— von Johannes Schilling

Vortrag auf dem Landestag des Niedersächsischen Altphilologenverbandes
am 15. September 2017 im Gymnasium Ernestinum in Celle

I.

Sehr geehrte Ehrengäste, Herr Vorsitzender, sehr geehrter, lieber Herr Direktor Habekost, meine sehr verehrten Damen und Herren, collegae, amici amicaeque linguarum et litterarum, latinitatis et graecitatis,

es geschieht nicht oft, dass man nach Jahrzehnten einen Schüler oder Studenten wieder trifft, der einem zu verstehen gibt, er habe etwas bei einem gelernt. Vor ein paar Wochen erging mir das so – auf dem Internationalen Lutherforschungskongress in Wittenberg. Da erinnerte mich ein amerikanischer Kollege daran, er habe in Göttingen ein Proseminar über Luthers Katechismen bei mir besucht. Das war zwischen 1983 und 1989 – und hat Früchte getragen. Und als ich vergangenes Jahr hier in der Stadtkirche einen Vortrag über Ernst den Bekenner und die Reformation in Celle gehalten habe, kam Herr Habekost auf mich zu, und wir erinnerten uns ebenfalls an ein Göttinger kirchengeschichtliches Proseminar, über den Heiligen Bonifatius und die Christianisierung der Germanen.

Daher kommt es, dass ich seiner Einladung gefolgt bin und also jetzt vor ihnen stehe – und anders könnte, aber nicht will. Ich bedanke mich herzlich für die Einladung, hoffe, dass ich Ihnen in der nächsten Stunde ein bisschen  Vergnügen machen kann – dass also prodesse und delectare in einem vernünftigen Verhältnis zueinander stehen. Aber die captatio benevolentiae soll doch nicht zu breit ausfallen – ich freue mich jedenfalls über Zeit und Gelegenheit, mit Ihnen ins Gespräch zu treten.

II.

Am Donnerstag der vergangenen Woche erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die für solche Debatten immer gut ist, unter der Rubrik „Bildungswelten“ ein Artikel „ist das Gymnasium noch zu retten?“1

Man kann, ja man muss diese Frage natürlich bejahen – wer könnte denn vernünftigerweise wollen, dass das Gymnasium wie man sagt, den Bach runtergeht und sonst irgendwie in den Unbilden und Niederungen der Zeit ersöffe.

Ja, selbst verständlich ist das Gymnasium zu retten, und die Rettung, die ja nicht einmal allenorts und in jeder Klasse erforderlich ist, ist des Schweißes der Edlen wert. Auf einem Altphilologentag sollte es darüber vielleicht nicht allzu viele Kontroversen geben.  Aber wie  man diese „Höhere Schule“ auf Niveau hält und zugleich den Anforderungen der Zeit und den Herausforderungen der Zukunft gerecht wird, das ist doch nicht eben leicht zu beantworten. Ernsthaftigkeit gehört dazu, Wille zum Nachdenken und zum Handeln. „Bildungsgerechtigkeit“ ist jedenfalls kein Schlagwort, mit dem man irgendetwas Vernünftiges anfangen kann. Wenn wir uns nur auf das besännen, was doch vielen Menschen guten Willens eigen ist – nämlich die Schülerinnen und Schüler je nach ihren Begabungen und Fähigkeiten zu fördern, dann ließe sich vernünftig und unideologisch gemeinsam handeln. Was den einzelnen guttäte, würde auch der Gesellschaft zugutekommen. Mit der Steigerung von Abiturientenraten ist es freilich nicht getan, und die Mogelpackungen, die uns regelmäßig angeboten werden, entbehren der Seriosität.

Eine University of applied sciences ist eben keine Universität und wird auch keine werden, selbst wenn man ihr – was der Himmel oder besser: die Verantwortlichen verhüten möge – das Promotionsrecht zugestehen sollte. Dürfen wir als Universitätsprofessoren denn Meisterprüfungen abnehmen? Dem würde wohl niemand zustimmen wollen.

Die Überlegungen, die für Erhaltung und Erneuerung der Gymnasien angestrengt werden, sind über die Jahrzehnte weitgehend gleich geblieben. Das Gymnasium ist eben eine Höhere Schule und nicht die Regelschule, die Vermehrung der Abiturienten hat weder den Schülern noch den Schulen gut getan. Universitäten machen in zahlreichen Fächern Vorkurse, weil das Abitur eben nicht oder nicht mehr das gibt, was es vorgibt: die allgemeine Hochschulreife.

Die Resonanz auf den Artikel in der FAZ war vielfältig: Ein Leserbriefschreiber fordert von den Konservativen einen wissenschaftlich fundierten Entwurf eines schulischen Gesamtsystems – es gebe doch nur linke Schultheorie. Das wäre in der Tat eine Aufgabe. Ein anderer vergleicht den Abiturschwindel mit dem der Autoindustrie – und liegt wahrscheinlich auch nicht ganz falsch. Jedenfalls werden in beiden Fällen Leistungen attestiert, die tatsächlich nicht erbracht worden sind.

