— von Michael Lobe

Die Amores sind Ovids Erstlingswerk, das der junge Autor im Alter von etwa 18 Jahren begonnen hat. Die erste Auflage umfasste fünf Bücher und entstand im Zeitraum von 25 – 15 v. Chr. Wir besitzen nur die zweite Auflage, die aus drei Büchern besteht und wahrscheinlich 1 v. Chr. das Licht der Öffentlichkeit erblickt hat. Die Amores wurden zu einem raschen Publikumserfolg. Natürlich dürfte dabei v.a. der fiktive, frech-frivole Liebesroman zwischen Corinna und dem Dichter-Ich die Öffentlichkeit begeistert haben1 , und die Rezipienten mögen auch Ovids souveränes Spiel mit dem elegischen System und den Themen der Vorgänger Gallus, Tibull und Properz goutiert haben - nicht zuletzt aber dürften meiner Ansicht nach auch die durchgängig eingestreuten Sticheleien auf augusteische Politik und Ideologie zur Beliebtheit der Amores beigetragen haben. Wilfried Stroh hat 1979 in einem Beitrag2 nachgewiesen, wie Ovid in den Amores die Ehegesetzgebung des Augustus karikierend kommentiert, und ich habe Ihnen auf dem Handout unter den Nummern 1-3 einige Zitate aus den Amores hergesetzt, die belegen, wie respektlos und spöttisch Ovid mit augusteischen Idealen und Ideologemen umgesprungen ist. Etwa 1a)3 , wenn er die römischen Stammeltern Mars und Venus als augusteische Mustergestalten sehr genau respiziert; Mars geht mit Rhea Silvia fremd, und der aus dieser Liebschaft hervorgehende Namenspatron der Stadt Romulus schreibt der Stadt qua Geburt ihre Matrix als Metropole des Fremdgehens ein; und auch das Gedankenspiel unter 1b)4 , wonach Venus an eine Abtreibung ihres Söhnchens Äneas gedacht haben könnte und so die glorreiche Zukunft und Gegenwart der Cäsarenfamilie verhindert hätte, setzt die Stammmutter der gens Iulia sowie des römischen Volkes in ein gewisses Zwielicht. Und ähnlich keck verfährt Ovid, wenn er mit typisch augusteischen Werten spielt, 2a5 ): Wenn Corinna nach vollzogenem Geschlechtsakt mit einem Rivalen zugleich mit dem rasch hochgezogenen Unterrock eine Unschuldsmiene aufsetzen und nach außen hin die schicklich Schamhafte geben soll, um Gesellschaft und Liebhaber in der süßen Illusion der Treue zu wiegen, dann handelt es sich um eine provokative Dekonstruktion der augusteischen Werte pudor und fides. Nicht besser ergeht es dem augusteisch erwünschten Pflänzchen der Frömmigkeit, pietas - man denke nur an das Bestreben des Princeps, alte religiöse Bräuche, Kulte, Priesterschaften und Tempel zu reaktivieren: Roh spricht das elegische Dichter-Ich in aufklärerischer Manier von der Möglichkeit unter 2b6 ), dass Gott nur eine Fiktion leichtgläubiger Menschen sein könne; aber selbst wenn es einen Gott gäbe, dann ist der keinesfalls erhaben, sondern selbst den puellae tenerae verfallen. In dem Zusammenhang ist auch zu erinnern an Ovids Beschreibung einer Götterprozession (zweiter Text unter 2b7 ), in der wichtige augusteische Gottheiten vorbeigetragen werden: Victoria, die für Augustus eminent wichtige Gottheit des Sieges, auf Münzbildern verbreitet, als Statue in der curia Iulia stehend, auf den Giebeln des Mars Ultor - Tempels in doppelter Goldausführung weithinglänzend, dann Neptun, der Garant der Seesiege von Augustus Flottenadmiral Agrippa, schließlich der Kriegsgott Mars, der als der Rächende im augusteischen Mars Ultor - Tempel eine prominente Rolle zugewiesen bekam. Was macht Ovid mit diesen ideologisch hoch aufgeladenen, offiziellen Staatsgöttern? Er schiebt ihre staatstragende Relevanz mit einer lässigen Bewegung zur Seite und instrumentalisiert jeden einzelnen für sein privates Liebesglück: Die großen Staatsgottheiten werden so ihrer Allmacht beraubt, gewissermaßen privatisiert und miniaturisiert, indem sie reduziert werden auf eine Rolle als Helfershelfer für die Liebesangelegenheiten des elegischen Ichs. Dass Ovid in den Amores neben diesen spöttischen Plänkeleien auch an politisch heiße Eisen rührte, zeigt Ulrich Schmitzers lesenswerter Aufsatz über die Elegie 2, 6, in der der Tod von Corinnas Papagei geschildert wird8 . Schmitzer macht wahrscheinlich, dass es sich bei dem Nachruf auf das tote Tierchen nicht lediglich um eine rhetorische amplificatio der catullischen Passer - Gedichte handelt, sondern vielmehr um eine Allegorie auf den Liebeselegiker Cornelius Gallus, der als Statthalter der kaiserlichen Provinz Ägypten bei Augustus in Ungnade gefallen war und sich 26 v. Chr. das Leben genommen hatte. Welch hochbrisantes Politikum der Fall Gallus seinerzeit war, zeigt sich daran, dass Vergil im vierten Buch der Georgica die ursprünglichen laudes Galli zugunsten der Orpheus-Erzählung gestrichen hatte.9 Der junge Ovid wagt sich, wenngleich unter dem Deckmantel der Allegorie, an dieses heiße Thema heran.

