— von Henning Horstmann

Laut einer Lehrplan-Stichprobe aus dem letzten Jahr gehört der Agricola des Tacitus nicht gerade zu den bekanntesten Werken im Lateinunterricht. Von 16 Bundesländern haben nur fünf dieses Werk überhaupt namentlich in ihren Lehrplänen für Latein aufgeführt – und nur in Niedersachsen wiederum handelt es sich um eine verpflichtende Lektüre für alle Schülerinnen und Schüler (SuS). Aufgrund dieser bundesweiten Sonderrolle dürften außerhalb dieses Landes aktuell nur die allerwenigsten SuS überhaupt von einem Werk namens Agricola gehört haben. 

Die Gründe hierfür sind vielfältig. Tacitus gilt, durchaus zu Recht, als ein sprachlich anspruchsvoller Schriftsteller – auch wenn dieses Pauschalurteil bei weitem nicht auf jede einzelne Textstelle zutrifft, es gibt durchaus auch im Agricola viele zugänglichere, einfachere Passagen. Hinzu kommt, dass Tacitus‘ Berühmtheit vor allem aus seinen großen Spätwerken resultiert, also den Annalen und Historien. Die ersten, kürzeren Werke wie der Agricola, die Germania oder der Dialogus de oratoribus, fallen deshalb schnell einmal unter den Tisch. Schließlich spielt die Thematik eine Rolle: Für deutschsprachige Philologen lag es lange Zeit schlicht näher, sich mit der Germania zu beschäftigen; umgekehrt erregte der Agricola mit seinem Fokus auf der britischen Provinzgeschichte dafür in der englischsprachigen Welt weitaus mehr Interesse. Dieser Umstand lässt sich noch heute an der Anzahl und der Verteilung der wissenschaftlichen Publikationen zu den beiden Schriften ablesen.
Das alles bedeutet jedoch nicht, dass der Agricola keine lohnenswerte Lektüre für den Lateinunterricht darstellt. Die Schrift bietet nämlich durchaus einige Vorzüge: Verglichen mit vielen anderen lateinischen Werken ist sie recht kurz, in sich geschlossen und übersichtlich angelegt. Auch lässt sich ein klar erkennbarer, wiederkehrender inhaltlicher Fokus finden, der die Lektüre erleichtert. Darüber hinaus gestattet sie einen interessanten Einblick in die Welt der hohen Kaiserzeit, eine Epoche, die eher selten im Lateinunterricht thematisiert wird. Über alldem steht natürlich, dass SuS einen der bedeutendsten Schriftsteller der lateinischen Literatur, vielleicht sogar der Weltliteratur kennenlernen. Tacitus‘ hintergründige Analysen von Macht, Motiven und Interessen sind natürlich an konkrete Momente und Ereignisse der römischen Geschichte gebunden, besitzen jedoch in ihrer Klarheit, ihrer Scharfsinnigkeit und ihrem Abstraktionsgrad eine weit grundsätzlichere Aussagekraft für den generellen Umgang zwischen Menschen. Diese Loslösung vom jeweiligen Einzelgeschehen zugunsten universeller Botschaften macht Tacitus auch für heutige SuS zugänglich und nachvollziehbar; vor allem wenn sie die dabei zu beobachtende starke Leserlenkung, die sich durch den Agricola (aber auch die übrigen Werke des Autors) zieht, als literarische Strategie aufdecken und hinterfragen können. Zunächst denkt man vielleicht, dass es sich um eine vermeintlich objektive, wahrheitsgetreue Biographie handelt – doch allmählich erkennt man eine tendenziöse und propagandistisch gefärbte Abrechnung mit der Vergangenheit. Wenn SuS sich dies kontinuierlich bewusst machen und problematisieren, kann der Lateinunterricht gerade am Beispiel des Agricola einen kritischen Umgang mit Texten vermitteln, der in Zeiten eines erstarkenden „postfaktischen“ Populismus oder sogenannter „alternativer Fakten“ besonders wünschenswert sein dürfte.
Im Folgenden soll der Agricola als Oberstufenlektüre näher vorgestellt werden.1 Dazu werden zunächst die im Kerncurriculum formulierten Kompetenzen in den Blick genommen, d.h. was SuS eigentlich mit Blick auf das Zentralabitur genau können sollen. Darauf wird der Aufbau des Agricola beschrieben; anschließend werden die politisch-gesellschaftlichen Hintergründe – die bei dieser Lektüre besonders wichtig sind – erläutert. Schließlich soll zumindest kurz die spezielle Sprache des Tacitus exemplarisch veranschaulicht sowie besondere inhaltliche Charakteristika des Werks (wie z.B. das taciteische Virtus-Konzept) problematisiert werden.

Vorgaben des Lehrplans

Die Vorgaben im niedersächsischen Kerncurriculum (Sek.II) für die Behandlung des Agricola im Unterricht umfassen v.a. die folgenden Kompetenzen:
Kulturkompetenz:
Die Schülerinnen und Schüler…

  • beschreiben Tacitus‘ persönliches Erleben der Tyrannei des Domitian [1-3, 39-45]
  • erläutern Grundelemente der res publica und ihre Veränderung im Prinzipat (speziell Einschränkung des Einflusses von Senat und Senatoren) [1-3, 39-45]
  • beschreiben Biographie als Zweig der Geschichtsschreibung [1-3, 5-6, 18-29, 39-46]
  • beschreiben die Beschränkung der taciteischen Geschichtsschreibung auf die städtisch-senatorische Sichtweise [1-3, 40-45]

Textkompetenz:

  • weisen Hauptelemente des taciteischen Stils und der „Silbernen Latinität“ nach (brevitas, variatio/Inkonzinnität, gewählte/unübliche Ausdrucksweise, kontrastive Ausdrucksweise)
  • arbeiten Tacitus‘ politische Grundeinstellung heraus, die sich an den traditionellen republikanischen Werten orientiert:
    • Ideal der libertas (Freiheit des Senats/der Senatoren) [1-3, 39-45]
    • Ideal der virtus (persönliche Bewährung der Senatsaristokratie in Krieg und Frieden) [1, 5-9, 18-22, 39-44]

