— von Hans-Joachim Gehrke

Im Selbstverständnis des modernen Verfassungsdenkens, aber auch in der Gestaltung des individuellen Lebens steht der Begriff der Freiheit, kollektiver wie individueller, ganz weit vorne. In unserer europäischen bzw. westlichen Tradition, in der er besonders emphatisch vertreten und geradezu als kennzeichnendes Merkmal angesehen wird, leitet er sich aus der klassischen Antike her: Die Griechen haben im Kampf gegen die Tyrannei die demokratische Freiheit begründet und diese ihre Freiheit gegen die Weltmacht der Perser verteidigt. Die Römer haben die freie Republik hochgehalten und – trotz ihrer Kaiserzeit – allen nicht-monarchischen Ordnungen damit den Namen vererbt. Das kann man täglich hören oder lesen. Deshalb mag es sich lohnen, einmal genauer hinzuschauen, was es für Griechen oder Römer konkret bedeutete, wenn es um die Freiheit ging. Worin bestand sie? Was machte sie aus? Und wie bewahrte man sie, nicht zuletzt gerade dann, wenn sie besonders gefährdet war? Fragen, die angesichts unserer eigenen Freiheitsliebe nicht nur für Griechen und Römer wesentlich waren!

Wir können von Glück sagen, dass uns aus der Antike zahlreiche Texte erhalten sind, die über die hiermit aufgeworfenen Fragen Auskunft geben. Aus diesen ragen Reden heraus, die schon in der Antike unter einem gemeinsamen Namen überliefert wurden, weil die späteren auf die älteren dadurch Bezug nahmen: Philippische Reden. Sie verkörperten dann sogar – als Philippika – geradezu metonymisch eine Rede von besonders scharfer Polemik. Ursprünglich handelte es sich um Reden der Politiker Demosthenes und Cicero, die in ganz konkreten und heute noch rekonstruierbaren Situationen gehalten wurden. Wenn wir sie gedanklich in diese Situationen wieder zurückversetzen – und das soll hier geschehen –, geben sie uns einen unmittelbaren Einblick in das gerade skizzierte antike Freiheitsdenken. Das erlaubt dann einen Bezug auf unsere Vorstellungen, der über die pauschalen Bemerkungen im vorangehenden Absatz hinausgeht.

Es sind vor allem drei Elemente der Reden, die diese Möglichkeiten eröffnen. Sie sind – erstens – in markanten Situationen der Entscheidung gehalten. Es ging jeweils ums Ganze; die Freiheit war gefährdet oder schon fast verloren bzw. erst mühsam wieder zu gewinnen. Für die Alternative hatten die Menschen der Antike sogleich ein plastisches Gegenbild unmittelbar vor Augen: die Sklaverei, die ja in Griechenland und Rom zum alltäglichen Leben gehörte und mit der jeder und jede persönlich in irgendeiner Weise konfrontiert war. Bei den Rednern selber handelte es sich – zweitens – um erfolgreiche und mit allen Wasser gewaschene Spitzenpolitiker, mit hoher Erfahrung und tiefem Einblick in die Modalitäten politischen Denkens und Agierens.

Zum dritten bedienten sich beide einer seinerzeit geläufigen Präsentation. Sie beherrschten die Klaviatur einer professionalisierten Rhetorik perfekt. Was sie zum Ausdruck bringen wollten, im Ton und im Argument, war auf höchstmögliche Wirkung und damit auch auf besondere Deutlichkeit angelegt. Das lag in der Intention der Redner, und die gilt es auch zu durchschauen. Zugleich stellen sich die Reden des zweiten Politikers, Ciceros, durch die zunächst geradezu spielerische Benennung als „Philippische“ in eine Linie mit denen des ersten, Demosthenes. Der wird dadurch zu einem Vorgänger. Auch diesen Bezügen hat man nachzuspüren.

Die Texte erlauben also einerseits einen tiefen Einblick in die realpolitischen Gegebenheiten in für Freiheit entscheidenden Konstellationen aus Sicht von Protagonisten. Sie gehören zum anderen in einen gemeinsamen Bezugsrahmen, der in der späteren Version explizit hergestellt wird. Es geht um politische Gemeinschaften, (hier Athen, dort Rom), die sich selbst nach eigenen Regeln organisieren, zwar im einzelnen unterschiedlich, aber doch so, dass die Beteiligten ihre Freiheit gerade darin sahen, dass Sie ihre inneren Angelegenheiten eigenständig und nach eigenen Standards regelten. Da wir hier schon eine gemeinsame Linie zu unserem politischen Selbstverständnis finden und da wir die angesprochenen Grundsätze – bei allen Differenzen im einzelnen – teilen, liegt es nahe, eine Brücke auch in unsere Zeit und Kultur zu schlagen,

Im Folgenden geht es darum allerdings darum, den Reden selbst mit ihren Argumentationen möglichst nahe zu kommen, einschließlich der jeweiligen Kontexte. Der Autor dieser Zeilen weiß aus Erfahrung, dass sich die angesprochenen Brückenschläge dann geradezu von allein ergeben. Nicht zuletzt das macht den didaktischen Wert vieler ‚klassischer’ Werke aus. Wie in der mündlichen Version des Vortrags entfalte ich meine Beobachtungen unmittelbar aus besonders signifikanten Texten, nachdem ich die jeweilige Gesamtkonstellation (Athen in der Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr. und Rom nach Caesars Ermordung) kurz skizziert habe. Die Interpretation der ausdruckstarken Zeugnisse durch die Leser soll im Vordergrund stehen, meine knappen Bemerkungen unterstreichen nur die aus meiner Sicht wichtigsten Gesichtspunkte dafür. Die Vorlage solcher Texte (aus, sagen wir, pragmatischen Gründen gebe ich die Demosthenes-Zitate auf Deutsch, in eigener Übersetzung) mag auch die Arbeit im Unterricht erleichtern – nicht nur in dem in den Alten Sprachen.

1. Der Kampf gegen Philipp von Makedonien und die Freiheit der Athener

Die ständigen und blutigen Kriege, die die Griechen im 5. und im 4. Jahrhundert um die Vormacht in Hellas führten und in denen Athen fast ständig zu den Protagonisten gehörte, hatten im Jahre 362 v. Chr. mit der unentschieden endenden Schacht von Mantineia zu einem chaotischen Zustand von Unsicherheit und Erschöpfung geführt, der nicht zuletzt die traditionellen Großmächte Athen, Sparta und Theben getroffen hatte. Dieses Machvakuum nutzte eine bisher verachtete, von den Griechen nicht wirklich als ihresgleichen eingestufte und eher rückständige Stammesföderation im Norden, die Makedonen. Unter Führung eines energischen Königs, Philipps II. (er hatte selbst noch als Jugendlicher einige Jahre lang als Geisel in Theben zubringen müssen), wurde sie im Inneren reorganisiert und gleichzeitig schon nach außen militärisch-politisch offensiv. Philipp übernahm u.a. auch die Kontrolle über griechische Städte im Norden, besonders über das mächtige Olynth, das er dem Erdboden gleich machte (348), und in Thessalien. Unter Ausnutzung griechischer Konflikte um das Heiligtum von Delphi und seine Schätze (so genannter Dritter Heiliger Krieg, 356-346) schuf er sich eine dominante Position in Mittelgriechenland und war schließlich so mächtig, dass er sich im Jahre 338 v. Chr., in der Schlacht von Chaironeia, gegen eine griechische Allianz unter den beiden derzeit bedeutendsten Mächten, Athen und Theben, durchsetzen konnte. Nach athenischer Vorstellung bedeutete das definitiv den Verlust der Freiheit und ganz konkret die „Sklaverei“.

