Herrschaft geschaffen und vergrößert wurde.“ Eigenschaften kann man benennen, ihren Nutzen theoretisch erklären, sie theologisch begründen. Livius kleidet sie in Geschichten.

salus publica lex suprema esto:

Eine handelt von Horatia, Tochter aus hochadligem Haus (1,26). Sie hatte drei Brüder, die im Kampf drei Gegner erschlugen, die für die Stadt Alba fochten. Einer der getöteten Feinde war der Verlobte der jungen Römerin. Als der siegreiche Bruder mit den Trophäen der Besiegten nach Rom zurückkehrte, löste sie ihr Haar und rief unter Tränen den Namen ihres gefallenen Geliebten. Von diesem Jammer tief erbittert, verlor der Heimkehrer die Fassung, zog sein Schwert und stieß seine Schwester nieder. „So soll jede Römerin dahinfahren“, rief er, „die um einen Feind trauert.“

Dies war Mord, und er forderte nach Recht und Gesetz Sühne. Als das Volk zusammentrat, um darüber zu urteilen, drängte sich der Vater vor. Seine Tochter sei zu Recht getötet worden, schrie er, umarmte seinen Sohn und wandte sich an seine Mitbürger: Könnt ihr wirklich mit ansehen, dass dieser Mann, der mit Schwert und Schild dem römischen Volk die Herrschaft gewann, jetzt von den Henkern gefoltert wird? Das Volk konnte nicht und sprach den Angeklagten frei, „mehr aus Bewunderung für seine Tapferkeit als aufgrund der Rechtslage.“

Diese Geschichte eines unglücklichen Mädchens beschreibt eine Familientragödie. Ihre eigentliche Pointe findet sich jedoch im Konflikt zwischen privat und öffentlich, zugespitzt durch den Widerstreit zwischen Mord und Heldentum. Die Tapferkeit und die Entschlossenheit, bedingungslos für den Staat sein Leben einzusetzen, so will es das Volk, darf das Recht beugen und die Familienbande zerstören.

Das Hohelied der Disziplin:

Tapferkeit allein, so sehr man sie preisen mag, gewinnt keine Kriege, ja setzt greifbare Erfolge aufs Spiel und bedarf daher der Zügel. Livius weiß es und erinnert an Titus Manlius (6,16-7,22). Dieser war zum Nationalhelden geworden, als er im Zweikampf einen gallischen Maulhelden gefällt hatte. 340 vom Volk zum Konsul gewählt, führte er das Kommando im Krieg gegen die Latiner. Als einer seiner Offiziere diente sein Sohn, hitzköpfiger Anführer einer Reiterschwadron, versehen mit einer unmissverständlichen Order: Keine Feindberührung, kein Angriff ohne ausdrücklichen Befehl. Der Sohn schlug die Weisung in den Wind, griff an, siegte und brachte die Rüstung des erschlagenen Feindes stolz dem Vater. Dieser aber wandte sich ab und versammelte das Heer. Ohne militärischen Disziplin, erklärte er bündig, könne der Staat keinen Bestand haben, und daher befehle er den Liktoren, den Sohn zu binden und zu richten.

Jahrhunderte später las Heinrich von Kleist die Geschichte und machte aus ihr den Fall des „Prinzen von Homburg“. Ihm aber wird Gnade gewährt, ihn dürfen Reue und Einsicht läutern. Nichts davon bei Livius: statt Gnade für den Sohn das Credo des Vaters, es sei besser, die Familie für das Vergehen zu strafen, als dem Staat zu schaden. Denn wer gegen das Gesetz oder gegen einen Befehl verstoßen hatte, gleichviel ob in bester Absicht oder unwillentlich, war schuldig und hatte jeden Anspruch auf Milde verwirkt.