Nach diesen ersten Fährten wollen wir dem scheuen Wild der Erkenntnis nun tiefer in den Wald folgen - anhand der Elegie amores 3, 8, die m. A. aufschlussreiche Einblicke in die Anfangszeit von Ovids Karriere und seine spezielle Sicht der ersten Regierungsjahre des jungen Augustus erlaubt - es handelt sich, meine ich, um eine frühe Elegie. Quod erit demonstrandum.

Der besseren Nachvollziehbarkeit und Transparenz halber übersetze ich Ihnen sukzessive einzelne Partien vor, die ich im Anschluss jeweils interpretiere - Sie können den Text auf Ihrem Handout mitverfolgen.

V. 1-4 Und irgendjemand schaut auch jetzt noch zu den Künsten des Freigeborenen auf oder glaubt, dass ein feingedrechseltes Gedicht (noch) Wert hat? Talent war einst wertvoller als Gold gewesen, jetzt jedoch gilt es als große Unkultiviertheit, ein Habenichts zu sein.

Ovid bzw. das elegische Ich hebt an zu einer generellen Klage über die Umwertung der Werte in der Gesellschaft seiner Zeit: Anstelle ideeller Werte wie Bildung (ingenuae artes), dichterischem Talent (carmen tenerum) und Genie (ingenium) zählen einzig materielle Werte: Genoss früher der poetische Feingeist höchstes Sozialprestige, so ist in diesen Rang der Reiche aufgestiegen - und der weniger Begüterte gilt in diesem verschobenen gesellschaftlichen Koordinatensystem geradezu als Barbar, als randständiger Fremdling (barbaria grandis).

V. 5-10 Wenn auch meine Büchlein der Herrin gut gefallen haben,

ist mir dennoch nicht erlaubt dorthin zu gehen, wohin den Büchern zu gehen erlaubt ist; wenn sie (mich) auch artig gelobt hat, dem Gelobten ist der Zugang versperrt: Obwohl hochtalentiert, muss ich auf schnöde Weise wartend auf und ab gehn. Schau, ein Neureiche wird mir vorgezogen, der sich über Schlachtengemetzel sein Vermögen erworben hat, ein Ritter, von Blut genährt.

Es folgt die spezielle Klage darüber, dass diese Umwertung auch im Bereich der Liebe gilt: Wo das Dichter-Ich früher wegen seiner geschätzten Bücher Einlass bei seinem Mädchen hatte, ist ihm dieser nun verwehrt: Als exclusus amator in der typischen Situation des Paraklausithyrons bleibt ihm trotz seines Talents der Zutritt versperrt, während der Neureiche (recens dives) Einlass erhält - und das trotz seiner moralisch anrüchigen Vergangenheit als Soldat und Mörder. Halten wir kurz inne: Ist dieser Abschnitt nur ein Spiel mit der Gattungstopik des verschmähten Liebhabers, die typisch elegische Klage über die hartherzige domina? Oder verbirgt sich hinter all der Topik ein tieferes Anliegen? Das lyrische Ich beklagt eine Gesellschaft, die das Materielle vor das Ideelle stellt, personifiziert im Typus des Neureichen. Handelt es sich um eine Zustandsbeschreibung der augusteischen Gegenwart, in der Bürgerkriegs-gewinnler und Günstlinge des princeps das Klima bestimmen? Eine Umwertung von Werten, ein Austausch alter Eliten durch Emporkömmlinge ist typisch für Umbruchszeiten. Als die Sowjetunion zusammenbrach, kamen die Günstlinge Jelzins und später Putins zu Reichtum und Einfluss, die berühmten Oligarchen, die sich im Zuge der Privatisierung von Staatsunternehmen die Filetstücke heraussuchten und zu aberwitzigem Reichtum kamen. Auch unter Augustus wurden die Getreuen belohnt - mit Reichtum, politischen Ämtern oder Prokuratorenposten. Man könnte etwa an Gestalten wie den Ritter Publius Vedius Pollio denken, der es dank Augustus vom Freigelassenen zum Ritter, zum recens dives, gebracht hat. Ihm hat Seneca in seinen Dialogen de clementia10 und deira11 ein wenig rühmliches Denkmal gesetzt: Pollio ließ mißliebig gewordene Sklaven seinen Muränen zum Fraß vorwerfen, bis Augustus aus Wut über diese Inhumanität das Fischbassin mit den zertrümmerten Kristallpokalen des reichen Ritters auffüllen ließ.12 Wahrscheinlich hatte der junge Ovid solche vierschrötigen Parvenus vor Augen, deren animalische Brutalität und Unkultiviertheit er auch stilistisch abzubilden sucht, wenn er in V. 10 sanguine pastus eques den Ritter durch das Verb pasci als blutrünstiges wildes Tier beim Verzehr seiner Beute brandmarkt - eine bildgewaltige Metapher für den zu keiner Zeit aussterbenden Typus des Kleptokraten.

V. 11-24

Diesen kannst du, mein Leben, mit deinen schönen Armen umschließen?

Kannst du in dessen Umarmung, mein Leben, liegen?

Wenn du es nicht weißt, dieser Schädel pflegte einen Helm zu tragen,

und mit dem Schwert war die Lende gegürtet, die dir dient.

Die linke Hand, der nun das spät erworbene Gold schlecht steht,

trug einen Schild; berühre nur die Rechte, sie troff nur so von Blut.

