— von Friedgar Löbker

niem platonische liebe titelAnnrose Niem: Platonische Liebe – Ein Gang durch Platons Symposion, hrsg. Stadtmuseum Quakenbrück e.V., Norderstedt 2017

Im Rahmen ihrer Vortragsreihe im Stadtmuseum Quakenbrück wendet sich Frau Dr. Niem mit dem Thema Platonische Liebe an die Öffentlichkeit: Im Zentrum steht das Symposion Platons mit seinen fünf Reden über den Liebesgott Eros. Nach einem Einblick in die Vorgänge und Abläufe eines griechischen Gastmahls widmet sich die Verfasserin den Redebeiträgen der Teilnehmer. Mit der Rede des Aristophanes wird zwar nicht die zoogonische Theorie des Empedokles problematisiert, wohl aber gelingt es, den jeweiligen mythischen Kern nachzuzeichnen und in plausibler und anschaulicher Weise das jeweilige Aition des Mythos aufzuzeigen. Wenn beispielsweise der Mythos vom Kugelmenschen erzählt wird, lässt die Autorin erkennen, welche kulturhistorische Erklärung dem Mythos zugrunde liegen kann. So wird das Hybris-Motiv sichtbar herausgestellt und erklärt dem Leser bzw. Zuhörer, warum der griechische Kosmos so und nicht anders gestaltet ist. Gleichzeitig wird die anthropologische Dimension schlüssig herausgearbeitet, die sich mit den Fragen nach der psychischen Disposition des Menschen umschreiben lässt: z.B. Was ist die Natur des Menschen? Woher kommt menschliches Verlangen? Warum begehren (i.d. Regel) Mann und Frau einander? - Die Sublimation des Eros führt dann den Betrachter in die Welt der Ideen – die Fragen nach dem Guten (τὸν ἀγαθὸν) an sich. Im Kern reflektiert die Verfasserin die berühmte Diotimarede, die Platon Sokrates erzählen lässt. Dabei wird der Gott ἔρως zunächst im Sinne der mythischen Perspektive als Vermittler zwischen zwei Welten begriffen: der Endlichkeit und der Unsterblichkeit (mit Bezug auf die Herkunft des Eros). Des Weiteren wird die psychische Beschaffenheit des Eros (das Τί ἐστι) in der Bezeichnung des δαιμόνιον herausgearbeitet. Auch hier gelingt es der Verfasserin, den Mythos mit dem Logos zu verbinden: Eros wird damit zu Recht als Kraft definiert, die das Streben nach dem ἀγαθόν miteinschließt. Der Auftrag zur Erkenntnis wird auf diese Weise mit dem platonischen Höhlengleichnis verbunden. Wenn dann im weiteren Verlauf der Redeagon wiedergegeben wird, kann die jeweilige aitiologische Erzählung auf ihre philosophische Dimension hin bezogen werden.

Dass im Sinne der Argumentation jedes Streben schließlich mit dem Bewusstsein des Mangels (πενία) verbunden ist, Eros aber den Weg (πόρος) eröffnet, lässt sich durch die Charakterisierung des Sokrates nachweisen. Die elenktische Erfahrung, die Sokrates mit der Seherin Diotioma gemacht hat – offenbar ein erzähltechnischer Kunstgriff -, wird zum Kern sokratischer Philosophie. Davon zeugt in der zugrunde liegenden Darstellung die Skizzierung der Alkibiadesrede, in der Sokrates gewissermaßen als neuer Eros begriffen wird.  

In ihrem „Gang durch Platons Symposion“ versteht es Annrose Niem abermals, die scheinbare Ferne und Komplexität des platonischen Diskurses einem interessierten Publikum in anschaulicher und verständlicher Weise zugänglich zu machen. Trotz oder gerade wegen des Verzichtes auf innerfachliche Problematisierungen gelingt hier eine Gesamtdarstellung in Erzählung und Argumentation, die die philosophische Bedeutungsebene auf fachlicher Ebene miteinbezieht.

 


niem theater titelAnnrose Niem: Heute gehen wir ins Theater! – Die antiken Wurzeln des europäischen Theaters, hrsg. v. Stadtmuseum Quakenbrück e.V., Norderstedt 2018.