Philipps Aufstieg wurde dadurch gefördert, dass er lange – als Herrscher über eine wenig respektierte ‚Truppe’ – unterschätzt wurde. Einer der ersten, der schon frühzeitig die von ihm ausgehende Bedrohung erkannte, war der Athener Demosthenes, ein hochbegabter und wohltrainierter Rhetor, der sich schon früh der politischen Aktivität verschrieben hatte. Die Reden, mit denen er seine Mitbürger auf die Gefahr aus dem Norden aufmerksam machte, wurden schon früh „Philippische Reden“ genannt und entsprechend durchgezählt. In ihrer Nähe stehen andere Reden mit ähnlichem Tenor, vor allem die „Olynthischen Reden“, die angesichts der Bedrohung dieser Stadt gehalten wurden. Die 1. Philippika gehört in kriegerische Zeiten, deren Bedeutung aber der großen Mehrheit der Athener nicht klar war. Die zweite wurde in einer Friedenszeit gehalten, von der aber Demosthenes schon wusste, dass sie von Philipp nur zur Erweiterung seiner Machtbasis genutzt wurde, während die dritte Rede bereits dem Aufbau einer griechischen Allianz gegen den makedonischen König diente, die teilweise auch gelang.

Die folgende Aufstellung korreliert die allgemeine Entwicklung mit den Reden des Demosthenes. Für die Details der jeweiligen Konstellationen, die hier aus Platzgründen nicht näher ausgeführt werden können, sei besonders auf G.A. Lehmanns Demosthenes-Buch verwiesen, das die derzeit beste greifbare Darstellung bietet:1

Konstellationen      Philippische Reden
Hegemonialkriege     Demosthenes (384-322)
 362 Mantineia      
 357-55 Bundesgenossenkrieg    
356-346 3. Heiliger Krieg 351 1. Philippische Rede (oratio 4)
348 Olynth erobert 349/8 1.-3. Olynthische Rede (or. 1-3)
346 Philokrates-Frieden 346 Friedensrede (5)
344/3 Kontrolle Thessaliens 344 2. Philippische Rede (6)
340-338 4. Heiliger Krieg 343 Chersonnesos-Rede (8)
338 Chaironeia 341 3. Philippische Rede (9)
338/7 Korinthischer Bund    
323/2 Lamischer Krieg   Weitere Reden unecht: Halonnesos-Rede (7);
4. Philippische Rede (10);
Brief Philipps (12) und Antwort darauf (11).

                                                                  

1.1. Die Logik der Macht: Freiheit als Handlungsspielraum

„Wenn Philipp damals diese Einstellung gehabt hätte, es sei schwierig, gegen die  Athener Krieg zu führen, die so viele Festungen in seinem Gebiet besaßen, während er ohne Verbündete war, hätte er nichts von dem gemacht, was er jetzt getan hat, und er hätte nicht eine solche Macht erworben. Aber der wusste genau, ihr Athener, dass alle diese Gebiete Kampfpreise sind, die bereit liegen, und dass von Natur aus den Anwesenden die Güter der Abwesenden gehören und denen, die Mühen und Gefahren auf sich nehmen, diejenigen derer, die sich nicht kümmern...Wenn ihr aber eurer selbst Herr werden wollt, ...werdet ihr euch das Eurige wieder verschaffen, wenn Gott will, und wieder bekommen, was ihr leichtfertig verspielt habt, und jenen zur Rechenschaft ziehen.“ (4,5-7; vgl. auch 4,11.39.43.50)

Der Grundgedanke aller Argumentationen, die Demosthenes bietet, ist eine Logik der Macht. Geradezu mathematisch lässt sich schließen, was politische Akteure normalerweise tun. Sie versuchen ihre Position zu verbessern und jede Schwäche des Gegners auszunutzen und ihn damit in letzter Konsequenz zu beherrschen: für den Verlierer das Gegenteil von Freiheit. Es ist charakteristisch, dass diese Logik der Macht, die gemeinhin als machiavellistisch bezeichnet wird, gerade in der griechischen Kultur unter Praktikern wie Theoretikern des Politischen verbreitet war. Die ‚klassische’ Position dazu, mit entsprechend markanten Passagen und Formulierungen, findet sich bei Thukydides.2

Genau davon ist auch Demosthenes’ politisches Denken und Handeln geprägt. Daraus resultiert eine für ihn wesentliche und grundlegende Einsicht. Sie steht gerade in der Ersten Philippischen Rede im Vordergrund, die im Frühjahr 351 gehalten wurde und den Athenern vor allem klar machen wollte, dass sie einen echten Handlungsbedarf hätten. Das macht Demosthenes, indem er mit der erwähnten Logik operiert: Angesichts des permanenten Rangelns um Vorteile und günstige Positionen besteht Freiheit zunächst darin, dass man überhaupt ein Akteur bleibt, dass man also seinen Handlungsspielraum wahrnimmt. Der „Sachzwang“, die „Alternativlosigkeit“ waren keine Leitmotive für Demosthenes’ (und den griechischen) Begriff von Freiheit. Denn gerade nach der Logik der Macht nutzte das ein anderer, und der brachte einen in Abhängigkeit.

1.2. Freiheit und Ehre

„Was soll nun geschehen?! Ich glaube, es gibt für Freie keinen größeren Zwang (anánkē) als die Scham (aischúnē) über ihr Verhalten. Oder, sagt mir, wollt ihr herumgehen und fragen, ‚Was gibt‘s Neues?“ Könnte es eine größere Neuigkeit geben, als dass ein makedonischer Kerl gegen die Athener kämpft und die Angelegenheiten der Griechen regelt?“ (4, 10).

„Wenn ihr aber nur einen Feldherrn und einen leeren Volksbeschluss und die Hoffnungen der Rednertribüne aussendet, werdet ihr nichts von dem tun, was nötig ist; eure Feinde jedoch werden auch auslachen und eure Verbündeten sterben aus Furcht vor solchen Hilfssendungen.“ (4,45).