Von den Noten kann ich hier nicht reden, da ich nicht in der Schule tätig bin. Aber die Erwartung mancher Studenten auf eine sehr gute Note ist doch gestiegen – ich erinnere mich an eine gute Studentin, deren Hausarbeit ich mit zehn Punkten bewertet hatte – die schlechteste Note, die sie je erhalten habe. – Wollen Sie klagen?, habe ich sie gefragt. Nein, das nicht, ich meinte nur … Und dann war sie mit ihrer 2 zufrieden.

Schlimmer, ja eine richtige Katastrophe ist, dass wir in Deutschland angeblich siebeneinhalb Millionen Analphabeten haben – die Zahl wurde vor 2015 und damit vor der massenhaften Einreise von Analphabeten erhoben. Der Rückstand an Aufwendungen für Ausbildung in Deutschland ist bekannt – Lesen, Schreiben und bis 100 rechnen aber sollten alle durchschnittlich und auch manche unterdurchschnittlich begabte Menschen in diesem Land können, um ihr Leben selbständig zu führen und herauszukommen aus der fremdverschuldeten Abhängigkeit, gegen die es in unserem Land remedia geben muß. Wo wenn nicht hier sollte man diese elementaren Kulturtechniken lernen können, um sich, wenn auch vielleicht in den Grenzen der eigenen Vernunft, sich doch seines eigenen Verstandes zu bedienen?!

III.

„Ad fontes“ – das war der Ruf der Humanisten zu den Quellen. Zu den Fakten – das ist der Ruf von Humanisten zur Wahrheit, und das muss er sein. In postfaktischen Zeiten, die nichts anderes sind als Zeiten der Lüge, ist es um die Wahrheit zu tun, und das törichte Gerede von alternativen Fakten ist ja auch nur Ausdruck der Tatsache, es mit der Wahrheit nicht allzu oder gar nicht ernst zu nehmen. Wir haben es also nicht nur mit einem Kommunikationsproblem zu tun, sondern mit einer Sachfrage. Und so will ich in der nächsten Stunde davon reden, was es mit den Quellen, mit den Fakten, mit der Wahrheit und mit der Freiheit auf sich hat. Dabei geht es um mehr als um die Geschichte des Humanismus, es geht um unsere Gegenwart und eine Zukunft, in der die Wahrheit weiter zu ihrem Recht kommen soll und muss, wenn wir uns nicht von ihr verabschieden wollen. Dann freilich bräuchten wir vieles nicht mehr, kein Latein und kein Griechisch, kein Gymnasium und keine Universitäten. Dann könnten wir denen das Feld überlassen, für die es keine Wahrheiten und keine Wahrheit gibt. Aber wer möchte unter solchen Bedingungen leben?!

IV.

Die Reformation, deren Beginn wir in diesem Jahr in vielfältiger Form feiern, war eine Bewegung, in der es über den Weg zu den Quellen auf den Weg zu Wahrheit und Freiheit gehen sollte. Den Weg ad fontes teilte sie mit den Humanisten – ja, Humanismus und Reformation konnten sich vereinen, institutionell in den Universitäten der Zeit, personell in humanistisch geprägten Theologen, unter denen der geniale Philipp Melanchthon2 der bedeutendste war. Sein Ideal der Vereinigung von pietas und eruditio hat die Zeitgenossen ebenso beschäftigt wie die nachfolgenden Generationen, und nicht nur die Evangelischen; es ist im Pietismus erneuert worden und wirkt unter den Verständigen bis zum heutigen Tag, in zeitgemäßer Aneignung, denn der Umgang mit der Geschichte ist keine tote Historie, sondern lebendige Gegenwart.

Dieser geniale, sprachbegabte, universal gebildete und durch Dichtung und Prosa bereits breit ausgewiesene Mann kam 1518 nach Wittenberg, als Professor des Griechischen, mit seinen 21 Jahren wahrscheinlich jünger als ein erheblicher Teil seiner studentischen Hörer. Vierhundert sollen es gewesen sein, berichten zeitgenössische Quellen. Melanchthon und Luther machten die 1502 gegründete, junge Universität für einige Jahre zu der bestbesuchten Hohen Schule im Alten Reich.

Seine Lehrtätigkeit begann Melanchthon mit einem Paukenschlag: Am 28. August 1518 hielt er seine Antrittsrede De corrigendis adolescentiae studiis.3 In ihr entwarf er ein neues Studienprogramm, das sich von der spätmittelalterlichen Lehrpraxis löste, er bestand auf dem Studium der antiken Sprachen als dem notwendigen Zugang zur Erfassung der Welt und des Menschen, er polemisierte heftig gegen das „finstere“ Mittelalter und warb für die Kenntnis der Geschichte, ohne die weder das private noch das öffentliche Leben auskomme. Und selbstverständlich brauche man auch für das Studium der Theologie eine geistige Vorbereitung in Sprachen, Geschichte und Philosophie, um nicht den Irrtümern der vorausgegangenen Generationen zu verfallen. Am Ende ruft er seine Studenten auf, sich ihres Verstandes zu bedienen: Sapere aude! Wage dich, habe Lust, dich deines Verstandes zu bedienen. Er selbst wolle dabei keine Anstrengung unterlassen und keine Mühe scheuen, um das gesetzte Ziel zu erreichen. „Sapere aude“ – einige Jahrhunderte später heißt das „Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“.

V.