Es ist dies die Predigt von einem Römertum, das die militärische Disziplin als höchstes Gut feierte. Denn, so schrieb Valerius Maximus kurz nach Livius, sie habe dem Imperium Italien zu Füßen gelegt, den Zugang zum Schwarzen Meer geöffnet und die Riegel der Alpen gesprengt (2,8). Der Grund dieser fast sakralen Verehrung der Disziplin findet sich schnell in den Bürgerkriegen. Im Schutz ihrer Siege brandschatzten die Legionäre die Häuser der Reichen und Armen, während ihre Generäle die Provinzen ausraubten. Von der Zähmung dieser entfesselten Soldateska hing der Bestand der augusteischen Monarchie ab. Mit Livius gesprochen: Das Beispiel des Manlius sollte die Reihen der römischen Armeen neu ordnen. Die disciplina militaris musste bändigen, was in den Bürgerkriegen aus dem Ruder gelaufen war.

Das Opfer für den Staat:

Noch eine letzte Geschichte. In ihr erzählt Livius von Marcus Curtius, einem jungen, im Krieg ausgezeichneten Mann. Als am Forum die Erde aufriss, verkündeten die Seher, wenn Rom wolle, dass es ewig bestehe, müsse es in dem Spalt begraben, wodurch es am meisten vermöge. „Waffen und der Mut eines Mannes (arma virtusque)“ seien es, rief Curtius seinen ratlosen Mitbürgern zu, betete zum Himmel, weihte sich als Opfer und stürzte sich mit Pferd und Waffen in den Spalt, der sich über ihn schloss. Die Menge warf Opfergaben und Früchte, hatte Curtius doch das Wohl des Staates über das eigene Leben gestellt.

Curtius und viele andere, so die Quintessens der gehörten Geschichten, haben vorgelebt, dass der Staat von seinen Bürgern alles verlangen kann. Keiner der livianischen Helden war einzigartig wie Achill, wohl aber ein Vorbild für jeden Römer. Sie beanspruchten ihren Ehrenplatz in der Geschichte, weil sie sich bis zur Selbstaufgabe der Republik geopfert hatten. Der Satz Ciceros vom Wohl des Staates, dem alles unterzuordnen sei (salus publica lex suprema esto), wird in ihren Lebensläufen zur erzählten Geschichte (de legibus 3,3,8). Und sie sollte helfen, eine aus den Fugen geratene Welt zu heilen.

 

Die Rechtfertigung des Weltreiches:

Aus den Fugen geraten waren auch die geschundenen Provinzen. Ihre Bewohner mussten lernen, sich zu beugen, wenn dem Imperium Dauer beschieden sein sollte. Seine Existenz zu rechtfertigen, wurde daher zur Pflicht aller, auch der Dichter und Geschichtsschreiber. Sie hatten der Tugend ein Gesicht zu geben, die nicht nur die Macht, sondern auch die Fürsorge des Siegers bewies. Von ihr malte Livius eindrucksvolle Bilder, die alle eine einfache Lehre enthalten: Der Anspruch Roms auf die Weltherrschaft ist legitim, denn sie gründet auf Recht und Großmut, und sie ist für die Unterworfenen ein Segen.

Zum Beweis erzählt Livius ein anrührendes Liebesdrama. Es spielt in Spanien vor den Toren des 209 eroberten Neu-Karthagos: Unter den Gefangenen, so lesen wir, sei ein Mädchen gewesen, das mit einem jungen Mann aus vornehmem Hause verlobt war. Scipio, der Anführer der römischen Truppen, habe, bestürmt von den Bitten der Eltern und bewegt von der Zuneigung der beiden, auf seine Beute verzichtet und den Liebenden die Freiheit gegeben. Nur eine Bedingung habe er, erklärte der Feldherr, jetzt ganz Römer, dem glücklichen Bräutigam: „Sei ein Freund des römischen Volkes!“, denn er und die Seinen könnten keinen besseren finden. Von der Großmut des Römers bekehrt, sammelt der ehemalige Feind über tausend Reiter, mit denen er an der Seite der Legionäre kämpfte (26,50,8f.).