Ohne jetzt zu sehr ins Detail gehen zu wollen: Es fällt auf, dass in dieser Auflistung ein Name überraschenderweise gar nicht auftaucht: Agricola. Die Stichpunkte sind nämlich recht eng an die Person des Autors, nicht an das Werk gekoppelt (v.a. „Tacitus‘ persönliches Erleben der Tyrannei“, „Beschränkung der taciteischen Geschichtsschreibung“, „Eingeschränkter Einfluss von Senatoren [wie Tacitus!] im Prinzipat“, „Tacitus‘ politische Grundeinstellung“). Diese Schwerpunktsetzung zugunsten der persönlichen Haltungen des Tacitus hat nun eine recht erstaunliche Konsequenz. Hingewiesen sei diesbezüglich auf die kleinen Zahlen in Klammern hinter den einzelnen Punkten – sie bedeuten eine Einschätzung darüber, mit welchen der 46 Kapitel des Gesamtwerks die jeweilige Kompetenz besonders gut trainiert werden kann. Rasch lässt sich erkennen: Überspitzt gesagt ist hinreichend, zur Erfüllung der Vorgaben die ersten und die letzten Kapitel des Agricola (also Kap. 1-3 und 39-46) im Unterricht zu behandeln. Denn in diesen Anfangs- und Endpartien, d.h. vor allem im Proöm und Epilog des Werks, macht Tacitus seine persönliche Einstellung zu Domitian, zu Nerva und Trajan, zur Situation des Senatorenstands und zur Lage des Staates unmittelbar deutlich, was vor allem an der vielfach verwendeten ersten Person erkennbar wird. Legt man also das Kerncurriculum streng aus, ist der gesamte Mittelteil – und damit kurioserweise die eigentliche Handlung des Agricola – entbehrlich. Die so entstehenden Auslassungen oder „curricularen Leerstellen“ betreffen dann hauptsächlich die Punkte (a) Figur des Agricola (Historizität vs. literarische Ausgestaltung, Anpassung als Lebensideal, Leserlenkung etc.), (b) die Provinz Britannien (Topographie, Völker, Geschichte etc.) und (c) Römischer Imperialismus (Vorgehensweisen, Konsequenzen, Legitimation etc.).
Das ist nun natürlich eine etwas überspitzte Auslegung der Vorgaben: Zum einen steht im Lehrplan ja auch, dass „Biographie als Zweig der Geschichtsschreibung“ beschrieben werden soll – das verweist indirekt schon darauf, dass es hier nicht um irgendein taciteisches Werk, sondern um die Biographie Agricola geht. Ähnlich verhält es sich mit dem allgemein formuliertem Aspekt „Tacitus‘ Ideal der virtus herausarbeiten“ – der Titelheld Agricola nämlich wird von Tacitus von vorne bis hinten als Musterbeispiel für virtus in schwierigen Zeiten dargestellt (s.u.). Mit anderen Worten, zumindest indirekt wird schon auf den Agricola verwiesen. Und zum anderen macht es auch keinen Sinn, den Mittelteil der Schrift nur am Rande zu thematisieren – das würde bedeuten, den Agricola zu lesen und gleichzeitig kaum etwas über Agricola zu erfahren. Dennoch: Lehrerinnen und Lehrer sollten sich mit Blick auf das Zentralabitur im Klaren darüber sein, dass die im Curriculum vorgegebenen Kompetenzen eine recht allgemeine, vom konkreten Werk losgelöste Stoßrichtung aufweisen und stattdessen eher die Haltung des Autors Tacitus ins Zentrum stellen.

Struktur des Werks

Der Aufbau des Agricola weist eine symmetrische Grundstruktur mit sieben Blöcken auf:


Kapitel

Inhalt

1-3          (3 Kap.)

Proöm

4-9          (6 Kap.)

Agricolas Jugend und Aufstieg

10-17    (8 Kap.)

Britannienexkurs

18-29    (12 Kap.)

Agricolas Statthalterschaft in Britannien

30-37    (8 Kap.)

Entscheidungsschlacht am Mons Graupius (mit dem Redenpaar Calgacus vs. Agricola)

38-43    (6 Kap.)

Auswirkungen und Rückkehr nach Rom

44-46    (3 Kap.)

Epilog

Man kann schon anhand dieser Übersicht einen guten ersten Eindruck darüber bekommen, dass der Agricola keine reine Biographie ist. Der Titel des Werks lautete zwar wahrscheinlich De vita Iulii Agricolae liber, und es finden sich ja auch auf den ersten Blick viele biographische Elemente (Jugend, Karriere, Tod etc.); aber bei näherem Hinsehen fallen mehrere andere Elemente ins Auge, die man in einer Biographie eher nicht erwarten würde (Exkurs, Rededuell, laudatio funebris etc.). Man wird also das Werk, das so gern als „Biographie“ etikettiert wird, besser als einen neuartigen Mix aus vielen verschiedenen Gattungen beschreiben können; neben den Paralleleln zur Gattung der Enkomien, der Rhetorik oder der Commentarii verwischen bei Tacitus insbesondere die Grenzen zwischen Geschichtsschreibung und Biographie von Anfang an.