Die antiken Gesellschaften waren in ganz besonderem Maße ehrbewusst. Es ging dabei primär um Ehre in einem äußerlichen Sinne: um Ansehen, Prestige, Geltung. Wer bestimmten Erwartungen nicht genügte und Schaden an seinem Image nahm, wurde verachtet. Das kam schon rein äußerlich darin zum Ausdruck, dass man in auslachte. Frei-Sein war im Selbstverständnis des griechischen Polis-Bürgers mit seiner kollektiven und individuellen Existenz genuin verbunden. Schon deshalb war Freiheit, die ihn vom Sklaven unterschied, auch die Voraussetzung der Ehre. Sie nicht adäquat unter Beweis zu stellen brachte Schande. Diese traf auch, wenn Freiheit sich nicht effektiv zur Geltung brachte, also durch Handeln demonstriert wurde.

1.3. Freiheit vs. Tyrannis

„Niemals ist für politische Ordnungen (politeíai) der allzu enge Umgang mit Tyrannen sicher“ (6,21)

„Die Natur der vernünftig Denkenden (eû phronoúntōn) hat in sich selbst ein gemeinsames Schutzmittel, das für alle gut und heilsam ist, am meisten aber für die Völker gegen die Tyrannen. Was ist das? Das Misstrauen (apistía). Dieses bewahrt, an dieses haltet euch. Wenn ihr dieses bewahrt, werdet ihr nichts Schlimmes erleiden. Wonach sucht ihr? Nach Freiheit. Und seht ihr nicht, dass Philipp schon Titel führt, die dieser entgegenstehen. Denn jeder König und Tyrann ist Feind der Freiheit und Gegner der Gesetze.“ (6,24f.)

Demosthenes’ Zweite Philippische Rede ist in der spannungsreichen Zeit nach dem Frieden des Philokrates (346) gehalten worden. Philipp versuchte, aus einer in Nord- und teilweise schon in Mittelgriechenland dominierenden Position heraus auch auf der Peloponnes politische Verbündete unter den dortigen Griechen zu gewinnen (344). In dieser Situation akzentuiert Demosthenes gegenüber dem Demos von Athen, aber auch mit einer beabsichtigten Außenwirkung vor allem zwei Aspekte. Zunächst bezieht er sich auf ein zentrales Koordinatennetz der griechischen Geschichte, den kardinalen Gegensatz zwischen Freiheit und Tyrannis. Dieser war das politische Äquivalent zur Diskrepanz zwischen (persönlicher) Freiheit und Sklaverei, wurde also auch entsprechend massiv wahrgenommen. Mit diesem Gegensatz wird zugleich die Verbindung von Freiheit und Gesetz bzw., wie wir sagen würden, die Freiheitlichkeit der politischen Ordnung („Verfassung“, politeia) akzentuiert: Unfreiheit und Tyrannis sind per se auch widergesetzlich.

Darüber hinaus geht es um einen alle Griechen betreffenden, panhellenischen Aspekt: Philipp stellt, vergleichbar mit dem persischen Großkönig der  Zeit der Perserkriege (480/79 v. Chr.), eine Bedrohung für alle Griechen dar (6,2). Der Logik der Macht nach müssten sie sich also auch alle zusammenschließen – wie damals. Damit kommt aber den Athenern eine besondere Verantwortung zu. Sie haben sich damals besonders als Vorkämpfer griechischer Freiheit bewährt und sind dazu aufgerufen, es wieder zu tun. Damit kommt ihnen eine Führungsrolle zu:

„Euren Vorfahren (den Athenern in der Konstellation der Perserkriege) wäre es möglich gewesen, die übrigen Griechen zu beherrschen, so wie sie ihrerseits dem Großkönig untertänig gewesen wären. Als Alexandros, der Vorfahre dieser Makedonenkönige, in seiner Eigenschaft als Herold der Perser ihnen dies persönlich unterbreitete, hörten sie sich diesen Vorschlag nicht nur nicht an, sondern zogen es sogar vor, ihr Land zu verlassen und alles Erdenkliche auszuhalten. Und danach vollbrachten sie Taten, die alle zu erzählen verlangen, aber niemand ihrem Verdienst angemessen darstellen kann, weshalb auch ich das zu Recht übergehe; denn die Leistungen unserer Vorfahren sind ja größer, als dass man sie mit Worten aussprechen kann“ (6,11, vgl. 6,17)

Dieser panhellenische Gesichtspunkt wird in der Dritten Philippischen Rede zum Leitmotiv. Sie wurde etwa im Mai 341 v. Chr. gehalten, als Philipps Hegemoniestreben immer offensichtlicher wurde und Demosthenes entsprechend energischer um den Aufbau einer Allianz griechischer Stadtstaaten gegen ihn hinarbeitete. In dieser wäre Athen eine Führungsrolle zugekommen. Aber zunächst musste Demosthenes sich gerade dort mit seiner antimakedonischen Politik durchsetzen, die prominente und einflussreiche Gegner hatte. So gab es auch eine innenpolitische Front, die mit der außenpolitischen korrelierte. Beides markant zu parallelisieren ist ein zweites Leitmotiv der Dritten Philippischen Rede.

1.4. Freiheit, Hegemonie und Herrschaft

„Ich sehe, dass alle Menschen, ihr als erste, diesem zugestanden habt, worum die ganze übrige Zeit alle griechischen Kriege geführt wurden. Was ist das? Dass er tut, was er will, und die Griechen einen nach dem anderen plündert und auszieht und ihre Städte umstandslos versklavt. Demgegenüber wart ihr 73 Jahre die erste Macht (prostátai) der Griechen, die Lakedaimonier 29, und auch die Thebaner waren mächtig in diesen jüngsten Zeiten nach der Schlacht von Leuktra (371 v. Chr.). Aber dennoch wurde dies weder euch noch den Thebanern noch den Lakedaimoniern jemals von den Griechen zugestanden, weit gefehlt“ (9, 22f.)

Im Sinne der oben erwähnten Machtlogik wird ein Grundzug der griechischen Geschichte, das permanente Streben nach Hegemonie und Herrschaft – damit aber auch nach Unterdrückung anderer – durch bestimmte Mächte relativ nüchtern konstatiert. Es erscheint damit in gewisser Weise sogar machtpolitisch legitimiert. In der Tat liegt hierin eine besondere Problematik des griechischen Freiheitsbegriffs: Die Gefahr, unterdrückt zu werden – individuell wie kollektiv –, lag so nahe, Versklavung also drohte so konkret, dass man sich erst richtig frei fühlte, wenn man selber herrschte: Frei war letztendlich der Tyrann.3 Vor diesem Hintergrund wird Philipps entsprechendes Verhalten aber besonders dadurch problematisch, dass er wie ein ‚Barbar’ auf die Seite der Sklaven gestellt wird: Wenn er gleichsam normale griechische Politik macht, ist das pervers:

„Und eines wisst ihr fürwahr, dass alles, was die Griechen von uns oder den Lakedaimoniern erduldet haben, ihnen als Unrecht von wahren Söhnen Griechenlands zugefügt wurde, wie etwa wenn ein echter Sohn seine Angelegenheiten nicht gut und recht verwaltet und deswegen Tadel und Klage verdient, aber man dennoch nicht sagen darf, er sei kein Erbe und gehöre nicht dazu. Wenn aber ein Sklave oder Bastard vernichtet oder befleckt, was ihm nicht gehört, wie viel schlimmer und empörender müsste das, beim Herakles, allen erscheinen. Aber wenn es um Philipp geht und alles, was er macht, dann denken sie nicht so, obwohl der doch nicht nur kein Grieche ist und mit den Griechen nichts zu tun hat und nicht einmal als Barbar aus einem Land stammt, das man mit Ehren nennen kann, sondern ein Miststück (ólethros) aus Makedonien ist, von wo man früher nicht einmal einen anständigen Sklaven bekam“ (9,30f.).