Der nächste Akt führt in die von Rom belagerte Stadt Falerii (5,27). Von dort verschleppt der Schulmeister die ihm anvertrauten Kinder ins römische Lager und prahlt, nun habe er die Eingeschlossenen in die Hand der Feinde gegeben. Er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Der römische General lässt ihn nackt nach Falerii prügeln und gibt den Eltern ihre Kinder zurück: „Auch der Krieg“, erklärt er dem Fassungslosen, „hat wie der Friede seine Rechtsgrundsätze; und wir haben gelernt, ihn nicht weniger rechtlich als tapfer zu führen.“ Und er fügt, an die Seinen gewendet, hinzu: „Ich werde mit römischen Mitteln siegen, mit Tapferkeit, mit Belagerungsmaschinen und mit Waffen.“ Besiegt von dieser Großmut und von ihrer Begründung ergeben sich die Stadtväter Faleriis: „wir glauben, dass wir unter eurer Herrschaft besser als unter unseren eigenen Gesetzen leben werden“ (8,13,16).

Auf dieses Eingeständnis läuft die kleine Geschichte zu. Auch sie ist eine leicht fassbare Kalendergeschichte, intellektuell anspruchslos, voller Schrecken, aber auch voller Gefühle. Gerade darin liegt die Überzeugungskraft der Lehre von einem Imperium, das mit reinen Händen geschaffen worden sei und Bestand haben wird, da es eine bessere Welt geschaffen hat.

 

  1. Die Wirklichkeit:

Alle diese Geschichten haben mit der Wirklichkeit der späten Republik wenig zu tun. In den Provinzen prägten Willkür und Plünderungen den Alltag. Im Senat und auf dem Forum tobten heftige Fehden habgieriger Barone um die lukrativsten Statthalterschaften und die gewinnträchtigsten Kriegszüge. Wie ein Brandbeschleuniger wirkte die imperiale Expansion, der keine Grenzen mehr gesetzt waren. Auf ihrem Höhepunkt gebar sie den Bürgerkrieg, der die alte Ordnung auslöschte.

 

Sallust, Parteigänger Caesars, datiert den Beginn des Übels mit der Zerstörung Karthagos 146 v.Chr. Sie habe mit der Furcht vor dem auswärtigen Feind auch die innere Einheit beendet, Adel und Volk gegeneinander aufgebracht, wenigen großen Familien die Macht über  Provinzen, Ämter und Triumphe geschenkt; schrankenlose Habsucht habe sich ausgebreitet, alles besudelt und verwüstet. Plutarch stieß wenig später ins gleiche Horn: Cicero sei in eine Zeit hineingeboren worden, in der die römischen Feldherrn und Statthalter zum offenen Raub übergegangen seien, „als ob das einfache Stehlen etwas Übliches wäre.“

Die These, der Zusammenbruch der Moral habe die Republik in die Selbstzerstörung getrieben, ist nicht falsch, beschreibt aber nur einen Teil der Wahrheit. Sie übersieht, dass sich mit den imperialen Kriegszügen die Umstände, nicht die Menschen geändert hatten. Das Konsulat und der große Krieg – dies war schon immer das höchste Ziel des Adels gewesen, denn beide brachten Anerkennung, Ehren und Reichtümer.  Jetzt, nach den Siegen im Osten des Mittelmeerraumes, waren die Römer die Herren eines Weltreiches geworden, und dies gab allen ihren Handlungen ein anderes Gewicht.

Sulla:

Ein Beispiel lehrt, dies zu verstehen. Im Sommer 88 brannten zum ersten Mal in der Geschichte Roms die Wachfeuer der eigenen Truppen auf dem Forum, zum ersten Mal trieben Legionäre Senatoren und Ritter aus ihren Häusern, zum ersten Mal verlas im Sitzungssaal des Senats ein römischer General seine Befehle. Die Bühne dieses unerhörten Schauspiels hatte zwei Ereignisse geschaffen:

- Rom rüstete zum Krieg um die Provinz Asia, die der pontische König Mithridates VI. erobert hatte.