Durch welche Hand irgendjemand zugrundeging, diese Rechte kannst du berühren?O weh, wo ist jene Zartheit deines Herzens hin?

Sieh dir die Narben an, Zeugen eines Zweikampfes vor langer Zeit:

Jener hat mit seinem Körper erworben, was immer er besitzt.

Vielleicht wird er auch erzählen, wie oft er einen Menschen umgebracht hat: Habgieriges Weib, du berührst Hände, die solches eingestanden haben?

Ich jedoch, reiner Priester der Musen und des Apoll

singe ein fruchtloses Lied an unerbittlicher Tür.

In dieser Passage wird die rhetorische Diffamierung des miles fortgesetzt, und zwar in Form einer Parodie poetischer Schönheitskataloge: Diese preisen ja nach dem Muster a capite ad calcem, von Kopf bis Fuß aufzählend, die einzelnen Körperteile der Geliebten - hier aber werden in parodisch-herabsetzender Absicht die Körperteile des ehemaligen Kriegers aufgezählt - vom behelmten, verschwitzten Schädel über die narbenübersäte Brust und die schwertumgürtete Hüfte bis zu den blutverschmierten Mörderhänden - rhetorisch geschickt rückt der Sprecher das Rohe, Verschwitzte, Lederne, Bracchiale, Körperliche des Soldaten und des Kriegsdienstes in den Mittelpunkt. Zum einen wird der Rivale durch dieses Verfahren in seiner ganzen animalischen Brutalität herabgesetzt, zum anderen ein starker Kontrast zur Gefühlszartheit der Geliebten (mollities pectoris) aufgebaut, der in das Unverständnis mündet, wie sich eine Frau in eine zärtliche Situation mit einem derart ekelhaften und moralisch verworfenen Rauhbein begeben kann - das Dichter-Ich findet seine Erklärung darin, dass die Geliebte sich aufgrund ihrer Habgier (avara, V. 22) und der Geschenke des Rivalen korrumpieren läßt. Der gesamte Gedankengang findet seine ultimative Zuspitzung in V. 20, wo der Rivale um die Geliebte als eine Art Prostituierte erscheint: Wie diese hat er seinen Wohlstand durch vollen Körpereinsatz erreicht, indem er seine Haut für den princeps im Bürgerkrieg zu Markte getragen hat. Durch diese rhetorisch raffinierte Reduktion des Rivalen auf das Körperliche setzt sich das Dichter-Ich positiv ab: Er sei als apollinischer Musenpriester und ätherischer Dichtergeist rein, purus - das ist natürlich Sophisterei, denn das Dichter-Ich ist in der Fiktion der Elegie ja Rivale um die puella und dringt auf denselben körperlichen Liebesvollzug wie sein Gegner. Weil er aber als exclusus amator auf verlorenem Posten steht, versucht er, über die spirituelle Selbststilisierung seiner Person Punkte bei der puella zu machen.

V. 25-28

Wenn ihr Verstand besitzt, lernt nicht, was wir Inhaber fruchtloser Künste wissen, sondern lernt, hastig sich verschiebenden Schlachtreihen und wilden Lagerwechseln zu folgen, und anstelle einen guten Vers zu drechseln, führt die Elitetruppe heran: Wenn du nur Krieg führtest, Homer, könnte dir durchaus eine Nacht gewährt werden.

In einer Apostrophe wendet sich das elegische Ich offenkundig an junge Männer, auf dass sie sich klüger im Umgang mit den Frauen der Gegenwart verhalten als er und seine Dichterkollegen: Nicht das feine Drechseln von Versen, sondern strategisch-taktische Leistungen in der Führung eines Manipels (primum pilum deducere) verschaffen Ansehen bei den Frauen.13 Selbst ein Homer, obschon mythische Referenzgröße antiker Kultur, könnte die moderne Frau nur dann beeindrucken, wenn er statt theoretisch-epischer Kriegsschilderung selbst in die Schlacht zöge. In der ersten Elegie des zweiten Amoresbuches14 hatte das elegische Ich noch selbstgewiss behauptet, dass nicht die hohe Epik mit ihren Heldenfiguren, sondern die Liebeselegie die Herzen und Türen der Mädchen öffnet:

"Wozu sollte mir das Besingen des schnellfüßigen Achill nütze sein?

Was werden der eine und andere Atridessohn für mich tun,

und der, der durch soviele Irrfahrten wie Kriege seine Lebensjahre vergeudet hat, und der vom Pferdegespann Achills geschleifte beweinenswerte Hektor?

Ist jedoch das Gesicht eines zarten Mädchens oft gelobt worden,

kommt sie aus freien Stücken zum Dichterseher, selbst Lohn für das Gedicht.

Ein großer Lohn wird da ausbezahlt! Lebt wohl, ihr berühmten Heldennamen!

Euer Ruhm ist nicht geeignet für meine Zwecke."

Diese Zeiten sind vorbei: Liebeselegiker wie Epiker haben gleichermaßen abgedankt - condicio sine qua non für Liebe in moderner Zeit ist nicht mehr dichterisches Genie, sondern das blutige Handwerk des Kriegers, weil es materiellen Mehrwert besitzt. Wenn wir alliterierend zuspitzen wollen, lautet der zeitanalytische Befund also die Maxime der Zeit: Poliorketik statt Poesie, Profit statt Pegasusritt. In den Folgeversen sucht das elegische Ich den Nachweis zu führen, dass sich diese Verschiebung der Wertschätzung weg von Geistreichtum hin zu schnödem Reichtum schon in mythischer Zeit angebahnt hat.