1.5 Freiheit, Stasis und innere Gegner

„Früher hassten alle die, welche mit Geld korrumpiert waren und Griechenland vernichten wollten...Und die Eintracht untereinander oder das Misstrauen gegen die Tyrannen oder die Barbaren oder anderes dieser Art war nicht käuflich. Jetzt aber wird alles dies wie auf dem Markt verkauft, und statt dessen wird eingeführt, was Griechenland zerstört und krank macht. Was ist das? Missgunst, wenn einer etwas bekommen hat; Gelächter, wenn er es zugibt; Hass, wenn ihm einer das vorwirft; und alles andere, was sich aus der Bestechlichkeit ergibt“ (9,37f.).

Die Logik der Macht mit ihren extremen Zuspitzungen nach dem Freund-Feind-Schema betrifft in Griechenland nicht nur die außenpolitischen Konflikte, sondern mindestens ebenso sehr die internen. Politische Machtkämpfe im Inneren der griechischen Staaten führten fast regelmäßig, jedenfalls häufig sehr schnell zu Bürgerkriegen, die oft mit exzessiver Gewalt und hohem Vernichtungswillen ausgetragen wurde. Dieses Phänomen, für das die Griechen den Begriff „Stasis“ gebrauchten, dieser „innere Krieg“, diese „absolute Geißel“4 war in der Polis geradezu die Gegenseite zu der Gesetzlichkeit, eine radikale Zuspitzung der politischen Kampfkonstellation und passend zu dem Streben nach Herrschaft und Tyrannis.

Der innere Gegner wurde schnell als gefährlicher Feind wahrgenommen, und regelmäßig verquickten sich interne und äußere Kampfkonstellationen, so auch hier: Wer eine andere außenpolitische Orientierung vertritt, hat prinzipiell Unrecht, er ist korrupt, verräterisch, ein möglicher Kollaborateur. Ein solcher Verdacht, für den man immer wieder empirische Belege fand (hier am Beispiel von Olynth), ließ sich jederzeit in den internen Debatten ins Spiel führen, gerade wenn die Dinge sich zum Kriege zuspitzten: Das war das Gegenteil von dem „Burgfrieden“, in dessen Zeichen sich 1914 die deutsche Sozialdemokratie für die Kriegspolitik gewinnen ließ.

„Ihr müsst aber nicht nur ihn mit militärischen Mitteln abwehren, sondern mit klarem Verstand und klarer Gesinnung die hassen, die bei euch zu seinen Gunsten reden, und ihr müsst wohl bedenken, dass es nicht möglich ist, der äußeren Feinde der Stadt Herr zu werden, bevor ihr nicht diejenigen in der Stadt gezüchtigt habt, die ihnen zu Diensten sind (9,53)...Es gab in Olynth unter den aktiven Politiker solche, die Philipps Leute waren und ihm alles zu Diensten taten, und solche, die das Beste im Sinn hatten und darauf hinarbeiteten, dass ihre Mitbürger nicht versklavt wurden (9,56)...Beim Zeus und beim Apollon, ich fürchte, dass auch ihr dies erleidet, wenn ihr seht, dass auch durch Überlegung bei euch nichts mehr möglich ist. Doch mögen die Dinge sich nie so entwickeln, ihr Athener. Denn dann ist Sterben tausendmal besser als Philipp etwas zu Gefallen zu tun“ (9,65).

Hier stoßen wir auf einen weiteren ‚Pferdefuß’ neben der naheliegenden Identifizierung von Freisein und Herrschen: die massive Orientierung auf das Eigeninteresse, die den Kompromiss mit der Gegenseite bis zur Unmöglichkeit erschwert. Statt sich – gerade in Zeiten starker Bedrohung – um Solidarität im Inneren zu bemühen, fährt man gegen den inneren Gegner schwerste Geschütze auf. Im Grunde grenzt man ihn aus, mehrfach ist von Krankheit die Rede (9,12.39). Dieser politische Manichäismus beherrscht auch Demosthenes’ Kampf um die Freiheit.

Er war damit erfolgreich, zumal Philipps Aggressivität immer offensichtlicher wurde, besonders als er an den Meerengen um Hellespont und Bosporus die athenische Getreideversorgung aus dem Schwarzmeergebiet gefährdete (340 v. Chr.). Athen entschied sich für den Krieg, und es war vor allem Demosthenes zu verdanken, dass eine beachtliche antimakedonische Allianz griechischer Staaten zusammenkam, vor allem durch die Annäherung an den „Erbfeind“ Theben. Ungebrochener Herrschaftsdrang und kompromissloser Machtegoismus lassen keine Alternative als den Krieg. Da gewinnt der Stärkere: Bei Chaironeia zeigte sich die makedonische Überlegenheit auf diesem Felde in aller Brutalität (338 v. Chr.). Demosthenes wurde zunächst verschont, Athen versuchte sogar, durch eine beachtliche militärische und moralische Aufrüstung einen neuen Freiheitskampf zu organisieren – im selben Geiste und nach derselben Logik. Als dieser, erst nach dem Tode Alexanders des Großen riskiert, verlorengegangen war (Lamischer Krieg), zahlte Demosthenes für seinen Kampf um die Freiheit mit seinem Leben (322 v. Chr.).

Nachträglich erhielt er besondere Ehren durch die Athener, einschließlich eines Denkmals. Dessen Inschrift konnte treffender nicht sein. Der grandiose Irrealis des Epigramms verweist auf die Gefährdung, oder wenn man so will: Tragik dessen, der im Sinne seines eigenen Verhaltenskodex alles auf eine Karte setzt, auf die politisch-militärische Macht. Dann muss man aber auch diese „Kraft“ (rhōmē) besitzen.

εἴπερ ἴσην γνώμῃ ῥώμην Δημόσθενες ἔσχες,

οὔποτ' ἂν Ἑλλήνων ἦρξεν Ἄρης Μακεδών.

„Wenn du dieselbe Macht wie Gesinnung gehabt hättest, Demosthenes, würde niemals über die Griechen der makedonische Ares herrschen“ (Ps. Plutarch, Leben der 10 Redner 847a; Plutarch, Demosthenes 30,5).