- Der Senat, der den amtierenden Konsul Sulla mit dem Krieg betraut hatte, musste erleben, dass die Volksversammlung per Gesetz seine Entscheidung aufhob und einen neuen Feldherrn ernannte. Sulla, der in Unteritalien sechs marschbereite Legionen befehligte, sah sich um die Führung eines Feldzuges betrogen, der wenig Mühe, aber unendlichen Gewinn versprach. Nun stellte ihn der Volksbeschluss vor die Wahl, künftig als Rentner zu leben oder um der eigenen Ehre willen die Waffen gegen den Staat zu kehren.

Sulla tat, was ihm seine Selbstachtung gebot. Er gab seinen Truppen den Marschbefehl und stürmte Rom nach kurzem Kampf. Seine Soldaten waren ihm ohne Zögern gefolgt. Er hatte ihnen erklärt, dass sie der vom Volk eingesetzte neue General zurücklassen und ihm genehmere Truppen in das Land ihrer Träume führen werde.

Sullas Argumente trafen den Nerv seiner Legionäre. Sie hatten viel zu verlieren: Gewaltige Beute in Asien und nach der Rückkehr die Versorgung mit Land. Sullas Zorn über die Kränkung, die ihm als hochwohlgeborener Aristokrat widerfahren war, verband sich mit der Sorge seiner Soldaten, mit leeren Händen darzustehen, während andere sich in Asien die Taschen füllten. So nahmen sich der in seiner Ehre verletzte General und seine um ihre Hoffnungen betrogenen Krieger, was sie für ihr gutes Recht hielten.

Fünf Jahre nach seinem Feldzug in Asien kehrte Sulla mit 40.000 Soldaten nach Italien zurück, rang in schweren Kämpfen seine Gegner nieder und eroberte zum zweiten Mal Rom. Jetzt war er der mächtigste Mann geworden, den die römische Geschichte bis dahin gekannt hatte, und niemand durfte erwarten, dass er seine Feinde schonte. Öffentliche Listen machten alle bekannt (proscribere), die seine Gegner waren. Sie wurden für vogelfrei erklärt, ihre Besitztümer öffentlich versteigert und alle Bürger verpflichtet, Flüchtlinge anzuzeigen. Mindestens 40 Senatoren und 1600 Ritter verfielen dem Beil des Henkers oder fanden durch Kopfjäger den Tod. Der Terror hielt Einzug in Rom.

Was die Zeitgenossen allenfalls erahnen konnten: Der in den asiatischen Krieg ziehende General hatte mit seinem Staatsstreich die Axt an die Wurzel der Adelsrepublik gelegt. Jeder, der künftig mehr begehrte, als ihm die Republik zuwies, kannte nun die Zauberformel, die den Weg zu Macht, Geld und Ruhm öffnete. Und nur allzu schnell zeigte sich, dass die Schar der Lehrlinge wuchs, die die Formel auch zu gebrauchen wussten und die unheilvolle Allianz zwischen Soldat und General immer fester schmiedeten. Sulla hat sie nicht geschaffen, sondern nur als erster genutzt; früher oder später hätte ein anderer wie er gehandelt.

Pompeius:

Krieg zu führen, gehörte schon immer zum Lebensziel des Adels. Das Imperium aber setzte neue Maßstäbe. Wer nach Jahren aus immer ferneren Ländern mit seinen Soldaten siegreich heimkehrte, wollte sich niemandem mehr unterwerfen, weder dem Gesetz noch dem Urteil der Standesgenossen. So handelte Sulla, so sein ungeliebter Schüler Pompeius. Als dieser Ende der 60er Jahre von seinem beispiellosen Siegeszug im Nahen und Mittleren Osten heimkehrte, feierte er einen zweitägigen Triumph, der alles bis dahin in Rom Gesehene in den Schatten stellte. Er sagt uns selbst, warum.