V. 29-34

Jupiter, daran erinnert, dass nichts mächtiger als Gold sei,

war selbst der Preis einer bestechlichen jungen Frau. (Danae)

Solange der Lohn fehlte, war ihr Vater hart, die Tochter selbst sittenstreng,

die Türpfosten aus Erz, der Turm aus Eisen;

aber nachdem der gewitzte Liebhaber in Form eines Geschenks kam,

gewährte sie von sich aus ihren Schoß und, befohlen zu geben, gab sie.

Diesen Versen liegt der Danae-Mythos zugrunde: Akrisios, der König von Argos, hatte wegen des Orakelspruchs, dass sein Enkel ihn töten werde, seine Tochter Danae zu einem Jungfrauendasein in einem Turmverlies verurteilt. Dem Göttervater aber gelang das Unmögliche, indem er sich als Goldregen mit Danae vereinigte.15 Jupiters Rolle in dieser Passage wirkt zunächst ambivalent: Musste er in Form des flüssigen Edelmetalls zu einer habgierigen Danae kommen, weil schon zu seinen Zeiten alles käuflich war und das Gold die Welt regierte (nihil esse potentius auro)? Oder ist der höchste Gott selbst der Erfinder, der primus inventor der materiellen Bestechung junger Frauen? In den aerati postes und der ferrea turris lässt Ovid mit der Anspielung auf das Bronzene und das Eiserne Zeitalter die Weltzeitalterlehre anklingen, die in der Folgepassage durch die Thematisierung des goldenen Zeitalters unter Saturn fortgesetzt wird. Das ist ein deutlicher Fingerzeig dafür, dass der Dichter den Göttervater, Ahnherrn des Silbernen Zeitalters, als Verantwortlichen für die Ökonomisierung auch der Liebesbeziehungen ansieht – Jupiter ist der Prototyp des sapiens in munere adulter (V. 33), der durch die Überreichung einer korrumpierenden Gabe erfolgreiche Ehebrecher. Seine zeitgenössische Ausprägung ist der beschriebene Typus des miles bzw. recens dives. Jupiter ist schuld an der Umwertung aller Werte: Als Materielles noch keine Rolle spielte (dum merces aberat), ließ ein Vater sich nicht von einem Liebhaber durch Geld erweichen (pater durus), und auch die Tochter war sittenstreng (ipsa severa) - aber nun sind beide korrumpierbar: Der väterliche Aufpasser ist zum Kuppler, die früher ehrbare Tochter zur käuflichen Geliebten verkommen – und ist eben dadurch dem beschriebenen Typus des miles ebenbürtig: Wie er verschachert sie ihren Körper gegen materiellen Lohn.16 Das ist wahrhaft ein satirischer Rundumschlag:

Das Dichter-Ich hat seine Beschreibung der gegenwärtigen Missstände in einen größeren, zeitgeschichtlichen Rahmen gestellt: Seit Jupiters Herrschaft, seit dem silbernen Zeitalter ist das Primat des Materiellen zur unhintergehbaren Realität geworden – bis ins Rom der augusteischen Gegenwart hinein. Das muss, meine ich, als politischer Kommentar gelesen werden vor dem Hintergrund, dass sich das Saeculum Augustum als Wiederkunft der aurea aetas verstand und inszenierte. Was goldenes Zeitalter unter augusteischen Bedingungen wirklich bedeutete, erhellt Ovid in folgendem Passus der Liebeskunst, der als Kurzfassung unserer Elegie gelten kann und den sie unter 5) auf ihrem Handout finden:

"Gedichte lobt man, aber tatsächlich giert man nach großzügigen Gaben.

Wenn er nur reich ist, macht selbst der unkultivierte Trottel Eindruck.

Ja, jetzt herrscht ein wahrhaft goldenes Zeitalter; das bedeutendste Ehrenamt wird durch Gold erkauft, die Liebe mit Gold gewonnen."17

Wie das ideale, auf ideellen Werten beruhende goldene Zeitalter aussieht, schildern die V. 35-44:

Als jedoch der alte Saturn die Herrschaft über den Himmel innehatte,

verbarg schwerlastende Erdmasse jeglichen Gewinn in tiefer Finsternis:

er hatte Bronze, Silber und mit Gold zusammen das wuchtige Eisen

nah an die Unterweltsmächte geschafft, und es gab keine Metallmasse.

Aber er gab Besseres, Feldfrüchte ohne den gekrümmten Pflug,

dazu Obst und in hohlem Eichenstamm gefundenen Honig.

Und keiner riss die Erde mit starkem Pflug auf,

kein Landvermesser kennzeichnete Grund und Boden mit Grenzmarkierungen.

Nicht fegten Menschen mit eingetauchtem Ruder über aufgewühlte Wogen:

Das Ende des Weges markierte für die Sterblichen damals der Meeresstrand.