Ad fontes ist auch der andere große Wittenberger gegangen, weg von den autoritativen Lehrbüchern der Scholastik, insbesondere den Sentenzen des Petrus Lombardus, eines Pariser Theologen des 12. Jahrhunderts, der die christliche Lehre in eine umfangreiche Kompilation zusammengefasst hatte: Seine Libri quatuor sententiarum waren das theologische Normalbuch des späteren Mittelalters.

Luther aber legte die Quelle der christlichen Religion aus, die Heilige Schrift, den Psalter, den Römer-, den Hebräer- und den Galaterbrief, und gewann damit einen frischen Zugang zu den fontes des Christentums. Nur einen  Lehrer der Kirche nahm er dabei zu Hilfe: den Kirchenvater Augustin, den Lehrer der Gnade. Aus diesem frischen Wasser erschloß sich ihm ein neues Verständnis des Evangeliums, der christlichen Wahrheit, die ihn zur Formulierung der christlichen Freiheit brachte:

„Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemand untertan.

Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“4

Damit war ein neues Thema in der Geschichte des Christentums angeschlagen, von dem wir bis heute leben: die aus dem Evangelium Jesu Christi erwachsende Freiheit. Niemals zuvor hatte, seit Paulus, ein Theologe die Freiheit so pointiert zum Thema der christlichen Theologie gemacht wie Luther, und auf dem Reichstag in Worms bestand er auf seinem in dem Wort Gottes gefangenen Gewissen. Das war und bleibt ein großer Moment, eine Sternstunde in der Geschichte der Freiheit im Abendland, ein Moment der Weltgeschichte.

VI.

Aus solcher Freiheit konnten Bildungsimpulse erwachsen, und sie gingen in vielfältiger Form aus Wittenberg hervor.

1523 veröffentlichte Melanchthon ein  Lob der Beredsamkeit, Encomium eloquentiae, eine auf Cicero und Quintilian aufruhende Universitätsrede.5 Das Programm, das er in dieser Rede entwickelt, ist viel mehr als eine Anleitung zu korrektem Sprachgebrauch – eloquentia soll vielmehr, als unentbehrliche Voraussetzung, Grundlage für die Arbeit aller Disziplinen sein; Deutlichkeit und Verständlichkeit die Basis für alle erfolgversprechende Vermittlung die Grundlage menschlicher Kommunikation überhaupt: sine eloquentia chaos. Eloquentia wird geradezu zum Kenn- und Ausdruckszeichen von humanitas. Deshalb vor allem soll man die antiken Autoren lesen, nachahmen und aus ihrer Kenntnis zu eigener Sprachfähigkeit gelangen. Ohne Anstrengung gehe das freilich nicht.

Melanchthons Redeideal ist, wie gesagt, Deutlichkeit und Durchsichtigkeit, perspicuitas. Dafür haben ihn seine Studenten und seine Leser geschätzt, auch die altgläubigen, die seine Bücher benutzt haben, zum Teil unter Streichung oder gar Ausschneiden seines Namens auf den Titelblättern.

Jedermann müsse klar sein, dass man ohne sichere Beherrschung der Sprache nicht verständlich über einen Gegenstand reden könne. Wörter seien wie Münzen – sie erlangten durch den Gebrauch Anerkennung.

„Zu den Fakten“ – das heißt für Melanchthon allererst: zu den Wörtern, zu klarer Begrifflichkeit, weg von dunkler und uneigentlicher Rede. „Beredsamkeit ist nämlich durchaus mehr als eine hastig zusammengeraffte Anhäufung von Wörtern. Ich sehe aber, dass die Jugend auf Grund eines Irrtums fehlgeht. Da sie weder Bedeutung noch Wesen der Beredsamkeit kennt, glaubt sie nicht, dass es der Mühe irgendwie verlohnt, sie sich durch größeren Einsatz und Arbeitseifer anzueignen, und meint, die Beredsamkeit werde von uns unbedeutenden Professoren nur entsprechend landläufiger Gepflogenheit gelobt: so, wie die Quacksalber ihre Salben anpreisen.“6 Nichts aber sei für ein gelingendes Zusammenleben so wichtig wie die Beherrschung der Rede. Dabei seien Reinheit und Natürlichkeit zu beachten, und schon Quintilian habe erklärt, dass wahre Schönheit sich niemals von der Zweckmäßigkeit trennen lasse. Verständliche Rede sei geradezu das vinculum societatis. „Wie könnten denn die menschlichen Lebensverhältnisse Bestand haben, wenn die Beredsamkeit ihre Schutzfunktion für geistliche und weltliche Gesetze aufgäbe, wenn bei Beratungen in öffentlichen oder privaten Angelegenheiten keine verständliche Rede verwendet werden würde, wenn es keinerlei literarische Kunst gäbe, mit der geschichtliche Ereignisse den Nachgeborenen überliefert werden können? Gäbe es in einem solchen Staat etwa noch die Spur von Humanität?“7

Sprachbeherrschung und Urteilfähigkeit gehören unauflöslich zusammen. Dazu zitiert Melanchthon den Vers eines unbekannten Verfassers: „Mente vales, iuncta est facundis gratia dictis“ (Mit deinem wachen Verstand verbindet sich Anmut der Rede.8

Und auch und gerade für die Theologen hält Melanchthon die Humaniora für unverzichtbar, wenn sie nicht dummes Zeug reden wollen – ´geistliches, frommes Gesülze´ würden wir heute vielleicht dazu sagen. Zwar durchdringe man die Heilige Schrift damit noch nicht – das sei ein Werk des Heiligen Geistes -, aber wenn man kein Prophet sei – und wer ist das schon? -, müsse man doch die Bedeutung der Wörter kennen. „Diejenigen“, so summiert er, „die von frommem Eifer beseelt sind, mögen daher Christus oder dem zwingenden öffentlichen Bedarf der Kirche diesen Dienst erweisen, daß sie lernen, recht zu reden.“9

VII.