2. Ciceros letzter Kampf um die Freiheit der Republik

Zwischen Athen und Rom, Demosthenes’ und Ciceros Kampf um die Freiheit gab es durchaus große Unterschiede:5 Die römische Ordnung war durch die Dominanz der Senatsaristokratie bestimmt, nicht durch primär demokratische Rahmenbedingungen. Demosthenes’ Feind kam von außen, bei Cicero ging es um die innere Ordnung. Die Spielräume der Akteure und die faktischen Abläufe waren ganz verschieden. Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten, gerade wenn es um die Verteidigung der Freiheit ging: In beiden Ordnungen hatte sie einen wesentlichen Stellenwert, und gerade der Freiheitsbegriff der Senatoren ähnelte dem der griechischen Demokraten. Die römischen Politiker – und Cicero war dafür ein Musterbeispiel – waren in griechischer Rhetorik geschult, sie bezogen sich auf Demosthenes auch als ein Vorbild. Die zunächst scherzhafte Parallelisierung der gegen M. Antonius gerichteten Cicero-Reden mit den Philippischen des Demosthenes in der Korrespondenz zwischen Cicero und dem Caesarmörder Brutus macht das explizit deutlich.6

Den eigentlichen Ausgangspunkt für Ciceros Philippische Reden bildete Caesars Ermordung an den Iden des März 44 v.Chr., die von Cicero überschwänglich begrüßt wurde. Caesars Herrschaft hatte für das senatorische Selbst- und Staatsverständnis einen absoluten Tiefpunkt bedeutet. Seine Dictatur wurde mit der griechischen Tyrannis gleichgesetzt, das griechische Konzept des legitimen Tyrannenmordes stand bei der Tötung Caesars Pate. Cicero, nicht in die Verschwörung eingeweiht, jubelte umso lauter und bedauerte bald in vertraulichen Briefen,7 dass man nicht gleich den Antonius ‚miterledigt’ habe. Es war jedenfalls klar, dass plötzlich neue Handlungsspielräume gegeben waren. Mit einem großen Kompromiss im Tellus-Tempel arrangierten sich am 17.4. die Caesarmörder und die Caesarianer unter dem Reiteroberst (des Dictators Caesar) M. Aemilius Lepidus sowie den Konsuln M. Antonius und P. Cornlius Dolabella, Ciceros ehemaligem Schwiegersohn. Der Anfang von Ciceros 1. Philippica hallt davon knapp ein halbes Jahr später noch nach:

Ego cum sperarem aliquando ad vestrum consilium auctoritatemque rem publicam esse revocatam, manendum mihi statuebam, quasi in vigilia quadam consulari ac senatoria. Nec vero usquam discedebam nec a re publica deiciebam oculos ex eo die, quo in aedem Telluris convocati sumus (17.3.44). In quo templo, quantum in me fuit, ieci fundamenta pacis Atheniensiumque renovavi vetus exemplum; Graecum etiam verbum usurpavi (mē mnēsikakeîn = Amnestie), quo tum in sedandis discordiis usa erat civitas illa, atque omnem memoriam discordiarum oblivione sempiterna delendam censui. Praeclara tum oratio M.Antoni, egregia etiam voluntas; pax denique per eum et per liberos eius cum praestantissimis civibus confirmata est. Atque his principiis reliqua consentiebant (1. Phil.1f.).

Das Freiheitsmotiv wird sofort angeschlagen, aber in einer charakteristischen Umschreibung. Die res publica war wieder zurückgerufen zur Autorität des Senats: Das vestrum bezieht sich auf das Auditorium der am 2. September im Senat gehaltenen Rede. Vergleichbar der griechischen Vorstellung, dass eigentliche Freiheit in der Herrschaft verkörpert sei, fußt für den römischen Senator die Freiheit der Republik auf der dominierenden Rolle des Senats.8 Ciceros 1. Philippica ist zwar schon polemisch, bleibt aber noch ambivalent und formell freundschaftlich gegenüber Antonius. Der Kompromiss vom Tellus-Tempel bleibt die Geschäftsgrundlage (1. Phil. 90.93).

Zwischenzeitlich hatten sich aber die Gewichte und Allianzen verschoben.9 Das hing vor allem damit zusammen, dass der 18jährige C. Octavius, testamentarisch von seinem Großonkel adoptiert, das Erbe Caesars angenommen hatte und nun als junger Caesar auf der Bildfläche erschienen war. Dies zwang den bisher führenden Caesarianer M. Antonius zu einem Kampf um die gemeinsamen Anhängerschaften und drohte, ihn von der Kompromisslinie zu entfernen. Die internen Streitigkeiten, die seit dem Juli 44 immer weniger überbrückbar schienen, eröffneten Cicero neue Spielräume.

Er setzte – alles andere als unumstritten im Kreise seiner Partner – mehr und mehr auf den jungen Caesar, den er gegen Antonius in Position zu bringen suchte. In der Meinung, den jungen Mann positiv beeinflussen zu können, schoss sich Cicero mehr und mehr auf Antonius ein. Seine Philippischen Reden demonstrieren das. Die erste hielt noch eine Tür offen, aber nachdem sie von Antonius in einer Senatsrede am 19. September schroff gekontert worden war, hat Cicero konsequent und kompromisslos gegen Antonius gekämpft. Die nie gehaltene 2. Philippica bildet bereits ein extremes Beispiel an Polemik, die späteren Reden, die realiter gehalten wurden, arbeiten ganz folgerichtig an der völligen Ausschaltung des Antonius aus der römischen Politik. Die senatorische Identifizierung der römischen Freiheit mit seinem eigenen Gestaltungsspielraum steigert sich hier zu einer Verabsolutierung der individuellen Vorstellung eines (führenden) Senators, eines princeps, über Freiheit und Ordnung der res publica als wesentlichem Maßstab. Wie das rhetorisch in den Philippischen Reden Ciceros ausgestaltet wurde, sei im Folgenden kurz dokumentiert.

2.1 Freiheit und ihre Charakteristika

Ego cum sperarem aliquando ad vestrum consilium auctoritatemque rem publicam esse revocatam (1,1).

Idcircone nos populus Romanus consules fecit, ut in altissimo gradu dignitatis locati rem publicam pro nihilo haberemus? Non modo voce nemo L. Pisoni consularis, sed ne vultu quidem assensus est. Quae, malum!, est ista voluntaria servitus? (1,14f.)

Ego, si quid in vitam eius aut in mores cum contumelia dixero, quo minus mihi inimicissimus sit, non recusabo; sin consuetudinem meam... tenuero, id est si libere, quae sentiam de re publica, dixero, primum deprecor, ne irascatur; deinde, si hoc non impetro, peto, ut sic irascatur ut civi (1,27).