Die Kennzeichen der aurea aetas unter Saturn sind, dass die begehrten Edelmetalle als Objekte der Gier und als Rohstoffbasis für todbringende Waffenfertigung konsequent in Nachbarschaft zum Totenreich verbannt sind. (V. 37f.) Ovids idyllische Urzeitkonzeption hatte weit Besseres als Materielles zu bieten: Gesicherte Nahrung ohne Verpflichtung zur Arbeit (V. 39f.), eine heile, weil unangetastete Natur (V. 41), Fehlen von Landbesitz und Fehlen fest gezogener Grenzen, die nur zu Streitigkeiten herausgefordert hätten (V. 42), Nichtexistenz der Meeresschifffahrt, die Bescheidung des Menschen auf das Land als seinen natürlichen Lebensraum (V. 43f.). Wohlstand und Gleichheit für alle Menschen – ohne soziale Unterschiede, damit einhergehender Frieden und ein Sichbegnügen mit dem Zuhandenen, unmittelbar Vorfindlichen; das alles freilich, wie Ovid wusste, wie wir wissen, eine paradiesische Utopie, weit entfernt von der Wirklichkeit, ein poetischer Wunschtraum.

V. 45-56

Dir zum Schaden, menschliche Natur, bist du erfindungsreich gewesen

und dir zum Nachteil allzu technisch begabt. (vgl. V. 8 ingeniosus eo)

Wozu dient es dir, Städte mit turmhohen Mauern zu umschließen,

wozu, zwieträchtige Hände in Waffentaten zu verstricken?

Was hast du mit dem Meer zu schaffen, Mensch? Mit der Erde wärest du zufrieden gewesen.

Warum machst du nicht auch den Himmel zu deinem dritten Herrschaftsgebiet?

Wo es erlaubt ist, tastest du auch den Himmel an: Tempel

besitzen Romulus, Dionysos, Herkules und soeben auch Caesar.

Wir reißen anstelle von Früchten hartes Gold aus dem Schoß der Erde;

der Soldat besitzt Reichtümer, die er durch Blutvergießen gefunden hat.

Die Kurie ist den Armen verschlossen, nur Geldbesitz verleiht Ehrenämter:

Vom Geld kommt der gravitätische Richterposten her, vom Geld die Zugehörigkeit zum strengen Ritterstand.

In bitter anklagender Apostrophe spricht das elegische Ich die hominum natura an, die mit ihrer zu weit getriebenen Ingenieurskunst (nimium ingeniosa)18 paradoxerweise gegen ihr eigenes Wohl gearbeitet hat (contra te sollers fuisti). Das nimium zeigt an, dass der moderne augusteische Mensch das Idealleben des unschuldigen saturnischen Urzustandes gegen ein expansives und exploratorisches, stets grenzenverschiebendes und maßloses Verhalten eingetauscht hat.19 Goethe ist in seinem Alterswerk "Faust II" diesen Gedanken Ovids dicht auf der Spur, wenn er die klassische heile Welt der Tradition, symbolisiert durch Ovids Glückspaar Philemon und Baucis, im Feuersturm der modernen Maschinenwelt untergehen lässt - ein düster prophetisches Menetekel dafür, wie der Mensch der Moderne Natur und Tradition zerstört. Ovid breitet die Beweiskette der Selbstschädigungen des Menschen detailliert aus - allesamt Folgen des lucrum, des Gewinnstrebens, das Saturn noch unterdrücken konnte, das aber in den darauffolgenden Weltzeitaltern zum bestimmenden Faktor geworden war. Das elegische Ich geißelt die Sinnlosigkeit von Städtesicherungsmaßnahmen angesichts dauernder Kriege (V. 47f.), dazu die maßlose Grenzenlosigkeit des Menschen, der den ihm zugedachten Lebensraum Erde um das Meer erweitert (V. 48) und sich nun gar anheischig macht, als drittes Herrschaftsgebiet den Himmel zu okkupieren - Ovid konnte nicht wissen, dass die Menschheit eines Tages nach physikalischen Gesetzmäßigkeiten den Luftraum beherrschen würde. Was er mit Herrschaft über den Himmel meint, ist metaphysischer Natur: Menschen wie Romulus und Caesar machen den Göttern den Olymp streitig, indem sie wie ein Dionysos oder ein Herkules eine Apotheose erfahren: Augenfälliger Beleg für ihre Gottwerdung sind beider Tempel mitten in Rom. Ovid will an Romulus und Caesar nicht nur die Hybris der maßlosen menschlichen Natur exemplifizieren, sondern v.a. auf die propagandistische Indienstnahme beider Figuren durch Octavian anspielen: Octavian hatte unmittelbar nach seinem dreifachen Triumph des Jahres 29 v. Chr. den Tempel des vergöttlichten Cäsar auf dem Forum Romanum einweihen lassen, in dessen Giebelfeld der Komet, das sidus Iulium prangte, weithin sichtbares Symbol für die Himmelsauffahrt und Vergöttlichung Cäsars. Dieses Motiv des Haarkometen fand sich auch auf vielen Münzprägungen und diente der Legitimation Octavians als DIVI FILIUS, als Sohn eines Gottes. Indem Cäsar in einem Atemzug mit Romulus genannt wird, erinnert Ovid an die Parallelen ihrer Todesumstände: Beide kamen durch die Hand von Senatoren um, beide wurden durch ihre angebliche Himmelsauffahrt zu Göttern. Romulus spielte eine wesentliche Rolle in der frühen augusteischen Zeit: Denken wir nur daran, dass Octavian mit der Idee spielte, sich nach ihm benennen zu lassen.20 Die Hybris der menschlichen Natur wird von Ovid also ganz konkret an zwei wichtigen Gestalten der augusteischen Ideologie exemplifiziert - sein kritischer Kommentar zu den propagandistischen Machenschaften des frühen saeculum Augustum. Auch die Folgeverse lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig; neben typischen Topoi des silbernen Zeitalters wie dem Extraktivismus21 (V. 53) oder dem Schürfen nach Gold anstelle der Ernte von Feldfrüchten spielen die nächsten Verse auf frühaugusteische Militärexpeditionen an, die ihren Teilnehmern zur Gewinnmaximierung und gesellschaftlichem Aufstieg dienen sollten - ganz konkret ist an den Arabienfeldzug des Aelius Gallus 25 v. Chr. zu denken, den Augustus in seinen res gestae22 erwähnt und der in der bekannten Iccius-Ode des Horaz (c. 1, 29) seinen literarischen Niederschlag gefunden hat. Hören wir dazu A. Schubert:

"Die Veranlassung zur Abfassung der Ode boten bekanntlich die Rüstungen zu dem 25 v. Chr. von C. Aelius Gallus unternommenen Feldzuge gegen die Bewohner von Arabia felix. Diese Völker, unter denen Horaz die Sabäer hervorhebt, waren bisher von fremden Eroberem unbehelligt geblieben und standen, da überdies die Beförderung der indischen Waaren grösstentheils durch ihre Hände ging, in dem Rufe ungeheure Reichthümer zu besitzen. Kein Wunder also, wenn sich zahlreiche Freiwillige zu einer Expedition meldeten, die eine so günstige Gelegenheit' zur Erwerbung von Schätzen in Aussicht stellte. Auch Iccius hatte diesen Plan, und Horaz spricht in dem Gedichte seine Verwunderung über den Kontrast aus, in dem die plötzlich hervortretenden kriegerischen Gelüste seines Freundes mit dessen bisherigen friedlichen Neigungen ständen. (...) Aber mächtiger als die Dogmen des Panaetius und der Sokratiker wirkte auf Iccius die Umgebung und die öffentliche Meinung in einem Zeitalter, wo es nach Mommsen's treffender Bezeichnung nicht mehr der ärgste Schimpf und das schlimmste Verbrechen war arm zu sein, sondern das einzige, und wo zugleich, wie man hinzufügen muss, jeder als arm galt, der sich nicht im Besitz grosser Reichthümer befand. Genug, Iccius hoffte durch die Schätze der Araber, die natürlich dem Sieger zufallen mussten, sich mit allen den Prokonsuln und Propraetoren auf gleiche Linie stellen zu können, die arm in eine reiche Provinz gekommen waren und das ausgesogene Land reich verlassen hatten."23

Das ist der historische Kontext für Ovids Kritik am Typus des neureichen frühaugusteischen Kriegsgewinnlers, der durch sein Glücksrittertum in den Rang eines Ritters aufgestiegen ist - in Kontrast zu Ovid selbst, der nicht durch ein Glücksgeschenk, sondern qua Geburt Ritter ist (non modo fortunae munere factus eques), wie er voller Stolz in seiner Autobiographie24 formuliert.

Ovid geht in seiner Anklage der pervertierten Verhältnisse aber weiter: Politische Laufbahnen, Ehrenämter, Richterposten sind nur denen möglich, die das Geld dazu mitbringen (55f.). Publilius Syrus stellte lapidar fest: In cunctis domina pecunia est, und auch Ovid beschreibt das politische System seiner Zeit als Plutokratie, in denen weniger Vermögende an politischer Teilhabe ausgeschlossen sind.

Das Center for Responsive Politics (CRP), eine überparteiliche, gemeinnützige Organisation, die den Einfluss von Geld auf die US-Politik untersucht, hat analysiert, dass über die Hälfte der Mitglieder des US-Kongresses ein geschätztes Vermögen von einer Million Dollar oder mehr besitzt. Besonders reich sind die 100 Senatoren, die in der zweiten Kammer des US-Parlaments sitzen: Mehr als die Hälfte von ihnen besaß 2012 ein Vermögen von mindestens rund 2,8 Millionen Dollar. Einer von tausend Gründen übrigens, warum Schüler Latein lernen sollten, ist der, auf der Höhe der Zeit zu bleiben: Es gibt keine bessere Blaupause für das Verstehen des Imperium Americanum als die Kenntnis der Geschichte des römischen Reiches.25 Zurück zum Text:

V. 57f.

Mögen sie alles besitzen: Jenen soll ruhig das Marsfeld und das Forum dienen,

mögen sie den Frieden führen wie sie brutale Kriege führen;

Das Dichter-Ich überlässt den Neureichen, den Glücksrittern, im konzessiven Konjunktiv possideant den öffentlichen Raum, für den stellvertretend der Campus Martius und das Forum Romanum stehen. Einen beträchtlichen Teil des Marsfeldes hatte Augustus selbst mit dem Mausoleum, dem Horologium Augusti und der Ara Pacis symbolisch okkupiert, v.a aber diente es als Repräsentationsareal für seinen Flottenadmiral und Schwiegersohn Agrippa: Monumentalbauten wie das Pantheon (27 v. Chr.) und insbesondere die nach ihm benannten Thermen und die ebenfalls im Jahre 25 v. Chr. entstandenen Basilica Neptuni sollten symbolisch an seine Seesiege etwa bei Naulochos und Actium erinnern.26 Das gewitzte Zeugma pacem crudaque bella gerant ist ein bissiger Seitenhieb auf die Realität der sog. Pax Augusta: Frieden wird wie Krieg geführt, ist gewissermaßen Startrampe für lukrative militärische Auslandsunternehmungen - wie die oben genannte Sonderexpedition nach Arabia felix. Tatsächlich ist der Friedensfürst Augustus der Kaiser, der die meisten Eroberungskriege führen ließ: Auf dieses Paradoxon weist Ovid spitzbübisch hin. Überlässt das Dichter-Ich den Rivalen den öffentlich-politischen Raum zur Selbstdarstellung und Politik, bedingt es sich aus, wenigstens die Liebe als res extra commercium, als nichtmerkantile Angelegenheit, unangetastet zu lassen - denn sonst bliebe den weniger Begüterten nichts mehr. V. 59f.