Politisch-gesellschaftliche Hintergründe und Entstehungsumstände

Im Zentrum der Schrift steht Gnaeus Iulius Agricola, erfolgreicher Feldherr und Konsular sowie Schwiegervater des Tacitus. Praktisch alle Informationen über diesen Mann entstammen dem hier im Zentrum stehendem Werk des Tacitus, so dass alle vermeintlichen Fakten mit gewisser Vorsicht zu genießen sind. Demnach wird Agricola 40 n.Chr. in Forum Iulii (heute Fréjus) geboren; er entstammt einer Familie aus senatorischem Stand. Zur Vorbereitung auf eine politisch-militärische Karriere wird er als kleiner Junge nach Massilia (Marseille) geschickt und dort unterrichtet. Er legt dann eine äußerst erfolgreiche Karriere unter den Kaisern Nero, Vespasian, Titus und Domitian hin, die ihn in verschiedene Funktionen im ganzen Reich führt (u.a. Rom, Kleinasien, Aquitanien, Britannien). Formaler Höhepunkt ist zwar der Konsulat im Jahr 76 n.Chr., dennoch scheint Agricola schon früh eine Neigung zur militärischen Laufbahn entwickelt zu haben. Nach dem Konsulat wird er zum Statthalter der ihm schon gut bekannten, jungen Provinz Britannia ernannt und bleibt mehr als sieben Jahre auf diesem Posten. In dieser Funktion gelingen ihm äußerst bedeutende Erfolge: Er erkundet gänzlich unbekannte Gebiete in Nordbritannien, führt den Nachweis durch, dass Britannien eine Insel ist, und bricht jeglichen militärischen Widerstand (auch wenn letzteres nicht von langer Dauer sein wird).
Diese Agricola nun verlobte während seines Konsulats die eigene Tochter mit einem jungen, aufstrebenden Gerichtsredner und Politiker: Cornelius Tacitus. Auch Tacitus‘ politische Karriere in Rom wurde von sämtlichen Kaiser ab Vespasian gefördert, andernfalls hätte er die vielen wichtigen Ämter sicher nicht ausüben können. Dass Tacitus insbesondere unter Domitian seinen politischen Aufstieg völlig problemlos weiterbetreiben konnte und mit einiger Sicherheit sogar von diesem princeps (und nicht erst von seinem Nachfolger Nerva) für das Konsulat im Jahr 97 n.Chr. bestimmt wurde, steht in krassem Gegensatz zu dem auch im Agricola vermittelten Bild: In seinen Werken – seine literarische Karriere startet Tacitus erst nach dem Konsulat, d.h. etwa mit 40 Jahren – geriert sich Tacitus als entschiedener Gegner des Prinzipats und verunglimpft gerade Domitian als niederträchtigen Tyrannen, der ihm gefährlich erscheinende Leute heimtückisch ausschaltet. Hier ergibt sich eine zumindest fragwürdige Diskrepanz zwischen realer Biographie und literarischer Stimme.
Der Agricola ist nach gängiger Meinung heutiger Forscher das erste Werk des Tacitus; er erscheint im Jahr 98. Tacitus bekundet zwar gleich zu Beginn, dass es als professio pietatis (‚Bekenntnis der Liebe‘) zu seinem Schwiegervater zu lesen sei, dessen Andenken er bewahren wolle, doch der Agricola ist weit mehr als das. Zum tieferen Verständnis dieses Erstlingswerks sollte man deshalb vor allem drei Hintergrunddiskurse kennen, d.h. politisch-gesellschaftliche Strömungen und Diskussionen, die zur Zeit der Entstehung des Agricola in Umlauf waren, die Tacitus bei seinern Lesern als bekannt voraussetzt und zu denen er sich Stellung bezieht. Diese drei Diskurse wiederum basieren auf einem grundlegenden Verständnis der Regierungsform des Prinzipats, an der sich Tacitus in seinen Werken – und eben auch im Agricola – die ganze Zeit abarbeitet. Deshalb sei zunächst an dieses Fundament erinnert: Die römische Republik, in der sich die jährlich gewählten Magistrate, die Volksversammlungen und der Senat die Zuständigkeiten teilten, geriet im 1. Jh. v.Chr. immer mehr in eine Krise. Es steht heute weitgehend fest, dass das System gewissermaßen von innen erodierte: Je größer das Römische Reich wurde, desto mächtiger und unkontrollierbarer wurden Feldherren und Prokonsuln in ihren fernen Provinzen. Das sorgte für zunehmende Ungleichheit unter den Aristokraten. Hinzu kam, dass die inzwischen eingeführten Berufsheere (denn nur mit solchen konnte der militärische Bedarf gedeckt werden) stark von ihrem Feldherrn abhängig waren, weil dieser sie nach der Dienstzeit versorgen musste. Ihre Loyalität galt also im Zweifel nicht dem Staat, sondern ihrem Anführer. Viele solcher Männer nun fanden Gefallen an ihrem Einfluss und hatten auch die Druckmittel, ihn durchzusetzen. Genau das geschah: Erfolgreiche Heerführer wie Marius, Pompeius und schließlich Caesar umgingen zunehmend rücksichtslos die alten republikanischen Traditionen und Regeln (Marius z.B. ließ sich mehrfach hintereinander ins Konsulat wählen, Pompeius bekleidete direkt das Konsulat, ohne vorher die anderen Stufen des cursus honorum erklommen zu haben, Cäsar ließ sich zum Diktator für 10 Jahre, später sogar auf Lebenszeit ernennen).
Als nach der Ermordung Cäsars der Bürgerkrieg ausbrach, gelang es seinem Adoptivsohn Octavian, die Macht an sich zu reißen und nacheinander alle seine Gegner zu besiegen. Er war nun faktisch Alleinherrscher über das Römische Reich und zeigte nun ein geschicktes Kalkül: Um nämlich seine Macht dauerhaft zu sichern (und nicht gar eines Tages heimtückisch ermordet zu werden wie sein Adoptivvater), brauchte er die breite Unterstützung der senatorischen Elite. Er legte also scheinbar großmütig und bescheiden alle seine Sondervollmachten und Befugnisse zurück in die Hände des Senats und tat damit so, als ob er die alte Republik formal wiederherstellen wollte. Dafür ehrte ihn der Senat 27 v.Chr. mit dem Ehrentitel Augustus (der Erhabene). Mehr noch, seine Rechnung ging auf: Augustus bekam in den folgenden Jahren aus freien Stücken vom Senat die beiden Befugnisse übertragen, die ihn gegenüber allen anderen römischen Amtsträgern herausstechen ließen und die auch in den folgenden Jahrhunderten jeder römische Kaiser als Grundlage seiner Machtposition nutzen sollte:

  • imperium proconsulare: Augustus bekam den dauerhaften Oberbefehl über alle Legionen in jeder Provinz des Römischen Reiches – d.h. er war jedem Statthalter (Prokonsul) übergeordnet.
  • tribunicia potestas: Augustus erhielt für unbegrenzte Zeit alle Befugnisse der Volkstribunen, d.h. er war sakrosankt, konnte Gesetzesanträge vor der Volksversammlung einbringen, den Senat einberufen und besaß vor allem ein Vetorecht für jede Handlung eines anderen Magistraten.

Damit bestimmte Augustus faktisch ganz allein Außen- und Innenpolitik des gesamten Römischen Reiches. Es waren jedoch ausschließlich Amtsbefugnisse republikanischer Herkunft, die die Grundlage der neuen Regierungsform bildeten. Augustus war es wichtig, eine republikanische Fassade aufrecht zu erhalten. Er nannte sich lediglich princeps (‚Erster Bürger‘) und beließ es auch dabei, dass die Mitglieder des Senatorenstandes weiterhin wichtige Positionen im Verwaltungsapparat bekleideten und ihre sonstigen Privilegien behielten. So konnte die aristokratische Elite Roms ihr Gesicht wahren – und gewissermaßen stillschweigend tolerieren, dass sie im Prinzipat eigentlich überhaupt nichts mehr zu sagen hatten.
Und an dieser Stelle kommen die angekündigten drei Diskurse wieder ins Spiel, die man für den Agricola kennen sollte: Denn in der Folgezeit setzte sich dieses System dauerhaft durch und fort – nur waren eben nicht alle Caesaren so „zurückhaltend“ bzw. demonstrativ um Ausgleich und Gesichtswahrung bemüht wie Augustus. Der erste Diskurs lautet daher: (a) Senat und Freiheit (libertas). Nach etwa 100 Jahren Prinzipat war zwar allen Senatoren (unter ihnen auch Tacitus) völlig bewusst, dass die Zeiten der Republik, in der der Senat die wichtigste Rolle im politischen Alltag spielte, endgültig vorbei waren. Dennoch war es für das Selbstbild des Senatorenstandes immens wichtig, dass der princeps dem Senat  gegenüber (der ihn ja immerhin zumindest formal mit seinen Amtsbefugnissen ausstattete) eine gewisse Demut zeigte und ihm möglichst weitgehende Handlungsfreiheit ließ, wie es etwa Augustus getan hatte. Ein Kaiser wie Domitian hingegen, der die Senatoren spüren ließ, wie unbedeutend sie geworden waren, und stattdessen lieber auf eigene, nicht der Nobilität angehörige Berater sowie ein gutes Verhältnis zum einflussreichen Militärapparat baute, musste von den alten Eliten als untragbare Provokation empfunden werden. Das erklärt, wieso Tacitus als Angehöriger der römischen Senatsaristokratie derart hart mit Domitian – den heutige Historiker ganz im Gegensatz zu den antiken Quellen überraschenderweise für einen durchaus klugen und fähigen Herrscher halten – ins Gericht geht und ihm vorwirft, die Freiheit zugunsten einer Sklaverei abgeschafft zu haben. Zu beachten ist also, dass „Freiheit“ bzw. libertas in diesem taciteischen Sinne dabei nicht etwa die Freiheit des ganzen Volkes (oder gar die Abkehr von Sklaverei oder römischer Eroberungspolitik) meint, sondern ganz speziell die Freiheit der Senatsaristokratie, weiterhin politisch Einfluss nehmen und eigenständige Entscheidungen treffen zu können sowie ohne Furcht vor Repressalien in der Öffentlichkeit das Wort zu ergreifen. Das Thema libertas ist in allen Werken des Tacitus präsent – immer wieder spricht er darüber, ob libertas vorliegt, ob sie echt oder nur vorgespielt ist und wie sie sich unter verschiedenen Herrschern entwickelt.
Der zweite wichtige Diskurs ist (b) die Anti-Domitian-Propaganda Nervas und Trajans. Zum Zeitpunkt der Abfassung des Werks im Jahr 98 n.Chr. befindet sich das Römische Reich in einer Phase des Umbruchs: Der Ende 96 n.Chr. ermordete, langjährige princeps Domitian (in Verruf geraten als niederträchtiger Tyrann) war durch den alten und kinderlosen Senator Nerva ersetzt werden, der wiederum Ende 97 den Statthalter Germaniens, Trajan, zum Mitkaiser und Adoptiverben machte. Die beiden neuen Herrscher befahlen eine damnatiomemoriae über Domitian, dessen Name von allen offiziellen Bildnissen und Inschriften getilgt wurde. Das befeuerte eine ohnehin schon äußerst unsichere Lage in Rom: Die Opfer von Domitians Gewaltherrschaft wollten nun Rache, Kollaborateure (oder solche, die dafür gehalten wurden) wurden gejagt, weite Teile des mächtigen und von Domitian stets großzügig bedachten Militärapparats standen dem neuen Regime sehr misstrauisch gegenüber. Nerva und besonders der nach Nervas baldigem Tod zum Alleinherrscher aufgestiegene Trajan reagierten mit einer umfangreichen öffentlichen Propagandaoffensive: Sie stellten sich und ihre Herrschaft z.B. auf Münzen oder Inschriften als diametralen Gegensatz zu Domitians Herrschaft dar und versuchten, einen Aufbruch in eine neue goldene Zeit der Freiheit und Gerechtigkeit zu propagieren. Dieser neue Zeitgeist wurde von vielen Schriftstellern und Literaten aufgegriffen und durch ihre Werke weiter verbreitet und ausgeschmückt. Einer davon ist auch Tacitus.
Der dritte Diskurs lässt sich als (c) die Märtyrerdebatte greifen. In den letzten Jahren von Domitians Herrschaft – die tatsächlich geprägt waren von Hinrichtungen und Verbannungen vieler angesehener Bürger – hatten einige Widerstand geleistet. Wir kennen eine Gruppe untereinander befreundeter und der Philosophie der Stoa zugeneigter Männer, die geradezu eine Tradition der Selbstopferung begründet haben. Mit anderen Worten, sie opferten sich selbst, um die Würde und Anstand des Senatorenstandes zu verteidigen. Alle waren nämlich dafür angeklagt bzw. verurteilt worden, in literarischen Schriften indirekt Kritik an früheren Kaisern bzw. an Domitian selbst zu üben, sie entschuldigten sich aber bewusst nicht dafür und entzogen sich auch nicht ihrer Bestrafung – sie gingen bewusst in den Tod. Nach Domitians Sturz jedoch genossen sie in der Bevölkerung großes Ansehen als Märtyrer. Tacitus jedoch hatte nun ein Problem: Sein Schwiegervater Agricola war kein Märtyrer – ganz im Gegenteil. Wenn Tacitus gerade ihn literarisch verherrlichen wollte, musste er sich etwas einfallen lassen, denn ignorieren konnte er diese politisch-gesellschaftliche Debatte nicht einfach. Tacitus‘ Antwort fällt so aus: Er lässt im Agricola nach und nach erkennen, dass er nichts davon hält, sich unter einem Tyrann selbst zu opfern und sich einen Märtyrerstatus zu erwerben. Denn, so Tacitus, ein solcher Tod sei doch nur auf Außenwirkung bedacht und deshalb egoistisch und nutzlos – viel sinnvoller sei es doch, durch kluge Mäßigung und situationsgerechtes Stillhalten alle Gefahren zu umschiffen und stattdessen dem Staat ergeben zu Diensten sein. Mit anderen Worten: Agricola wird dank seiner maßvollen, zurückhaltenden Pflichterfüllung im Sinne des Gemeinwohls bei Tacitus zu einer Alternative zum Lebensmodells des Widerstandskämpfers stilisiert. Damit versucht Tacitus wohl zugleich auch, andere Männer wie Agricola nachträglich zu legitimieren und aufzuwerten, also solche, die Domitians Herrschaft nicht nur überlebten, sondern sogar von ihr profitierten. Pikant daran: Zu diesen Profiteuren gehören an vorderster Front die ehemaligen, von Domitian geförderten Senatoren und jetztigen Kaiser Nerva und Trajan – und auch Tacitus selbst.
Zusammengefasst lässt sich erkennen, dass der Agricola ein Werk eines speziellen historischen Augenblicks ist, den man genauer kennen sollte, um das Werk und seine mehrschichtigen, expliziten und impliziten Zielsetzungen zu verstehen.