Utinam, M. Antoni, avum tuum meminisses! de quo tamen audisti multa ex me, eaque saepissime. Putasne illum immortalitatem mereri voluisse, ut propter armorum habendorum licentiam metueretur? Illa erat vita, illa secunda fortuna, libertate esse parem ceteris, principem dignitate. Itaque, ut omittam res avi tui prosperas, acerbissimum eius supremum diem malim quam L. Cinnae dominatum, a quo ille crudelissime est interfectus (1,34)

Wie schon bemerkt, ist die richtige Ordnung und damit die Freiheit der Republik erst dann gegeben, wenn der Senat seine  führende Rolle realiter wahrnehmen kann und wenn generell die Belange der Allgemeinheit, eben der res publica, im Vordergrund stehen. Dazu gehört ebenso – das zeigt die zweite Stelle – dass die ehemaligen Konsuln, die Konsulare, informell bei allen Beratungen ein besonderes Gewicht haben. Das entsprach in der Tat altem Herkommen und betraf nicht zuletzt auch Ciceros Gewicht selbst. Als ehemaliger Konsul des Jahres 63 und damaliger Held der Republik, „Vater des Vaterlandes“, hatte er nicht zuletzt wegen der Dominanz des Pompeius, des 1. Triumvirats, der Bürgerkriege und der Alleinherrschaft Caesars diese ihm objektiv und vor allem subjektiv zu recht zukommende Führungsrolle rund zwanzig Jahre lang nicht wahrnehmen können. Nun tat er das umso energischer.

An dieser Stelle wird es sogar als „freiwillige Sklaverei“ bezeichnet, wenn man die Prärogative der Konsularen nicht beachtet. Zugleich gehört der Respekt vor dem Mitbürger dazu. Freiheit ist auch die Freiheit, sich in politischen Angelegenheiten offen und freimütig zu äußern  (1,27). Dies darf der Opponent sozusagen nicht persönlich nehmen, daraus darf keine persönliche Feindschaft resultieren. Darüber hinaus kommt Freiheit auch in der bürgerlichen wie ständischen Gleichheit zum Ausdruck (1,34). Aber gerade das schließt ein, dass es für Persönlichkeiten mit besonderen Verdiensten auch einen besonderen Rang gibt. Antonius’ eigener Großvater kann hier ein Beispiel bieten.

2.2 Freiheit und ihre Feinde

Quonam meo fato, patres conscripti, fieri dicam, ut nemo his annis viginti rei publicae fuerit hostis, qui non bellum eodem tempore mihi quoque indixerit? Nec vero necesse est quemquam a me nominari; vobiscum ipsi recordamini. Mihi poenarum illi plus, quam optaram, dederunt: te miror, Antoni, quorum facta imitere, eorum exitus non perhorrescere. Atque hoc in aliis minus mirabar. Nemo enim illorum inimicus mihi fuit voluntarius, omnes a me rei publicae causa lacessiti. Tu ne verbo quidem violatus, ut audacior quam Catilina, furiosior quam Clodius viderere, ultro me maledictis lacessisti, tuamque a me alienationem commendationem tibi ad impios civis fore putavisti (2,1).

Die Dominanz des Senats, die Orientierung auf die res publica, die Rücksicht auf die Mitbürger als cives sowie die spezifische Dialektik von Gleichheit und Rang bilden also in den Augen Ciceros wesentliche Elemente einer freiheitlichen republikanischen Ordnung. Diese ist aber von Feinden bedroht, wie in der Tat die Erfahrungen von Generationen lehrte. Die 2. Philippica, die Antwort auf eine Kampfansage des Antonius, bringt dieses Thema auf höchst charakteristische Weise bereits am Anfang mit einem Paukenschlag ins Spiel: Der Begriff des Feindes ist ganz elementar verstanden, er ist (wie) der Feind im Krieg; und alle Feinde der Republik in diesem Sinne waren auch mit Cicero persönlich verfeindet!

Darin steckt schon ein nicht unbedenkliches Zeichen, eine Art von Identifizierung, die leicht zu dem Satz „la république c’est moi“ führen könnte, dem dann aber zugleich etwas Diktatorisches innewohnt. Man muss festhalten, dass Cicero im Hinblick auf Freund und Feind der Republik eine Deutungshoheit beansprucht. Für den „Feind“ Antonius ergibt sich mithin das genaue Gegenteil: Eine Orientierung an Ciceros Maximen ist die Rettung der Republik, Antonius’ Verhalten ihr Untergang: Haec mea, M. Antoni, semper et de Pompeio et de re publica consilia fuerunt. Quae si valuissent, res publica staret, tu tuis flagitiis, egestate, infamia concidisses (2,24). Der politische Manichäismus, den wir oben bei den Griechen und Demosthenes hervorhoben, ist hier auf die Spitze getrieben, in aller rhetorischer Raffinesse.

2.3. Die Rhetorik der Feindschaft

Gerade in der 2. Philippica entfaltet Cicero in diesem Sinne eine schrankenlose Rhetorik der Feindschaft. Das beginnt mit (a) gezielten Kränkungen:

Sumpsisti virilem, quam statim muliebrem togam reddidisti. Primo vulgare scortum, certa flagitii merces, nec ea parva; sed cito Curio intervenit, qui te a meretricio quaestu abduxit et, tamquam stolam dedisset, in matrimonio stabili et certo collocavit (2,44).

Num exspectas, dum te stimulis fodiamus? Haec te, si ullam partem habes sensus, lacerat, haec cruentat oratio (2,86).

In vielfachen Variationen werden die schlimmsten moralischen Verfehlungen präsentiert, besonders die Maßlosigkeit im Umgang mit Alkohol (furiosa vinulentia, 2,101) und sexuelle Exzesse. Letztere finden ihren Höhepunkt in dem Gipfel der Beleidigung, in dem Vorwurf der passiven Homosexualität. Das ist eine gezielte Kränkung, die schärfste Rache provoziert. Verbal ist Cicero hier bereits beim Totschlag angekommen, wie die direkte Anspielung auf Caesars Ermordung illustriert (2,86). Das ist mehr als ein bloßer Vergleich, wie bald deutlich wird.

Wichtiger ist (b) eine politische Kontrastierung zwischen Cicero und dem Feind Antonius, auf die schon hingewiesen wurde. Auch diese ist ganz komplementär nach dem Schwarz-Weiß-Schema angelegt. Sie bezieht sich besonders auf die Amtsführung der beiden in ihrem jeweiligen Konsulat, wobei Cicero die Worte „cedant arma togae“ aus seinem eigenen Epos de consulatu suo zitiert, über die sich Antonius in seiner vorangehenden Rede vom 19.9. offenbar (wie so viele) lustig gemacht hatte.

At quam crebro usurpat: 'Et consul et Antonius'! hoc est dicere: et consul et impudicissimus, et consul et homo nequissimus. Quid est enim aliud Antonius? Nam, si dignitas significaretur in nomine, dixisset, credo, aliquando avus tuus se et consulem et Antonium. Numquam dixit. Dixisset etiam conlega meus, patruus tuus, nisi si tu es solus Antonius. (2,70).