Mögen sie nur nicht in ihrer Habgier unsere Liebschaften käuflich erhandeln

und, das wäre schon genug, zulassen, dass dem Armen irgend etwas bleibt.

Nur schwer findet der politische Kommentator zur Rolle des Liebhaber-Ichs zurück:

V. 61-64

Jetzt jedoch, mag jene auch mit den spröden Sabinerinnen gleichziehen,

ihr befiehlt, wer vieles schenken kann, wie einer Kriegsgefangenen.

Mich wehrt der Wächter ab, und mir gegenüber fürchtet jene ihren Ehemann;

wenn ich jedoch schenken könnte, werden beide aus dem ganzen Haus verschwunden sein.

Dem reichen Liebhaberrivalen ist offenbar alles möglich, sogar Frauen, die wie die sprichwörtlich prüden Sabinerinnen der Vorzeit sich spröde geben, wie einer Kriegsgefangenen nach Lust und Laune zu diktieren. Und auch die puella wird wegen ihrer avaritia noch einmal gescholten: Sie schützt gegenüber dem Liebhaber-Ich den gestrengen Wächter bzw. ihren Ehemann vor - hätte der amator/ poeta aber Geld zu bieten, spielten beide Aufseher plötzliche keine Rolle mehr und der Einlaß wäre ein Kinderspiel.

Der Text endet mit einem Wunschseufzer: O nähme sich doch ein Rächergott als deus ex machina des verschmähten Liebhabers an und pulverisierte den Grund alles Übels, den auf unrechte Weise erworbenen Reichtum! Auch hier wird man eine politische Sinnnuance schwerlich leugnen können: Der Begriff ultor ist v.a. in frühaugusteischer Zeit prominent geworden: Augustus hatte sich als Rächer seines Adoptivvaters Caesar stilisiert. Ein literarischer Reflex davon findet sich im ersten Kapitel der Res gestae: qui parentem meum trucidaverunt, eos in exilium expuli iudiciis legitimis ultus eorum facinus. Nach der Schlacht von Philippi 42 v. Chr. hatte Octavian einen Tempel für den Mars Ultor gelobt, den er 40 Jahre später auf dem Forum Augusti einweihen sollte. Vor diesem Hintergrund mutet es mindestens komisch an, wenn das Liebhaber - Ich gegen Teile der augusteischen Partei einen deus ultor, einen göttlichen Rächer, bestellt.

Diese Elegie ist ein Zwitterwesen - einerseits bewegt sie sich in den Bahnen der Liebeselegie, mit deren einschlägigen Gattungstopoi sie souverän spielt, andererseits übertritt sie häufig die fiktiv-literarische Ebene zugunsten zeithistorischer Anspielungen und kritischer Reflexionen. Dieses Changieren zwischen den Ebenen wird deutlich in den wechselnden Rollen des Sprechers: man könnte unterscheiden zwischen der Rolle des amator poeta, einem unscheidbaren Konglomerat aus Liebhaber- und Dichter-Ich, das sich trotz seiner Eigenschaft als Musenpriester mit der Rolle des verschmähten (neglectus, V. 65) bzw. ausgeschlossenen Liebhabers (exclusus clamator) zufrieden geben muss, und einem zeit- bzw. gesellschaftskritischen Ich. Nur stellt sich die Frage: Ist auch dies nur eine spielerisch-ironische Sprechweise, also eine weitere Maske, oder können wir tatsächlich Ovids authentische Stimme vernehmen? Ich meine Letzteres:

Im Schlussgedicht des dritten Amoresbuches hebt Ovid voller Stolz seinen Status als Ritter aus altem Erbadel hervor, mit klarem Seitenhieb gegen die Glücksritter, die diesen Stand nur infolge der Wirren des Bürgerkrieges erlangt haben: "Wenn das irgendetwas bedeutet, ich bin ein von Urahnen her alteingesessener Erbe des Ritterstands, nicht ein soeben durch Kriegswirren zufällig dazu gemachter Ritter." (si quid id est, usque a proavis vetus ordinis heres/ non modomilitiae turbine factus eques (3, 15, 5f.).