„Cn. Pompeius der Große, der Imperator“, so war am Tempel der Minerva nachzulesen, habe einen dreißigjährigen Krieg beendet, 12 Millionen Menschen in die Flucht geschlagen, getötet oder zur bedingungslosen Kapitulation gezwungen; über 800 Schiffe habe er versenkt oder erbeutet, 1538 Städte und Burgen zur Übergabe gebracht, die Länder vom Asowschen bis zum Roten Meer unterworfen (Plinius, Naturkunde 7,96).

Dieser unerhörte Jubel unterstrich, warum der Herr des Krieges darauf beharrte, der Erste in Rom zu sein. Es war der dritte Triumph, den er feierte, und es war der dritte Erdteil, den er für Rom bezwungen hatte. Er setzte, begeisterte sich Cicero, „dem Reich nicht die Erde, sondern den Himmel als Grenze.“ (Catilina 3,26). Wer wollte leugnen: Pompeius hatte guten Grund zu erwarten, dass der Staat ihm Dank schulde, ja in der Pflicht sei, allen seinen Wünschen nachzukommen. Weigerte er sich, drohte der Staatsstreich.

Caesar:

Dazu und zu weit Verhängnisvolleren kam es, als Julius Caesar im Jahre 49 aus Gallien zurückkehrte. Er hatte dort acht Jahre Krieg geführt, Rom ein großes Land erobert, den Rhein überschritten und seine Truppen nach Britannien geführt. Nun forderte er, was ihm in seinen Augen als Führer eines Feldzuges zustand, der Rom reicher und mächtiger gemacht hatte: das zweite Konsulat. Der Senat lehnte ab.

Er tat es mit guten Gründen. Denn was von einem Konsul Caesar zu erwarten war, ließ sich unschwer erraten. Vordringlich war die Versorgung seiner Gefolgsleute und seiner Soldaten mit Ämtern und Land. Gelang dies, besaß Caesar auf Jahre hinaus eine ergebene Gefolgschaft, welche die Gesetzgebung dominieren konnte.

Nicht minder schwer wog die Furcht, dass Caesar nach seinem Konsulat ein neues langfristiges Militärkommando antreten würde. Es konnte nur im Osten liegen, wo jenseits des Euphrat das Reich der Parther wartete. Wer von dort als Sieger zurückkehrte, gehüllt in den Mantel eines zweiten Alexander und geschmückt mit dem Glanz großer Siege, war der neue Herr Roms. Mit welchem Titel er dann seine Alleinherrschaft vergolden mochte, bedeutete wenig oder nichts. „Mit verfassungsmäßigen Zuständen wäre es zu Ende, wenn Caesar Konsul würde“, kommentierte Pompeius. Dies war nicht übertrieben.

Auch Caesar plagten keine Zweifel. Verlegte man ihm den Weg zum Konsulat, wartete auf ihn das Exil und auf Zehntausende seiner Soldaten und Freunde das Elend. Seine Ehre (dignitas) als Aristokrat war dahin, wenn er dies zuließ und das Knie vor Männern beugte, die Roms Macht weniger als er gemehrt hatten. So gab er im Januar 49 seinen Legionen den Befehl, in Italien einzufallen. Ihm war am Ende nur die Wahl geblieben, als Exilant in den Hafenkneipen von Marseille Seebarben zu speisen oder Krieg gegen die eigenen Bürger zu führen.

Als seine Truppen ihre Marschbefehle erhielten, begann der Krieg, seinen eigenen Gesetzen zu gehorchen. Sehr bald sollte er zum Weltkrieg werden, der sich über fünf Jahre hinzog und jede Provinz des Reiches erschütterte. Als alles vorbei war, weigerte sich der Sieger, die Zahl der Gefallenen zu veröffentlichen – seine Prophezeiung bei Kriegsbeginn, nun drohe allen Menschen Unglück, war bittere Wirklichkeit geworden.