Sprache und Stil

Sprachlich ist Tacitus mit keinem anderen Schriftsteller wirklich vergleichbar. Man darf seinen Stil und seine Sprache mit Fug und Recht als unnachahmlich beschreiben; selbst Tacitusexperten verstehen nicht immer genau, was er eigentlich mit bestimmten Formulierungen gemeint hat. Zwar gilt auch, dass er längst nicht immer und überall so schwierig ist; dennoch sollte man ein paar Merkmale der taciteischen Sprache kennen, weil sie zum Verständnis, zur Analyse und zur Interpretation seiner Texte besonders wichtig sind. Dies sei im Folgenden an einem Textbeispiel veranschaulicht:
Agr. 14: Die ersten Statthalter der neu geschaffenen Provinz Britannia


(1) Consularium primus Aulus Plautius praepositus ac subinde Ostorius Scapula, uterque bello egregius, redactaque paulatim in formam provinciae proxima pars Britanniae, addita insuper veteranorum colonia.
Quaedam civitates Cogidumno regi donatae – is ad nostram usque memoriam fidissimus mansit – , vetere ac iam pridem recepta populi Romani consuetudine, ut haberet instrumenta servitutis et reges.
(2) Mox Didius Gallus parta a prioribus continuit, paucis admodum castellis in ulteriora promotis, per quae fama aucti officii quaereretur. Didium Veranius excepit, isque intra annum extinctus est.
(3) Suetonius hinc Paullinus biennio prosperas res habuit, subactis nationibus firmatisque praesidiis, quorum fiducia Monam insulam ut vires rebellibus ministrantem adgressus terga occasioni patefecit.

(1) Von den Konsularen wurde zuerst Aulus Plautius als Statthalter eingesetzt und darauf Ostorius Scapula, beide waren ausgezeichnet im Kriegführen, und allmählich wurde der uns zunächstliegende Teil Britanniens in die Gestalt einer Provinz überführt, und es wurde ihr darüber hinaus eine Ansiedlung von Veteranen hinzugefügt.
Einige Stämme wurden dem König Cogidumnus geschenkt – dieser blieb bis in unsere Zeit äußerst zuverlässig –, nach dem alten und schon früh angewendeten Brauch des römischen Volkes, als Werkzeuge der Unterdrückung auch Könige zu haben.
(2) Dann hielt Didius Gallus das von seinen Vorgängern Erworbene zusammen und verlegte ein paar wenige Festungsanlagen weiter ins Gebiet der Feinde, wodurch er sich den Ruhm einer vermehrten Pflichterfüllung versprach. Auf Didius folgte Veranius, und dieser verstarb innerhalb eines Jahres.
(3) Suetonius Paullinus darauf hatte zwei Jahre lang eine glückliche Hand, er unterwarf Völkerschaften und legte Befestigungen an, und im Vertrauen auf diese Maßnahmen griff er die Insel Mona an, weil sie die Aufständischen mit frischen Streitkräften versorgte, und gab seinen Rücken einem feindlichen Angriff preis.