Philipp Melanchthon war es, das haben wir gesehen, der die Wiederentdeckung des Evangeliums durch Martin  Luther und die studia humanitatis in Person und Werk miteinander verband. Aber auch Luther bestand darauf, dass durch das Evangelium die Künste nicht niedergeschlagen werden sollten, wie er in der Vorrede zu einem der ersten evangelischen Gesangbücher, dem Wittenberger Gesangbuch Johann Walters 1524 schreibt:

„Das geistliche lieder singen gut und Gott angeneme sey, acht ich, sey keynem Christen verborgen … Dem nach hab ich auch, sampt ettlichen andern, zum gutten anfang und ursach zu geben denen die es besser vermuegen, ettliche geistliche lieder zusamen gebracht, das heyligen Euangelion, so itzt von Gottes Gnaden wider auff gangen ist, zu treyben und in schwanck zu bringen … und sind dazu auch in vier stymme bracht, nicht aus anderer ursach, denn das ich gern wollte, die iugent, die doch sonst sol und mus in der Musia und andern rechten künsten erzogen werden, ettwas hette, damit sie der bul lieder und felyschlichen gesenge los werde und an derselben stat ettwas heylsames lernete, und also das gute mit lust, wie es den juengern gepuert, eyngienge. Auch das ich nicht der meynung bin, das durchs Euangelion sollten alle kuenste zu boden geschlagen werden und vergehen, wie etliche abergeystlichen fuer geben, Sondern cih wollt alle kuenste, sonderlich die Musica gerne sehen im dienst des, der sie geben und geschaffen hat.“ An dieser Aufgabe seien alle frummen – das heißt: ordentlichen – Christen mitwirken. Es ist sonst leyder alle welt allzu las und zuergessen, die arme iugent zu zihen und leren, das man nicht aller erst darff auch ursach dazu geben.“10

Im selben Jahr veröffentlichte Luther eine Schrift, deren bildungspolitisches Programm in seiner Zeit und weit darüber hinaus Wirkung haben und Früchte tragen sollte: An die Ratsherren aller Städte deutsches Landes, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten [das heißt: einrichten und erhalten] sollen.11 Schon in seiner Schrift An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung hatte er 1520 eine Schulreform angemahnt; nun entfaltete er in großer Konzentration und Klarheit seine Erneuerungsvorschläge. 

Luther beruft sich auf Gottes Gebot, dass Obrigkeit und Eltern mit dem Auftrag zur Bildung betraut sind. Diesem Auftrag hätten sie – und auch die Kirche – nicht ordentlich entsprochen. Ziel aller Wissenschaften ist der Dienst an der Auslegung der Heiligen Schrift. Menschen müssen unterrichtet werden – diesem Bildungsauftrag zu vernachlässigen, sei nicht nur ein Verstoß gegen natürliches Recht, sondern auch gegen Gottes Gebot. Die Menschen sparten nun so viel Geld, das sie früher für Ablässe und andere unnütze Ausgaben verschleudert hätten – das sollten sie nun in die Erziehung und Bildung der Kinder stecken. „Da ich jung war“, bemerkt Luther, „furet man in der schulen eyn sprichwort Non minus est negligere scholarem quam corrumpere virginem“ – Wer das nicht übersetzen kann, möge es sich in der Mittagspause erklären lassen. – „Aber o wehe der welt immer vnd ewiglich. Da werden teglich kinder geporn vnd wachsen bei vns daher / vnd ist leider niemand / der sich des armen jungen volcks anneme vnd regire / das lesst mans gehen wie es gehet.“12 Aber die Heranwachsenden sollten doch in einem Gemeinwesen leben. Unausgebildete Kinder könnten den anderen zum Problem werden – Luther ist drastisch: „gifft vnd schmeysse … damit zu letzt eyn gantze stad verderbe / wie es denn zu Sodom vnd Gomorra vnd Gaba vnd etlichen mehr stedten ergangen ist.“13

Bildung ist Erziehung zum Frieden und zur Gemeinschaftsfähigkeit, zu einer Sozialität, die sich der eigenen Anfälligkeit – theologisch wäre hier von Sünde zu reden – bewusst ist und dagegen ankämpft. Rat und Obrigkeit müssten sich für die Bildung der Jugend einsetzen, auch wenn die Eltern das vielleicht nicht wollten. – Die Lektüre der ganzen Schrift würde deutlich machen, wie umsichtig Luther hier die öffentliche Erziehungsaufgabe und den Elternwillen miteinander in Beziehung setzt. Erziehung und Bildung muss sein, andern falls bricht ein Gemeinwesen zusammen.