'Cedant arma togae'. Quid? tum nonne cesserunt? At postea tuis armis cessit toga. Quaeramus igitur, utrum melius fuerit, libertati populi Romani sceleratorum arma an libertatem nostram armis tuis cedere (2,20).

Das ist dann besonders zugespitzt im (c) Vorwurf der Tyrannis bzw. des regnum, der dominandi cupiditas (2,117). Dabei erinnert Cicero an den Tag, an dem M. Antonius während der Lupercalien am 15. Februar 44 Caesar das Diadem angeboten hat. Damit aber potenziert er gleichsam das Motiv: Es geht da gar nicht um Antonius Herrschaft, sondern um dessen sklavische Unterwerfungsgeste. Vergleichbar dem Fall Philipps bei Demosthenes erscheint hier die Herrschsucht eines eigentlichen Devoten als besonders pervers:

Tu diadema inponebas cum plangore populi, ille cum plausu reiciebat. Tu ergo unus, scelerate, inventus es, qui cum auctor regni esse eumque, quem collegam habebas, dominum habere velles, idem temptares, quid populus Romanus ferre et pati posset. At etiam misericordiam captabas; supplex te ad pedes abiciebas quid petens? ut servires? Tibi uni peteres, qui ita a puero vixeras, ut omnia paterere, ut facile servires; a nobis populoque Romano mandatum id certe non habebas. (2,85f.).

Es ist in diesem Sinne konsequent, wenn damit der Tyrannenmord selber auch in Bezug auf Antonius angesprochen wird, ganz unmittelbar und mit Cicero als dem Akteur. Wäre Cicero in die Verschwörung gegen Caesar eingeweiht gewesen, wie ihm Antonius vorgeworfen hatte, wäre es an den Iden des März anders zugegangen: Sed unam rem vereor ne non probes. Si enim fuissem, non solum regem, sed etiam regnum de re publica sustilissem et, si meus stilus ille fuisset, ut dicitur, mihi crede, non solum unum actum, sed totam fabulam confecissem (2,34).

Dazu passt schließlich (d) eine Perversion im Religiösen. Die Auspizien werden nicht beachtet (2, 102)10 – aber allen Hörern und Lesern war bekannt, dass das kein Sonderfall war. Aber besonders bedenklich war, dass sogar die göttliche Verehrung Caesars beschlossen, aber dann doch von Antonius nicht umgesetzt wurde:

Quem is (Caesar) honorem maiorem consecutus erat, quam ut haberet pulvinar, simulacrum, fastigium, flaminem? Est ergo flamen, ut Iovi, ut Marti, ut Quirino, sic divo Iulio M. Antonius. Quid igitur cessas? Cur non inauguraris? Sume diem, vide, qui te inauguret; conlegae sumus; nemo negabit. O detestabilem hominem, sive quod Caesaris sacerdos es sive quod mortui! (2,110).

So wird dann (e) die Figur des hostis komplett mit Antonius verbunden, der sich in seiner politischen Laufbahn konsequent als solcher entpuppte (2, 51. 72). Und Cicero hat das durchschaut. Gerade mit seiner Kompromissbereitschaft im Tellus-Tempel hatte sich Antonius nur verstellt. Er wird gleichsam zum Staatsfeind kat’echochen und als solcher grundsätzlich und permanent ausgegrenzt. Ein Kompromiss mit ihm ist nicht möglich:

Dicebam illis in Capitolio liberatoribus nostris, cum me ad te ire vellent, ut ad defendendam rem publicam te adhortarer, quoad metueres, omnia te promissurum; simul ac timere desisses, similem te futurum tui. Itaque, cum ceteri consulares irent, redirent, in sententia mansi; neque te illo die neque postero vidi neque ullam societatem optimis civibus cum inportunissimo hoste foedere ullo confirmari posse credidi. Post diem tertium veni in aedem Telluris, et quidem invitus, cum omnis aditus armati obsiderent (2,89).

Was sich aus all diesen Zuspitzungen als Handlungsoption anbietet, wird ebenfalls nicht verschwiegen. Schon die verschiedenen Anspielungen an die Iden des März lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Die Option ist auch explizit angesprochen, wie eine unverhohlene Drohung. Gerade die Freiheit der Republik gebietet die Vernichtung des Feindes. Dessen Ausschaltung bringt dem Staat Frieden und den Tätern ewigen Ruhm. Dafür gibt es eine ganze Serie von Beispielen aus der Geschichte der Republik, klassische römische exempla. Und die Iden des März haben das besonders bekräftigt.

Pax est tranquilla libertas, servitus postremum malorum omnium non modo bello, sed morte etiam repellendum. Quodsi se ipsos illi nostri liberatores e conspectu nostro abstulerunt, at exemplum facti reliquerunt. Illi, quod nemo fecerat, fecerunt. Tarquinium Brutus bello est persecutus, qui tum rex fuit, cum esse Romae licebat; Sp. Cassius, Sp. Maelius, M. Manlius propter suspicionem regni adpetendi sunt necati; hi primum cum gladiis non in regnum adpetentem, sed in regnantem impetum fecerunt. Quod cum ipsum factum per se praeclarum est atque divinum, tum expositum ad imitandum est, praesertim cum illi eam gloriam consecuti sint, quae vix caelo capi posse videatur (2,113f.).

Cum illo (Caesar) ego te dominandi cupiditate conferre possum, ceteris vero rebus nullo modo comparandus es. Sed ex plurimis malis, quae ab illo rei publicae sunt inusta, hoc tamen boni extitit, quod didicit iam populus Romanus, quantum cuique crederet, quibus se committeret, a quibus caveret. Haec non cogitas, neque intellegis satis esse viris fortibus didicisse, quam sit re pulchrum, beneficio gratum, fama gloriosum tyrannum occidere? An, cum illum homines non tulerint, te ferent? (2,117).

Deutlicher kann man es nicht sagen: Antonius, der öffentliche Feind der Republik und der persönliche Feind Ciceros, ist zum Abschuss freigegeben. Wir sehen, wohin der Kampf um die Freiheit führt, wenn einer genau weiß, was die Freiheit ist und wer sie verkörpert. Er führt zur radikalen Ausmerzung. Feindschaft ist echte Todfeindschaft.

Nun könnte man ja immer noch sagen: Die 2. Philippica ist eine ebenso wütende wie durchkomponierte Ansammlung von Bosheiten, eher literarische Polemik und erst postum überarbeitet und ediert, nicht wirklich handlungsleitend. Aber das trifft es nicht. Man kann sehr genau zeigen, dass sich Ciceros konkrete Politik an diesen Grundsätzen genau und konsequent orientierte, auf Leben und Tod, sogar zeitweise erfolgreich. Letztendlich das Leben gekostet hat es allerdings nicht seinen Widersacher, sondern ihn selbst. Das soll abschließend gezeigt werden.