An diesem Textabschnitt über Agricolas Vorgänger sind einige typisch taciteische Vorgehensweisen zu beobachten. Der erste Satz etwa ist ein Beispiel für brevitas und Kompaktheit: Durch Ellipsen (keine Formen von esse) und Asyndeta (unverbundener angehängter Abl.abs. im letzten Satzteil) werden viele Informationen auf engstem Raum gegeben. Der letzte Satz wiederum zeigt die taciteische Hinterlastigkeit: Sukzessive werden syntaktisch abgeschlossene Informationen um weitere Nachträge bereichert, bis erst ganz am Ende klar wird, dass Suetonius (ganz anders als Agricola) einen schweren strategischen Fehler beging. Im gesamten Abschnitt finden sich darüber hinaus Beispiele für eine sehr abstrakte Ausdrucksweise: Was genau ist unter instrumenta servitutis (§1), ulteriora (§2), fama aucti officii (§2) oder occasio (§3) genau zu verstehen? Hier und an anderen Stellen muss der Leser die substantivierten Adjektive, die nicht greifbaren Nomina sowie die fehlenden Einzelheiten bzw. Erklärungen selbstständig mit Bedeutung füllen. Besonders herausfordernd ist dies, wenn dazu noch eine gewisse düster-prätentiöse Hintergründigkeit kommt: Das Ende von §1 geht in diese Richtung, wenn Tacitus vom alten Brauch des römischen Volkes spricht, ‚auch Könige als Werkzeuge der Unterdrückung‘ zu gebrauchen. Darf man das als hintergründigen Verweis auf eine ethisch fragwürdige Praxis der Römer sehen? Die Formulierung klingt abwertend und scheint anzudeuten, dass Tacitus hier eine gewisse moralische Pervertierung seines Volkes herausstellt. Eindeutig ist das jedoch nicht, und das ist typisch für Tacitus – oft möchte er nicht für jeden verständlich schreiben, sondern kritisiert die geschilderten Zustände auf hintergründige, rätselhafte Weise.

Übergreifende Problematisierungsaspekte

Aber nicht nur die Sprache, sondern auch einige inhaltliche Aspekte des Agricola erscheinen besonders diskussionswürdig – sie dürften sich vielleicht auch für mitunter sogar kontroverse Gespräche im Unterricht eignen.
Zunächst besteht eine große Kluft zwischen dem literarischen und dem historischen Cn. Iulius Agricola. Tacitus stellt Agricola durchgehend wie einen alten republikanischen Statthalter dar, der ganz nach eigenem Ermessen in seinem Machtbereich (imperium) handelt – tatsächlich aber war Agricola dem princeps direkt unterstellt und abhängig von ihm. Dieser Umstand geht nur leider aus dem Werk selbst überhaupt nicht hervor. Tacitus vermeidet bewusst, den exakten Titel Agricolas in seiner Funktion als Statthalter zu nennen, den wir nur aus spärlichen epigraphischen Zeugnissen kennen: legatus Augusti pro praetore provinciae Britanniae. Warum erwähnt Tacitus ihn nicht? Weil er damit klar zu erkennen gäbe, dass sein Schwiegervater Domitian direkt unterstellt war. In der Realität dürfte Agricola weitaus mehr Befehle aus Rom erhalten haben, als es Tacitus vorgibt. Am Ende des Werks dann stellt Tacitus es so dar, als ob Agricola nur deshalb aus Britannien abberufen wurde, weil Domitian ängstlich, neidisch und ruhmsüchtig  war. Forscher wissen aber heute, dass sieben Jahre als Statthalter sowieso schon als ungewöhnlich waren und dass Domitian außerdem gut daran getan hat, den geringen Ertrag und den hohen Aufwand der ganzen Britannien-Feldzüge realistischer gegeneinander abzuwägen. Mit anderen Worten: Der Text ist alles andere als objektiv, sondern lenkt den Leser durch seine Schwarz-Weiß-Malerei (Agricola ist immer gut, Domitian immer böse) stark in die gewünschte Richtung. Tacitus ist kein neutraler, differenziert abwägender Geschichtsschreiber – er wertet, interpretiert und kommentiert permanent, vergibt seine Informationen selektiv und benutzt Gerüchte und Andeutungen zur gezielten Figurenzeichnung.
Damit hängt der zweite Punkt zusammen, das im Text zu findende Virtus-Konzept. Wenn man den äußerst vielschichtigen Begriff virtus zunächst allgemein als sittliche Vollkommenheit eines Menschen beschreibt, wird bei Tacitus eine besondere Konzeption deutlich, die man folgendermaßen visualisieren könnte:2


vitia

virtus

vitia

LIBIDO
seinen Gefühls­reg­un­g­en energielos nach­geben à Passivität

HUMANITAS
sich zurück­nehmen
àeher passiv

DISCIPLINA
sich durchsetzen
àeher aktiv

SUPERBIA
seinen Gefühls­­regun­gen energisch nach­geben à Aktivität

lascivia
(Ausschweifung)

clementia
(Milde)

severitas
(Strenge)

avaritia
(Habgier)

ignavia
(Feigheit)

misericordia
(Mitleid)

industria
(Fleiß)

saevitia
(Grausamkeit)

desidia
(Faulheit)

verecundia
(Rücksicht)

vigor
(Tatkraft)

ambitio
(Ehrgeiz)