„Ja, sagst du dazu wieder, selbst wenn man Schulen einrichten sollte und müsste: Was nützt es, Latein, Griechisch und Hebräisch und die anderen freien Künste zu lernen? Wir können doch die Bibel und das Wort Gottes auch auf Deutsch lernen, und damit alles, was uns zur Seligkeit dient. Antwort: Ich weiß leider genau, dass wir Deutsche immer Bestien und wilde Tiere sein und bleiben werden, als die man uns in den umliegenden Ländern bezeichnet und wie wir es auch sehr wohl verdienen. Mich wundert dabei nur, warum wir nicht auch einmal sagen: Was brauchen wir Seide, Wein, Gewürze und andere fremde, ausländische Ware? Haben wir doch selbst Wein, Korn, Wolle, Flachs, Holz und Stein in Deutschland; und zwar nicht nur das Lebensnotwenige in Hülle und Fülle, sondern auch die freie Wahl zur Ehre und zum Schmuck? Die Wissenschaften und Sprachen, die uns nicht schaden, sondern einen sehr großen Schmuck, Nutzen, Ehre und Gewinn bringen, um sowohl die Heilige Schrift zu verstehen als auch das weltliche Regiment wahrzunehmen, die wollen wir verachten. Aber auf die ausländischen Waren, die uns weder nötig noch nützlich sind, uns überdies bis auf die Knochen ausnehmen, auf die wollen wir nicht verzichten. Nennen sie uns also nicht mit Recht deutsche Narren und Bestien?“14

Die dann folgenden Ausführungen begründen einerseits die Notwendigkeit der alten Sprachen, andererseits legt Luther dar, dass diese Kenntnisse nicht für alle erforderlich sind. Nach ihren jeweiligen Vermögen und möglichen künftigen Aufgaben sollen Jugendliche erzogen werden, auch die Mädchen.15

„Darum, liebe Herren, setzt euch für das Werk ein, das Gott so eindringlich von euch fordert, zu dem euer Amt euch verpflichtet, das für die Jugend so notwendig ist und auf das weder Welt noch Kirche verzichten können. Wir sind schon zu lange in der Finsternis verfault und verdorben. Wir sind allzu lange deutsche Bestien gewesen. Lasst uns endlich auch einmal die Vernunft gebrauchen, damit Gott unsere Dankbarkeit für seine guten Gaben erkennt und andere Länder sehen, dass auch wir Menschen sind, also Leute, die etwas Nützliches entweder von ihnen lernen oder sie lehren können.  So würde auch durch uns die Welt verbessert werden.“16 – „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ aber hieß das gerade nicht.

VIII.

Also galt es Schulen zu gründen und Bibliotheken dazu, was auch reichlich geschah. Ich erwähne nur die Ratsbücherei in Lüneburg, die Ministerialbibliothek in Celle und das Gymnasium in der Reichsstadt Nürnberg, das heute Melanchthons Namen trägt. Es war durch Kontakte zwischen dem Wittenberger und den Nürnberger Humanisten, vor allem durch Willibald Pirckheimer, seit einiger Zeit vorbereitet worden – Nürnberg, eine Stadt ohne Universität, keine Bischofs- aber eine Handelsstadt, zeichnete sich nicht gerade durch Interesse an den Wissenschaften aus.

Am 23. Mai 1526 konnte Melanchthon die neue Schule mit einer Eröffnungsrede In laudem novae scholae17 einweihen: „Dass ihr [Nürnberger] die Bedeutung und den der Masse unbekannten und sehr weit jenseits des Blickfeldes der Menge gelegenen Nutzen der <antiken> Literatur und der Wissenschaften erkannt habt, dass ihr entschieden habt, dass diese bewahrt und dem Untergang entrissen werden müssen, zumal in dieser Zeit, in der wir überall Gefahren ausgesetzt sind, dies ist in der Tat Zeichen einer geradezu göttlichen Weisheit.“ Die litterae seien Anleitungen zur Menschlichkeit und Frömmigkeit und für ein gelingendes Zusammenleben unverzichtbar. „Wenn ihr aber nun“, so Melanchthon weiter, „hier eine Wohnstätte für die angesehensten Wissenschaften errichtet, so werden die Höhen eures Ruhmes noch unglaublich gesteigert werden. Denn wenn ihr damit fortfahrt, bei den Leuten das Interesse für das Lernen zu erwecken, dann werdet ihr euch hervorragende Verdienste zunächst um eure Vaterstadt, aber auch um Auswärtige erwerben. Wenn auf eure Veranlassung hin eure Jugend gut ausgebildet ist, wird sie eurer Vaterstadt als Schutz dienen; denn für die Städte sind keine Bollwerke oder Mauern zuverlässigere Schutzwälle als Bürger, die sich durch Bildung, Klugheit und andere gute Eigenschaften auszeichnen.“

Florenz dient ihm als leuchtendes Vorbild, dem Nürnberg nachstreben solle. Das haben sie bis auf den heutigen Tag getan.

IX.