Der Traum vom zweiten Alexander:

Die Jahre des Bürgerkrieges hatten tiefe Gräben zu seinen Standesgenossen aufgerissen. Sie zu überbrücken, fehlte dem alt Gewordenen nicht nur der Wille, sondern auch die Zeit. Er konnte nicht darauf warten, dass seine Todfeinde vor ihm ins Grab sanken. Solange sie lebten, verziehen sie ihm die Blutopfer nicht und taten seine Gnadenerweise als tyrannische Geste ab.

Caesar nahm den Fehdehandschuh auf. Er erklärte die Republik „zum Nichts, zum Namen ohne Körper und greifbare Gestalt“ und richtete seine ganze Energie auf die Vorbereitung des Feldzuges gegen die Parther. Er sollte weit größer sein als alle, die ein Römer je geführt hatte. Wer ihn siegreich beendete, hatte Göttliches vollbracht und musste niemandem seinen Anspruch auf die Herrschaft über Rom und den Erdkreis erklären.

Bereits das neu geschaffene Zeremoniell des öffentlichen Auftretens verdeutlichte jedermann, dass Caesar nicht mehr mit irdischen Maßstäben gemessen werden wollte. Seine Schuhe waren die purpurfarbenen seiner sagenumwobenen Vorfahren, der Könige von Alba Longa, sein Haupt bedeckte ein goldener Kranz, das Herrschaftszeichen der etruskischen Könige, und seinen Körper umhüllte eine Toga, die durchgehend aus rotem Stoff gewebt war. Sie trug auch der triumphierende Feldherr, und von ihr wusste jeder Römer, dass sie das Gewand Jupiters war.

Kein Zweifel: Wer so auftrat, duldete keinen Widerspruch. Seine Macht hüllte er in den Titel „Diktator auf Lebenszeit“ – dies reichte aus, um den großen Krieg im Osten zu führen. Was nach dem Sieg die Herrschaft des neuen Alexander kennzeichnen sollte, konnte warten.

Jedoch: Weder die eigene Gefolgschaft und schon gar nicht die alten Familien waren bereit, solche Träume einer göttlich legitimierten Allmacht hinzunehmen. Ein diffuses Bündnis aus beiden verschwor sich und betrieb den Tod des Diktators. Als der ersehnte Tag des Aufbruchs in den Osten dämmerte, war der Sieger über Gallien tot. Am 15. März trafen ihn die Dolche seiner Mörder, als er im Senat seinen Amtssessel erreichte. Statt über die Parther fielen jetzt Römer über Römer her, und in den Bruderkriegen, die den Iden des März folgten, verbrannte zu Asche, was es von der alten Staatsordnung noch gab.

Der Untergang des alten Adels:

Rückblickend ist die Tragödie der Republik und ihrer Herrenkaste leicht zu entschlüsseln. Ihre Feldherren hatten die Verführung der absoluten Macht kennen- und lieben gelernt und keiner von ihnen war bereit, seinen imperialen Phantasien Grenzen zu setzen. Von Lucullus etwa, der in den 70er Jahren Krieg in Asien führte, erzählte man sich, er habe nach dem Sieg über Armenien davon geträumt, „drei Könige nacheinander niederzuringen und unbesiegt die drei größten Reiche unter der Sonne zu durchziehen.“ (Plutarch, Lucullus 30,2).

Die so dachten und handelten, wurden zur tödlichen Gefahr für die Republik. Die im Senat versammelten Standesgenossen erschienen ihnen ärmlich, beschränkt und unwissend. Jetzt wollten sie allein entscheiden, jetzt sollte ihr Wort vor allen anderen Gehör finden. Ihr Verlangen nach immer neuen großen Aufgaben und ihre Hoffnung auf Unsterblichkeit passten sich der Dimension des Weltreiches an, das sie eroberten. Die neu Hinzudrängenden sahen und lernten, dass wirkliche Macht nur durch Krieg und Ausbeutung zu erringen war. So unterwarfen sie die Außenpolitik ihrem Zugriff und türmten immer ungehemmter große Militärkommandos aufeinander.