2.4. Von der Option zur Handlung

Nachdem im September 44 jeder Kompromiss zwischen Antonius und Cicero unmöglich geworden war, spitzten sich im Oktober auch die Gegensätze zwischen Antonius und Octavian weiter zu. Bewaffnete Legionen und Veteranen zogen durch Italien. Sie standen nur zum Teil unter Kontrolle der Republik, sondern vornehmlich unter der eines Konsuls mit zweifelhafter Loyalität und eines 19jährigen ohne Amt und Würden, ein Bürgerkrieg drohte. In dieser Situation optierte Cicero definitiv für den jungen Caesar, der sich seinerseits Anfang November mehrfach an den erfahrenen und einflussreichen Konsular mit Bitte um Unterstützung gewandt hatte. Im Dezember wurden die Weichen in Rom gestellt und damit war die Entwicklung der folgenden Monate im Wesentlichen vorgezeichnet. Diese Weichenstellung bestand, vereinfacht gesagt, darin, dass sie Grundsätze der 2. Philippica die Perspektive einer realistischen Umsetzung erhielten, und zwar durch die – durchaus „unheilige“ – Allianz zwischen der Senatsmehrheit unter Ciceros Einfluss und dem jungen Caesar mit seinen Paladinen und Soldaten.

Diese neue Allianz ist in zwei Reden konkretisiert und präsentiert worden, die Cicero am 20.12.44 gehalten hat, vormittags im Senat und nachmittags vor dem Volk in einer contio. Es sind die 3. und die 4. Philippica. Sie zeigen die Prinzipien auf, nach denen gehandelt wurde, und die Grundsätze, nach denen dieses Handeln vor der römischen Tradition legitimiert wurde, obgleich es im Sinne dieser Tradition eigentlich unerhört war. Aber genau hierzu erwies sich die Ausgrenzung des Antonius als Staatsfeind schlechthin als ideales Argument.

Die 3. Philippica greift das sofort auf. Das Verhalten des Staatsfeindes Antonius (er war immerhin noch der Konsul), das sich gegen D. Brutus, den legalen Statthalter von Gallia Cisalpina (in dem strategisch relevanten Oberitalien) richtete, demonstrierte nicht nur dessen Feindseligkeit, sondern erforderte auch eine adäquate, d.h. militärische Antwort:

Serius omnino, patres conscripti, quam tempus rei publicae postulabat, aliquando tamen convocati sumus, quod flagitabam equidem cotidie, quippe cum bellum nefarium contra aras et focos, contra vitam fortunasque nostras ab homine profligato ac perdito non comparari, sed geri iam viderem. Expectantur Kalendae Ianuariae; quas non expectat Antonius, qui in provinciam D. Bruti, summi et singularis viri, cum exercitu impetum facere conatur; ex qua se instructum et paratum ad urbem venturum esse minitatur (3,1).

Dieser hier besonders rhetorisch aufgeputzte Krieg verlangt besondere Maßnahmen. Diese bestehen in der Legalisierung und der Legitimierung des jungen Caesar und seiner Privatarmee. Dieser erhält schließlich ein außerordentliches Kommando, wird damit neben die Konsuln des folgenden Jahres, die republikanisch orientierten Caesarianer A. Hirtius und C. Pansa, gestellt und gegen Antonius mobilisiert. Seine Legitimierung beruht genau auf der von langer Hand vorbereiteten ‚Verteufelung’ des Antonius, der die „Pest“ verkörpert, vor der nur der edle Jüngling retten kann:11

Qua peste privato consilio rem publicam (neque enim fieri potuit aliter) Caesar liberavit. Qui nisi in hac re publica natus esset, rem publicam scelere Antoni nullam haberemus. Sic enim perspicio, sic iudico, nisi unus adulescens illius furentis impetus crudelissimosque conatus cohibuisset, rem publicam funditus interituram fuisse. Cui quidem hodierno die, patres conscripti (nunc enim primum ita convenimus, ut illius beneficio possemus ea, quae sentiremus, libere dicere) tribuenda est auctoritas, ut rem publicam non modo a se susceptam, sed etiam a nobis commendatam possit defendere (3,5).

Sieht man auf die traditionellen Regeln der Republik, den mos maiorum, berücksichtigt man aber auch die Bedeutung des gesetzten Rechts, der leges, in der römischen Ordnung, dann kann man gleich konstatieren, dass die Dinge hier geradezu auf den Kopf gestellt waren. Aber das waren sie in der römischen Geschichte schon lange, schon seit den Zeiten eines Tiberius Gracchus, eines Sulla, eines Caesar. Es war Cicero, der schon lange zuvor davon gesprochen hatte, man habe „die Republik verloren“.12  Derselbe Cicero hatte sehr viele Gedanken darauf verwendet zu bedenken, wie man sie denn retten könne. Dabei hatte er, nicht zuletzt mit dem Rückgriff auf die griechische Staatstheorie, ganz eigene und wohlbegründete Ideen entwickelt, die dazu beitragen sollten.

Damit hatte er aber sich selbst und sein Denken zum Maßstab gemacht, und die für die republikanische Politik relevante Praxis des Aushandelns und Abwägens unter den Einflussreichen zwar nicht außer Kraft gesetzt, aber in die zweite Reihe verwiesen. In seinem Kampf gegen Antonius hatte er diese ganz individuelle Variante politischer Orientierung und politischen Verhaltens zur Richtschnur gemacht und sich damit sogar für eine Zeitlang durchgesetzt. Seine Philippischen Reden künden davon. Aber dieser Erfolg war nicht nachhaltig. In den Auseinandersetzungen zwischen den Armeen der Republik und denen des Antonius kamen die beiden Konsuln ums Leben, Antonius konnte seine Position wieder festigen, der junge Octavian marschierte auf Rom und erzwang seine Wahl zum Konsul – mit 19 Jahren (19.8.43). Im Oktober arrangierte er sich mit den anderen Caesarianern Antonius und Lepidus. Das so genannte Zweite Triumvirat, eine kollektive Diktatur dieser drei, wurde etabliert (27.11.43). Keine zwei Wochen später war Cicero tot, ermordet von den Killern des Antonius (7.12.43).

Octavian hatte seinen Mentor kaltblütig fallen lassen, als es um den Dreibund ging. Antonius war unversöhnlich, und nach allem, was Cicero gesagt und getan hatte und was wir gehört haben, war das nur konsequent. Und ebenso konsequent war, dass das Leben Ciceros, der sich selber mit der Republik identifiziert hatte, gleichzeitig mit dem Ende der Republik sein Ende fand. Doch solche Logik ist auch zynisch. Man kann auf die Handlungen und Ereignisse auch anders blicken: Wie Demosthenes hatte Cicero ein sehr hohes Verständnis von der politischen Ordnung, für die er stand. Dass diese sich frei entfalten und glänzen konnte, war ihm ein persönliches Anliegen. Dafür hat er sein Leben eingesetzt und verloren – verloren letztendlich, weil ihm, wie Demosthenes, die „Kraft“ fehlte, nicht an Einsatzwillen, sondern an Bataillonen.