Im Jahre 1536 wurde unter dem Titel De miseriis paedagogorum eine declamatio Melanchthons veröffentlicht, der zum Schluß unsere Aufmerksamkeit gelten soll.18

„In Aesopi apologis“ – heißt es da zu Anfang – „In Aesopi apologis queritur apud Iovem asinus de suis aerumnis cottidianis se operis confici et enecari: sed est querela paedagogorum de suis miseriis iustior profecto, si res ad calculos revocetur, quam asini. Quis enim in ullo in pistrino asinus tantum mali pertulit, quantum mediocris paedagogus in uno atque altero docendo tum laborus exhaurit tum molestiiae perpetitur?“ – In den Fabeln des Aesop klagt ein Esel vor Jupiter über seine Mühsal: Er werde durch täglich Arbeite aufgerieben und beinahe zu Tode gequält. Doch die Klage der Lehrer über ihr Leid ist tatsächlich berechtigter als die des Esels, wenn man die Sache genau überlegt. Welcher Esel hat denn jemals in einer Stampfmühle so viel Übel ertragen wie ein durchschnittlicher Pädagoge im Lauf des Unterrichts bald an Strapazen ausstehen, bald an Ärger ertragen muss?“19

Deshalb habe er sich vorgenommen, de paedagogorum miseriis zu reden und communia mala nostri ordinis deplorare. Wer die Klage höre, möge an dem Schicksal des Klagenden anteilnehmen – und so mag es auch heute morgen sein, sind wir doch alle paedagogi und –gae.

Der Redner klagt über die condicio paedagogorum, quo genere hominum multi mihi ne quidem in ergastulis videntur infeliciores – niemand erscheine ihm unglücklicher als diese Menschen, nicht einmal diejenigen in Zuchthäusern. Diesem Satz wird man in einer Stadt wie Celle, in der man das ergastulum, jedenfalls aus den Zügen der Deutschen Bahn, beim Passieren immer vor Augen hat, nicht unbedingt zustimmen wollen.

Ich werde nun Melanchthons declamatio, deren Lektüre ich Ihnen empfehle und die auch bei guten und einsichtigen Schülern Gefallen finden und Freude und Nutzen hervorbringen könnte, nicht im einzelnen referieren. Aber ihrem Duktus zu folgen, Melanchthons Themen und Begriffe auf unsere Verhältnisse zu adaptieren, scheint mir ein sinnvolles Verfahren.

Melanchthons erste Bemerkung redet vom puer docendus et ad humanitatem ac virtutem informandus. Kinder sollen gelehrt werden – magister docet, puer discit. Sie  w o l l e n ja auch lernen, sie sind wissbegierig und können lernen, und man kann und soll ihnen doctrinam nicht vorenthalten.

Mit der Vermittlung von Wissen und Kulturtechniken, die etwas anderes sind als Bildung – unsere Bildungsdebatten und -programme sind häufig Wissensprogramme, und die Rede von der Wissensgesellschaft  - waren unsere Vorgängergenerationen eigentlich unwissend? – macht deutlich, dass es hier gerade nicht um Bildung geht, sondern um Umgang mit der Welt, um utilitaristische, nicht humanistische Erwägungen. Die Unterscheidung von Wissen und Bildung muss sorgfältig getroffen werden – in Melanchthons Kategorien ginge es hier nur um docere und discere, aber nicht, noch nicht, um humanitas und virtus. Und auch informare ist etwas andere als informieren – formen heißt, dem Ungeformten eine Form geben und eben nicht nur die Adressaten, wie immer ihre Verfaßtheit sein sollte, mit Informationen zu versorgen.

Melanchthon hat sich ein Leben lang daran abgearbeitet, hat Studienordnungen für die Universität und Anleitungen für das Lernen entworfen – eine Ratio studiorum des nahezu Sechzigjährigen, wahrscheinlich aus dem Jahr 1554, entfaltet seine Ziel in aller Knappheit.20

Ein planmäßiger Aufbau des Unterrichts ist erforderlich, niemand soll überfordert werden. Grammatik sei das A und O, „was die Lehrer gewöhnlich vernachlässigen“. In der Tat – die Fähigkeiten, regelgerecht Deutsch zu sprechen und zu schreiben, haben in den letzten zwanzig Jahren wohl abgenommen; eine Glosse wie seinerzeit in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die die Einleitung eines Nebensatzes mit „weil“ und einem dann folgenden Hauptsatz inkriminierte, würde gegenwärtig wohl auf Unverständnis stoßen. Abusus sustulit usum, abusus se ipsum fecit usum, möchte man dazu sagen. Gut ist das, auch wenn man eine lebendige Entwicklung der Sprache respektiert, trotzdem nicht. Und von der idiotischen Rechtschreibreform wollen wir lieber gar nicht reden – sie hat nur die Schreibenden gespalten. Wer etwas auf sich hält, trennt etwa paed- agogus und nicht paeda-gogus, von den orthographischen und trennungstechnischen Tücken des Melanchthon-Namens ganz zu schweigen.

„Freude und Unterhaltung“ soll die Schullektüre vermitteln, erklärt Melanchthon weiter, Ordnungen müssen nicht sklavisch befolgt werden, aber Erkenntnis- und Lernziel müssen klar sein. Dazu trägt auch die Unterscheidung der Disziplinen bei. „Interdisziplinarität“ ist ein Begriff, den die Universitäten inzwischen meiden, aber der bloße Namenswechsel in „Transdisziplinarität“ macht die Sache nicht besser. Interdisziplinarität setzt Disziplinarität voraus, sichere Beherrschung der eigenen Disziplin.