Bis Sulla waren es noch äußere Gefahren gewesen, wie z.B. die Vertreibung des Mithridates aus Asien, die große Armeen und fähige Befehlshaber forderten. Danach schuf sich der Ehrgeiz einiger weniger, die Krieg und Eroberung zu ihrem Metier gemacht hatten, seine Betätigungsfelder selbst. Nicht mehr der nach der Verfassung zuständige Senat, sondern die Heerführer entschieden über die Kriegsziele. So führte Caesar Krieg in Gallien wie es ihm gefiel, und seine Legionen hörten auf ihn, nicht auf Weisungen aus Rom.

Der Kirchenvater Augustinus hatte Männer wie ihn vor Augen, als er über die politischen Eliten Roms sein Urteil fällte: Einzig dünkelhafte Selbstsucht habe sie bis an die Grenzen der Erde getrieben, „Ruhm liebten sie glühend, für ihn gingen sie ohne Zögern in den Tod; die übrigen Begierden drängten sie zurück aus gnadenloser Sucht nach Ruhm und nichts als Ruhm“ (Gottesstaat 5,12,15ff.) Die Sucht nach Ruhm. Cicero nennt 400 Jahre vor Augustinus, was er versprach: „Der Ruhm allein tröstet uns durch das Andenken der Nachwelt über die Kürze des Lebens hinweg; er allein erlaubt den Menschen, sich wie auf Stufen bis in den Himmel zu erheben.“

Caesar hätte fraglos zugestimmt. Denn der Satz beschreibt, was ihm als Lebensziel geblieben war, als die im Bürgerkrieg angerichteten Zerstörungen eine Versöhnung mit der Republik nicht mehr zuließ: Kriegsherr im Stile des Welteroberers Alexander. Dies wies allein noch den Weg zur Unsterblichkeit.

Der Verzicht auf die Macht:

Noch einmal zurück zu Livius. In seinem großen Repertoire von Geschichten findet sich auch die vom braven Cincinnatus. Dieser hatte nach einem schweren Schicksalsschlag der Politik abgeschworen und sich auf seinen Landsitz zurückgezogen. Dort, hinter dem Pflug, erreichen ihn eines Tages Gesandte aus Rom und bitten ihn händeringend, das Amt des Diktators und das Kommando über die römischen Truppen zu übernehmen. Cincinnatus folgt ihrem Ruf, rettet das von seinen Feinden tödlich bedrohte Rom, legt nach 16 Tagen sein Amt nieder und kehrt als Privatmann zu seinem Pflug zurück (3,26).

Da war einer, der der Versuchung widerstanden hatte, die im Krieg gewonnene Stärke zum Staatsstreich zu nutzen. Ein vorbildlicher Republikaner – gewiss. Seine Geschichte sollten nach Livius vor allem die hören, die in dem Wahn lebten, Geld und Macht allein mache den Mann. Unter denen, die dies lasen, war auch Augustus. Das Schicksal des Cincinnatus mag ihn gerührt haben. Aber er hätte dessen Verzicht wohl als politisches Analphabetentum belächelt. Eben dies hatte Caesar getan, als er den Rücktritt Sullas von seinem diktatorischen Amt kommentierte.

Lange Jahrhunderte erinnerte man sich eher beiläufig an diesen Helden des Verzichts - aber nicht für immer. 1783 kam er zurück auf die politische Bühne. Im Dezember dieses Jahres gab George Washington, Befehlshaber im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, sein Kommando mit großer Geste an den Kongress zurück. Sein Offizierskorps, unter dem der Plan kursierte, ihn zum Diktator oder König auszurufen, brachte er durch einen persönlichen Apell zur Raison. Die Öffentlichkeit identifizierte ihn daraufhin mit Cincinnatus, hatte er doch wie dieser seine militärische Gewalt ostentativ in die Hände der Bürger gelegt. In dieser Rolle flicht man ihm bis heute Kränze.

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