>>>  MODUS / MODERATIO <<<

Die virtus eines mustergültigen Römers wie Agricola weist zwei Seiten auf: eine eher passive (humanitas = »Menschlichkeit«) und eine eher aktive (disciplina = »Ordnung«). Zwischen diesen beiden Polen muss man die Waage halten, denn sonst gleitet der Mensch ab zu den Lastern (vitia): Nimmt man sich so sehr zurück, dass man seinen Gefühlsregungen energielos nachgibt (libido = »Genusssucht«), können Ausschweifung, Trägheit oder Fügsamkeit einsetzen. Wenn man sich dagegen so sehr durchsetzt (gegenüber anderen, aber auch gegenüber sich selbst), dass man Affekten energisch nachgibt (superbia = »Hochmut«), kann es zu Gefühlskälte, Überheblichkeit oder Geltungssucht kommen. Die besondere Fähigkeit eines Agricola besteht nach Tacitus darin, durch sorgsames Maßhalten (modus/moderatio) stets für einen Ausgleich zu sorgen. Allerding gilt dieses Konzept im Prinzipat nur dort, wo sich virtus noch frei entfalten kann – für Tacitus und Agricola also nur auf dem Feld der Außenpolitik, als quasi souveräner Statthalter einer Provinz. In Rom hingegen dominiert der Kaiser alle anderen und hält sie klein; und vor diesem Hintergrund nun postuliert Tacitus im Agricola eine erstaunliche Kehrtwende: Innenpolitisch nämlich seien Trägheit, Gehorsamkeit und Passivität im Prinzipat keineswegs als Laster anzusehen, sondern Teil der prudentia, des klugen Verhaltens. Mit anderen Worten: Das Ausleben und Zeigen von virtus ist kontext- und situationsbedingt, ein kluger Mann wie Agricola weiß, zu welchem Zeitpunkt er welche Definition von virtus vertreten sollte.

Die Frage ist nun: Wie glaubwürdig finden es SuS, dass Agricola durch seine situativ gehorsame, maßvolle Virtus das Idealbild eines römischen Senatoren verkörpere? Kann man überhaupt virtus im Gehorsam zeigen oder handelt es sich bei Agricola dann nicht schlicht um einen Mitläufer oder gar Opportunisten? Und wenn Tacitus explizit bekundet, dass jemand, der einem „schlechten“ princeps aktiv Widerstand leistet und zur Not für seine Überzeugung bis zum Äußersten geht, selbstsüchtig und nutzlos für das Gemeinwesen handele – stimmen SuS ihm da zu? Was denken SuS, wieviel Anpassung an ein Herrschaftsregime erlaubt bzw. angemessen ist? Wie lässt sich abwägen zwischen dem Bedürfnis nach Sicherheit, dem Bewusstsein einer moralischen Pflicht zum Widerstand und dem Wissen um schädliche Konsequenzen? Darf und kann man das Verhalten anderer Menschen, die aus ganz persönlichen Erwägungen und vor ganz speziellen Hintergründen entscheiden und handeln mussten, überhaupt beurteilen? Das sind interessante, tiefgründige und (leider) wohl auch hochaktuelle Fragestellungen.
Drittens schließlich bietet das Werk die Möglichkeit, über den römischen Imperialismus zu sprechen. Wie steht Tacitus zur kriegerischen Eroberung ferner Länder im Namen Roms? Auf den ersten Blick wirkt der Autor diesbezüglich überraschend ablehnend. Tacitus lässt ja z.B. in der Calgacus-Rede einen Barbaren heftige Kritik an der rücksichtslosen Expansionspolitik Roms üben; die Römer werden sogar als „raptores orbis“ diffamiert. Kann man daraus vielleicht ableiten, dass Tacitus ein Gegner des römischen Imperialismus ist? Nein, das ist nicht wahrscheinlich. Die Expansionspolitik Roms dürfte für den republianisch gesinnten Tacitus alternativlos sein; mehr noch, nur in den fernen Provinzen ist es ja im Prinzipat noch möglich, als adliger Römer seine virtus zu beweise (s.o.). Abgesehen davon: Ohne Roms Einfluss – und im vorliegenden Fall ganz besonders ohne Agricolas Wirken in Britannien – wären die Lebensbedingungen von fremden Völkern noch viel schlimmer, da sie ständig untereinander Kriege führen würden und überhaupt nur Unrecht herrschen würde. Die gewaltsame Unterordnung anderer Länder unter das Römische Reich wird also aus Sicht vieler Philologen bei Tacitus nicht wirklich in Frage gestellt. Dennoch kann man anhand des Agricola gut darüber diskutieren, was für Konsequenzen die permanente räumliche Ausdehnung des Römischen Reiches eigentlich für die unterworfenen Völker hatte, wie sich Tacitus dazu positionierte und wie die Romanisierung aus heutiger Sicht einzuordnen ist.