Es gibt Stimmen, die die Studienreform, die den Namen einer ehrwürdigen europäischen Universität, jedenfalls in Deutschland, verhunzt hat, dafür verantwortlich machen, dass angehende Referendarinnen und Referendare sich fachlich nicht mehr in der Lage sehen, ihr Unterrichtsfach, ihre Disziplin in der Schule zu vertreten. Die Folgen kann man sich vorstellen – oder Sie erfahren sie bereits in Ihren Tagesgeschäften.

Der ludus litterarius, so Melanchthon weiter, werde aber durch domestica indulgentia verdorben, weil es dort keinen amorem litterarum aut admirationem geben, ja vielmehr odium und contemptum praeceptorum. – Das ist leider wohl wahr und eine von manchen von Ihnen schmerzlich gemachte Erfahrung. Die querela, in der Melanchthon hier die Leiden der Lehren thematisiert, lässt sich ja über die Jahrhunderte verifizieren – von den Freuden wäre freilich auch zu reden, von guten Schülern, die den Lehrern den Unterricht zum Vergnügen machen, und von den schwachen, deren redliche Anstrengungen einem Respekt abnötigen und es einem richtig schwer machen, eine schlechte Note zu geben. Die eine oder andere Vorlesungsstunde habe ich gehalten, weil eine Person oder zwei sie besuchten, die „informiert“ und belehrt sein wollten und mit denen die Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden, die universitas magistorum und scholarium, sich erfüllte. Aber es durften auch mehr sein – und waren es auch.

Die törichte, überhebliche und unverfrorene Abschaffung der Anwesenheitspflicht in Lehrveranstaltungen durch einige Länderparlamente, so etwa in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein, die die Pflicht zur Teilnahme an Lehrveranstaltungen für eine Art Freiheitsberaubung der Studenten hält, zerstört, wenigstens in den Geisteswissenschaften, aber doch vielleicht überhaupt, eben diese unabdingbare Voraussetzung zum gemeinsamen Lernen, das ja gerade nicht Informationsvermittlung in einem technischen Sinne ist, sondern informatio, ein gemeinsamer Prozess von Formierung, der überlieferten Quellen, Texte und Ideen und der mit ihnen umgehenden Menschen, die sich an diesen Gegenständen bilden.

eruditio heißt das, nicht nur bei Melanchthon, Ent-rohung, Formung, Verfeinerung, aus der rohen Natur einen gebildeten Menschen machen. Wie der Künstler aus seinem Material ein Kunstwerk schafft, so tragen Eltern und Lehrer dazu bei, aus dem rohen Menschenmaterial entrohte Menschen zu schaffen, wie immer und wohin immer dieser Prozess lebenslanger Bildung verläuft. Von „Verrohung“ hören und lesen wir seit einiger Zeit leider immer wieder – „Ent-rohung“, eruditio scheint ein Gebot der Zeit zu sein, und das nicht nur und vielleicht nicht einmal zuerst in den Schulen.

Weder „Verrohung“ noch „Entrohung“ gibt es übrigens im Grimmschen Wörterbuch – das Verb „rohen“ heißt ursprünglich grunzen, wird aber im frühen 16. Jahrhundert auch für „sich zusammenrotten“ gebraucht. Und „roh“ entwickelt seine Bedeutung von blutig – rohes Fleisch; gestern habe ich gehört, es gebe eine Celler Rohe Roulade, sie aber nicht gegessen –, „roh“ entwickelt sich zu unbehandelt, nicht zubereitet, unverarbeitet – ungebundene Bücher etwa liegen in „Rohbogen“ beim Buchbinder, „Rohdiamanten“ gehen gelegentlich durch die Presse, die der Verarbeitung, des Schleifens bedürfen, um ihre innere Schönheit recht eigentlich zum Strahlen kommen zu lassen.

Vielleicht sind auch noch dem einen oder der anderen Schillers Verse aus der Glocke als Dictum in Erinnerung: „Wo rohe Kräfte sinnlos walten, da kann sich kein Gebild gestalten“, das es, wie viele Dicta der Glocke, auch in einer parodistischen Fassung gibt: „Wo rohe Kräfte sinnlos walten, da kann  kein Knopf die Hose halten.“

Christoph Martin Wieland, der weniger gelesene Weimarer Klassiker, schreibt einmal: „Jeder gebildete Mensch weisz, wie sehr er an sich und andern mit einer gewissen roheit zu kämpfen hat.“21

Reverentia mahnt Melanchthon an, Respekt – schlechte häusliche Beispiele machten den Lehrern zu schaffen, und die Mühe des Sysiphos sei gering im Vergleich zu der der Lehrer. „Mihi multo clarius representari videretur inanis opera, si pingeretur ibi paedagogus … Quanto enim maius negotium est paedagogo quam Sysipho? Nec tamen maius operae pretium fuit“ – das Geschäft sei des Lehrers sei gegenüber dem einfachen des Steinewälzens des Sysiphus eben ein multiplex negotium und ein labor actus in orbem.22

Wie aber vollzieht sich diese Arbeit? Wie ist die epitasis, das heißt das incrementum processus? 

Erstens: Die Sprache wird durch die Gewohnheit, gewählt zu sprechen, gebildet – lingua expolitur consuetudine bene loquendi, und eben nicht, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Dabei müsse sie sich vor allem von der Muttersprache, der patria lingua, unterscheiden. - Seit Jahrzehnten aber dürfte es in unseren Zeiten eher so sein: Deutsch lernt man im Lateinunterricht. Dort wird Grammatik gelehrt – und die Vernachlässigung des sogenannten „Elementarbereichs“ führt dazu, dass Schüler, Studenten, Lehrer und auch Professoren nicht mehr in der Lage sind oder es nicht für nötig halten, korrektes Deutsch zu sprechen und zu schreiben.