Diese Verse stehen inmitten der traditionellen Sphragis, dem Siegel am Ende einer Gedichtsammmlung, in dem der Autor seine Identität offenbart: Als lebensgeschichtlich so existentiell hat Ovid offenkundig die Konkurrenz dieser frischgebackenen, durch die Umstände emporgekommenen Neuritter empfunden, dass er sich deutlich von ihnen abzugrenzen sucht. Ich vermute, dass die besprochene Elegie 3, 8 ein Reflex der prekären Anfangszeit des jungen Provinzadligen Ovid in Rom ist – mit zwei für junge Männer der damaligen wie heutigen Zeit gleichbleibend virulenten Problemen: die offene Frage der beruflichen Karriere und der Konkurrenz, der man sich dabei ausgesetzt sieht. Wir sind es gewohnt, Ovids Leben als plane Erfolgsstory anzusehen – weil wir nur zu geneigt sind, seiner berühmten Autobiographie mit ihrer Selbststilisierung zum genialen Dichter qua Geburt auf den Leim zu gehen und dazu ex post in Ovid den von Anfang an gemachten Mann zu sehen. Matthäus Heil schreibt über die Anfänge der Laufbahn Ovids: „Er (sc. Ovid) und sein Bruder begannen eine senatorische Karriere und besaßen bereits den latus clavus. Ovid hat sogar ein erstes Amt erreicht, wahrscheinlich das des triumvir capitalis. (…) Ovid jedoch brach seine Karriere ab und wurde Dichter. In seiner poetischen Autobiographie gibt er rückblickend an, jene Bürde sei für seinen Körper und seinen Geist zu schwer gewesen - eine Begründung, über die man ebenso lang und vergeblich nachdenken könnte (...) Ovid macht noch den Scherz, der Purpurstreifen an seiner Tunika sei eben zusammengeschrumpft - und überspielt damit, daß er die Quästur nicht erreicht hat und in den Ritterstand zurückgestuft wurde. Es bleibt die Frage, was aus dem jungen Mann geworden wäre, wenn er sich nicht tatsächlich als literarisches Ausnahmetalent erwiesen hätte.“27

Folgt man dieser Lesart, hätte der junge Ovid durchaus Kompensationsbedarf für solcherlei Laufbahn-Frustrationen gehabt: Noch ist er nicht der berühmte Dichter, ist im Fahrstuhl des cursus honorum stecken geblieben, um sich herum die erfolgreichen Nutznießer der frühaugusteischen Goldgräberstimmung, die bei militärischen Expeditionen reich gewordenen Glücksritter, die aufgrund ihres Geldes auch in puncto ritterlichen Status zu Ovid aufgeschlossen hatten – so erklärte sich die elegische Klage über eine materialistische Zeit, die nur den Erfolgreichen gewogen scheint, so auch die Diffamierung des frühaugusteischen Typus des recens dives, wie ihn ein Vedius Pollio verkörpert, und letztlich auch die Stichelei gegen wesentliche Aspekte des augusteischen Zeitalters selbst, das der junge Ovid als Ursache für den in seinen Augen ungerechten Aufstieg neureicher Emporkömmlinge empfindet: Der verschmähte Liebhaber wäre demnach als die Maske des an seinem Karriereaufstieg jäh gestoppten Jünglings anzusehen: Aufschlussreich ist die Parallele zwischen dem exclusus amator des V. 7 und 23f. und dem exclusus pauper in V. 55: Die real erfahrene repulsa, die Zurücksetzung bei seiner Amtsbewerbung, transponiert der junge Ovid in die poetische Fiktion des glücklosen und ausgeschlossenen amator poeta. Lebensgeschichtliche Realität und gattungsbedingte Topik würden so kunstvoll amalgamiert, in vergleichbarer Weise, wie der junge Vergil in den Bucolica hinter der Schäfermaske und einer scheinbar zeitenthobenen Szenerie Biographisches und Zeitgeschichtliches durchscheinen lässt. Schätzungen gehen davon aus, dass Ovid bei seiner Revision der Amores 20-30 Elegien der 1. Auflage gestrichen haben soll. Warum hat der inzwischen etablierte Ovid diese Elegie stehenlassen, die anders als die übrigen nicht heiter, ironisch und leicht, sondern moralisierend und teils mit bitterem Ernst daherkommt? Sie ist, wie ich skizziert habe, ein die frühe augusteische Zeit und die Anfänge Ovids reflektierendes Gedicht. Ich vermute, dass dem Dichter die hier geäußerten Erkenntnisse über Mißstände des augusteischen Zeitalters auch im Abstand von rund zwei Jahrzehnten zwischen erster und zweiter Auflage der Amores haltbar erschienen. In der zweiten Auflage positioniert Ovid diese Elegie unmittelbar vor die Klageelegie über den Tod Tibulls. Die Motive der paupertas, der avaritia und des Goldenen Zeitalters unter Saturn sind typisch tibullische Themen, die der gelehrte Leser durchaus als Präludium für das sich anschließende Epikedion auf Tibull auffassen kann. Das eben könnte der geniale Schachzug des reifen Ovid gewesen sein, die authentischen biographischen Residuen seiner Jugendelegie zu verschleiern und gleichzeitig zu bewahren, indem sie sich als topische, gattungstypische Themen tibullischer Provenienz vermummen. Ovid bekommt man nicht zu fassen, dafür ist er zu sehr der clevere Spieler, der stets mehrere Deutungsoptionen offenlässt. Der in dieser und anderen Elegien grundgelegten augusteismuskritischen Linie werden auch seine späteren Werke treu bleiben – die Metamorphosen nutzen, wie Schmitzer in seiner Dissertation „Zeitgeschichte in Ovids Metamorphosen“ gezeigt hat, den Mythos als Medium politischer Kritik, das Kalendergedicht der Fasti ist ein Musterbeispiel für ambivalente Sprechweise gerade bei Themen und Figuren der augusteischen Ideologie.28

Wer war Ovid wirklich? Der charmante, witzige, ironisch tändelnde Spielmann zarter Liebeserfahrungen, der tenerorum lusor amorum, oder der temporumillusor, der durch eigene negative Erfahrungen angekränkelte Bespötter der Widersprüche und Risse des Saeculum Augustum, der eben dadurch prädestiniert war, später in den Zirkel der binnenoppositionellen julischen Fraktion des Kaiserhauses zu gelangen, um mit ihm in den Abgrund gerissen zu werden?

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