Ein unterschätztes Thema: Geschichte Britanniens – der Boudicca-Aufstand

Zwar ist der Lehrplan, wie eingangs gezeigt, für die Themen „Provinz Britannien“ bzw. „Römischer Imperialismus“ eigentlich nicht ausgelegt – aber da es schade wäre, diese für das Werk wesentlichen Aspekte komplett auszublenden, sei zum Abschluss noch ein klein wenig Werbung für die Boudicca-Episode gemacht, die im Agricola selbst zwar nur am Rande des 16. Kapitels eine Rolle spielt, aber dennoch eine Beschäftigung im Unterricht lohnen dürfte.
Boudicca war die Königin des Volksstamms der Icener (Südostengland) und führte, nachdem ihr persönlich, ihren Töchtern sowie ihren Untertanen Gewalt von den Römern angetan wurde, eine mörderische Rebellion gegen die römischen Besatzer an (60/61 n.Ch.). Innerhalb von nur wenigen Wochen besiegte und plünderte sie mit ihrem Heer drei römische Siedlungen in Südengland und ließ sie vollständig niederbrennen (darunter auch Londinium, das heutige London). Erst unter Aufbietung all seiner Kräfte konnte der römische Statthalter Suetonius Paullinus sie in einer Entscheidungsschlacht besiegen, worauf Boudicca sich selbst mit Gift umbrachte. Boudicca war also eine tragische Heldin, und als Frau an der Spitze einer spektakulär erfolgreichen Armee eine besonders provokative Erscheinung für die Römer. Interessant ist daran vor allem, dass sie zwar hier in Deutschland fast niemand kennt, dass sie aber bis heute ein überaus wichtiges nationales Symbol in England darstellt. Spätestens seit dem Viktorianischen Zeitalter ist Boudicca im britischen Selbstverständnis eine Nationalheldin, die das Land aufopferungsvoll gegen Eindringlinge und Besatzer verteidigte. Die eindrucksvolle Statuengruppe Boadicea and der daughters (1902), die in London direkt am Themseufer gegenüber von Big Ben errichtet wurde, ist ein markanter Ausdruck dieser Verehrung: Nicht umsonst trägt die Figur der Boudicca die Gesichtszüge der jungen Queen Victoria; die so postulierte Analogie zwischen der berühmten Barbarenkriegerin und der langjährigen Regentin, die ihrerseits England im 19. Jh. zur uneingeschränkten Hegemonialmacht geführt hat, ist erkennbar eine politische Botschaft. Darüber hinaus jedoch ist Boudicca auch heute noch so bedeutend für England, dass es über sie zahlreiche Bücher, Gemälde, Filme, Videospiele, Verkleidungen, Schmuckstücke und alles mögliche Weitere gibt. Es lohnt in jedem Fall, im Unterricht nicht nur auszugsweise die spannende Geschichte der Boudicca zu lesen (die v.a. auf den Annalen basiert, in denen Tacitus weitaus ausführlicher darüber berichtet), sondern SuS auch selbst auf die Suche gehen zu lassen, wo und mit welchen Implikationen Boudicca in der englischen Kultur präsent ist.

Fazit

Der Agricola des Tacitus mag ein eher abgelegenes Thema im Lateinunterricht darstellen, Niedersachsen mag mit seiner verpflichtenden Behandlung bislang eine Sonderrolle einnehmen – allerdings ist die kurze und kompakte Schrift ganz und gar nicht fehl am Platz. Je besser man die politisch-gesellschaftlichen Hintergründe und Zielsetzungen des Werks überblickt, desto zugänglicher und ergiebiger wird die Lektüre. Die Sprache des Tacitus ist im Ganzen zwar auch hier in seinem Erstlingswerk durchaus anspruchsvoll und komplex, sie ist aber längst nicht immer und überall derart schwierig. Eine sinnvoll reduzierte Textauswahl sollte es deshalb ermöglichen, SuS nicht zu überfordern – wenn nur bestimmte Ausschnitte wirklich zu rekodieren sind und zugleich andere wichtige, aber besonders komplexe Partien wie Proöm oder Epilog z.B. zweisprachig oder mit vereinfachten Textfassungen bearbeitet werden, können SuS durchaus rasch einen Zugang zu dem Text bekommen. Inhaltlich finden sich zudem mehrere interessante und diskussionswürdige Aspekte, die vielfach auch einen Bezug zur heutigen Zeit aufweisen.

Literaturhinweise

1) Textausgaben und Schulkommentare

  • H. Horstmann: Tacitus, Agricola (= classica 11), Göttingen:  Vandenhoeck & Ruprecht 2017.
  • H. Horstmann: Tacitus, Agricola. Lehrerband zur Reihe classica, Göttingen:  Vandenhoeck & Ruprecht 2017.
  • S. Kliemt: Tacitus. De vita et moribus Iulii Agricolae (= Exempla 22), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2004.
  • S. Kliemt: Der „Agricola“ des Tacitus im Unterricht (= Consilia 22), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2005.
  • A. Städele: Tacitus. Agricola. Text/Kommentar (Testimonia), Bamberg: Bayerische Verlagsanstalt 1985.
  • A. Städele: Tacitus. Agricola. Lehrerheft (Testimonia), Bamberg: Bayerische Verlagsanstalt 1997 (2. Aufl.).
  • J. Vogel: Tacitus. De vita et moribus Iulii Agicolae. Kommentar, Münster: Aschendorff 1992.

2) Wissenschaftliche Kommentare und Übersetzungen

  • R. Feger: Tacitus. Agricola. Lateinisch/Deutsch, Stuttgart: Reclam 1973.
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  • R. M. Ogilvie/I. A. Richmond: Cornelii Taciti de Vita Agricolae, Oxford 1967.
  • A. Städele: Tacitus. Agricola. Germania. Lat./Dt., München/Zürich: Artemis & Winkler 2001 (2. Aufl.).
  • R. Till: Tacitus.Das Leben des Iulius Agricola. Lat./Dt., Berlin 1988 (3. Aufl.).

3) Neuere Sekundärliteratur

  • A. R. Birley: « The Agricola », in: A. J. Woodman (Hg.), The Cambridge companion to Tacitus, Cambridge 2009, 47-58.
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  • S. Schmal, Tacitus, Hildesheim 2005.
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  • A. Städele: « Tacitus und die Barbaren », in: P. Neukam (Hg.): Reflexionen antiker Kulturen, München 1986, 123-143.
  • H. Storch: « Tacitus‘ Agricola als Maßstab für Geltung und Zerfall des römischen Tugendkanons », in: AU 29/4 (1986) 36-49.
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  • M. Vielberg: Pflichten, Werte, Ideale. Eine Untersuchung zu den Wertvorstellungen des Tacitus, Stuttgart 1987.
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4) Multimedia

  • ZDF mediathek: Terra X – Die Kelten: Aufstand der Königin [Boudicca]; Ausstrahlung: 01.05.2016.
  • Amazon & Co.: Diverse Romane über Boudicca (auch: Comics, Schmuck, Filmdokus, Songs, Postkarten u.a.)
  • Youtube: Diverse Veranschaulichungen der Schlacht am Mons Graupius.
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