Um kaum ein anderes Gebiet der griechischen Literatur hat sich die griechische Philologie seit Beginn des 20. Jhs. so bemüht wie um die Tragödie und Komödie der Griechen. Genannt seien hier vor allem Max Pohlenz, Albin Lesky, Joachim Latacz, Kjeld Matthiesen und Horst-Dieter Blume. Die Tragödie wird dabei im Besonderen „als entscheidender Abschnitt in der Entstehung des europäischen Dramas“ begriffen (Lesky).

Vor diesem Hintergrund lohnt ein genauerer Blick auf die Entstehung und Bedeutung des griechischen Theaterwesens.

Zu dieser Thematik hat Frau Dr. Annrose Niem mit ihrem jüngsten Vortrag über das griechische Theater im Stadtmuseum Quakenbrück einen wesentlichen Beitrag geleistet, den sie in ihrer jüngst publizierten Schrift auch einem größeren Leserkreis zur Verfügung stellt.

Nach einem Überblick über das griechische Theater als Teil einer religiös-kultischen Zeremonie werden die drei großen Tragödiendichter Aischylos, Sophokles und Euripides vorgestellt. Dabei wird auch die Entwicklung der Schauspiel- und Aufführungstechnik erklärt. Dass den Tragödien der klassische Agon zugrunde lag, wird zu Recht als Wesen der Aufführungspraxis begriffen. Dass mythische oder historische Themen Gegenstände der Darbietungen waren, wird beispielhaft herausgearbeitet:

So wendet sich die Autorin der thematischen Gestaltung einiger Tragödien zu. Skizziert werden die Orestie des Aischylos und der König Ödipus des Sophokles: Schuld und Sühne werden als Grundmotive der Tragödie charakterisiert. Mit Blick auf Ödipus als tragische Figur gelingt ein existenziell relevanter Zugriff: Menschliches Geschehen erscheint im Spannungsfeld von schicksalhafter Verflochtenheit und eigenem Wollen. Damit stellen sich Fragen nach der Willensfreiheit des Menschen, die hier dem Leser in didaktisch relevantem Zuschnitt vor Augen geführt  werden. Ebenso anschaulich wie präzise und knapp gelingt es Annrose Niem, die Vorgänge der schicksalhaft wirkenden Vorgänge des sog. Ödipus-Mythos so darzustellen, dass die ethische Tragweite und der jeweils innere Konflikt, in dem sich der Protagonist befindet, sichtbar werden. Auf diese Weise kann der überzeitliche Stellenwert des Themas entfaltet werden. Anders als in der Nacherzählung sagenhafter Vorgänge wird hier die Antinomie zwischen Schicksal (, das gelegentlich als Fluch über ein ganzes Geschlecht erscheint) und freiem Wollen des Menschen in schlüssiger Weise erklärt. Dies zeigt sich in der abschließenden Fokussierung auf die Verheißungen Apolls, deren Enthüllung in der Weisung „Γνῶθι σεαυτόν“ am Giebel des Tempels von Delphi greifbar wurde.  

Für die Gattung Komödie wählt die Verfasserin „die Frösche“ des Aristophanes. Auch hier werden die inneren Vorgänge zunächst anschaulich und detailliert nachgezeichnet, bevor das charakterisierende Kolorit der Komödie im Unterschied zur Tragödie sichtbar wird. Mit Bezug auf die wechselvollen Episoden (Dionysos steigt in der Kostümierung des Herakles in die Unterwelt hinab, um den jüngst verstorbenen Euripides auf die Erde zurückzuholen) gibt die Verfasserin Einblicke in die antike Aufführungspraxis, in den Umgang mit Mythen und Erzählungen sowie dem Bildungswert der jeweiligen Themen.

Durch ihre beiden Vorträge und Neuerscheinungen hat Annrose Niem wieder auf zwei faszinierende Themen der griechischen Antike aufmerksam gemacht. Die Möglichkeiten und Grenzen menschlicher Erkenntnis in den platonischen Dialogen sowie das Thema der Leiderfahrung des Menschen mit der Lektüre sophokleischer Dramen gehören zum Kern des Oberstufenunterrichts im Fach Griechisch. Auch deshalb verdienen die beiden Publikationen besondere Aufmerksamkeit.    

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