Zweitens empfiehlt Melanchthon Stilübungen, damit die Schüler mit der lateinischen Sprache vertraut werden. Damals freilich ging es weiter -  und gestärkt durch die Schreibpraxis auch sicher sprechen und copiam sermonis anwenden können.

Drittens: Die Lehrer sollen die größte Mühe auf die Verbesserung der schriftlichen Arbeiten aufwenden: plurimum operae in emendatione scriptorum ponendum est. Est enim sceleratus praeceptor, qui in hac re cessat, urteilt Melanchthon scharf und bedient sich des Horaz, qui negat bonum virum esse, qui cum censor fiat alieni scripti, vitia non reprehendat.

Für Melanchthon ist das alles freilich nicht nur eine Frage mangelnder sprachlicher Eleganz, sondern ein ethisches Problem: Wer die Sprache vernachlässigt, gilt ihm auch als ethisch unzuverlässig – fere mores stilus arguit, in der Regel gibt der Stil Auskunft über den Charakter.

Gewiss konnte und kann man das in dieser Allgemeinheit nicht behaupten, aber eine Überlegung mag der Gedanke doch wert sein – wer die Sprache pflegt, geht vielleicht auch mit der Welt und den Menschen pfleglich um oder sollte es doch – die Geschichte, vor allem die des verbrecherischen 20. Jahrhunderts hat uns freilich eines anderen belehrt. Für Schwärmerei ist hier also jedenfalls kein Platz.

Melanchthon bezeichnet den Schuldienst als scholastica militia. Schon die frühen Christen hatten die militia auf das Christenleben bezogen – die Metaphorik der geistlichen Waffenrüstung Gottes im sechsten Kapitel des Epheserbriefs gibt davon eine Anschauung, wenn davon die Rede ist, sich mit Wahrheit zu umgürten und den Panzer der Gerechtigkeit anzulegen, den Schild des Glaubens zu ergreifen, den Helm des Heils anzulegen und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes. – Nun also ist auch die Schule eine militia, und eine schwierige, wenn die Lehrer keine lernwilligen Schüler haben. Denn, so erklärt der Redner: „Nihil enim in omni vita egregrium effici potest, nisi animus studio eius rei, quam affectat, ardeat et ad eam magno quodam motu atque impetu rapiatur.“23 – Freilich, wenn die Lehrer brennen und die Schüler kalt bleiben, wird das Feuer kleiner, und man muss es hegen und nicht ausgehen lassen – und dann kommen wieder Schülerinnen und Schüler, die es neu entfachen. Das sagt Melanchthon nicht, das sage ich – der Wittenberger Professor meint dagegen: Iam fodere malunt quam memoriam aut linguam exercere – heute müsste es wohl heißen: Sie surfen lieber im Netz, als das Gedächtnis oder die Sprache zu trainieren.

Der magister bei Melanchthon, der ja ein paedagogus ist, möchte aber mehr, als die Kinder die Sprachen lehren: restat altera pars nostri officii longe difficilior superiori, cura regendorum morum, das Bemühen um charakterliche Bildung. – Da wird zunächst viel Schlechtes und Beklagenswertes über die Schüler aufgehäuft, die schlimmen Angewohnheiten, die sie von zuhause mitbringen, der Unwille, die Faulheit, die ingratitudo puerorum und der mangelnde Respekt der Elternhäuser. – Es verwundert schon, wenn der Redner 1536 davon spricht, die Eltern machten „sich nicht bewusst, dass sie die Sorgen um ihre Kinder von sich abgelegt und uns aufgebürdet haben. Denn uns wurde die gesamte leidvolle und riskante Aufgabe übertagen die Kinder zu erziehen und zu unterrichten. Die Eltern selbst gehen zuhause unbekümmert ihren eigenen Beschäftigungen nach.“24 Und wenn die Erziehung nicht gelänge, würden  die Lehrer dafür verantwortlich gemacht – quidquid peccant liberi, transferunt culpam in praeceptores. – Kein Wunder, dass da zwischendurch ein Hilferuf ertönt: „Videte quaeso, quam misera condicio nostra sit“25, so dass der Redner am Ende die Schüler bittet, „ut praeceptores vestros amanter complectamini et religiose colatis“26.

Diesem Wunsch kann ich mich, können wir uns, denke ich, anschließen. Denn Liebe macht nicht blind, sondern sehend.

X.

Die Reformatoren, so habe ich zu zeigen versucht, haben einen herausragenden Beitrag zur Bildung und zur Mündigkeit geleistet. Der freie Christenmensch wendet sich in dieser Freiheit, die ihm von Gott geschenkt ist und die nicht er selbst erworben hat, der Welt und den Menschen zu – in fröhlicher Verantwortung.  Ich wiederhole noch einmal Luthers Doppelthese: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan. – Und deshalb: Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dingte und jedermann untertan.“

Ad fontes – das heißt: in die Zukunft, das heißt: zu den Menschen. – Dixi. Et gratias ago vobis propter magnam patientiam vestram.

 

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