— von Rainer Nickel

Die Gestalten der antiken Mythologie helfen uns manchmal,  abnormes oder auffälliges Verhalten begrifflich zu fixieren. Sie dienen als Projektionsfiguren, auf die man Erfahrungen, Wünsche und Probleme übertragen kann. So spricht man neuerdings von einer „narzisstischen Gesellschaft“,29 die an einem „narzisstisches Defizit“ leidet.

Der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz bezieht sich in seiner Darstellung des Narzissmus ausdrücklich auf Ovids Erzählung in den Metamorphosen (3, 339-510) und erklärt, er entnehme dem Mythos wesentliche Inhalte.30 Er stellt sogar eine Liste von Merkmalen des Narzissmus zusammen, die er dem Narcissus-Mythos verdanke:

  • das tragische Schicksal eines Menschen aufgrund früher Beziehungsdefizite
  • die hochmütige Abwehr von Liebesangeboten als Ausdruck der partnerschaftlichen Liebesunfähigkeit
  • die Notwendigkeit der illusionären Selbstbespiegelung bei fehlender Liebe
  • die unstillbare – süchtige – Verliebtheit in eine Illusion
  • die Empfindlichkeit und Kränkung schon bei minimaler Irritation des Spiegelbildes
  • ...

Hier stellt sich die Frage, was die „narzisstische Störung“ und Ovids Narcissus wirklich miteinander zu tun haben. Eignet sich Narcissus als Projektionsfigur eines modernen Narzissmus?31 War Narcissus tatsächlich ein Narzisst im modernen Wortsinn?

Narcissus ist in Ovids Metamorphosen der Sohn der Nymphe Līriopē und des Flussgottes Cēphīsus. Der Dichter bezeichnet  Liriope als „wasserblau“ (caerula), um bereits ein Grundmotiv der Episode anklingen zu lassen: Alles beginnt und endet im Wasser. Narcissus ist ein Kind des Wassers. Gezeugt im Wasser und geboren aus dem Wasser verfällt er durch das Wasser dem Wahn, um am Ende wieder zu Wasser zu werden und im Boden zu verrinnen. Seine „Substanz“ ist das Wasser, wie auch sein Spiegelbild aus Wasser besteht. Selbst in der Unterwelt bleibt Narcissus dem Wasser verfallen: Er spiegelt sich auf ewig im Wasser der Styx.

Der in den Städten Böotiens (per Aonias urbes, 339) hochberühmte Seher Tiresias hatte dem Jungen ein langes Leben prophezeit, „wenn er sich nicht erkennt“, d. h. „wenn er nicht in den Spiegel sieht“ (si se non noverit, 348). Der Seherspruch warnt „in rätselhafter Andeutung Mutter und Kind vor dem verhängnisvollen Spiegelbild.“32 Als er sechzehn Jahre alt ist, verehren und begehren ihn viele Menschen, weil er so schön ist. Diese Schönheit hat er von seiner Mutter, der pulcherrima Līriopē, geerbt. „Aber in der zarten Schönheit steckte ein gefühlloser Hochmut“ (sed fuit in tenerā tam dūra superbia fōrmā, 354), sodass er alle, die sich ihm nähern wollen, abweist. Der Dichter verwendet hier das Hyperbaton, um zu veranschaulichen, dass die zarte Schönheit die äußere Hülle einer überheblichen Arroganz ist. Das ist bereits ein deutliches Signal für die sich anbahnende Katastrophe.

In der Echo-Episode (3, 356-401) hören wir, dass sich die Nymphe wie viele andere in den schönen Narcissus verliebt hat. Obwohl sie mit keiner anderen Person ein sinnvolles Gespräch führen und als „Echo“ immer nur die letzten Worte eines anderen wiederholen kann, versucht sie, Narcissus näher zu kommen. Sie schafft es sogar, ihm ihre Liebe zu erklären, wird aber schroff zurückgewiesen (379-392).

In der Echo-Szene wird Narcissus zum ersten Mal getäuscht, und zwar durch eine  – akustische – imago, d. h. durch das „Klangbild“ des Widerhalls  (alternae deceptus imagine vocis, 385). Der Begriff der imago ist hier also nicht auf den visuellen Bereich beschränkt.

Das Gespräch  zwischen Echo und Narcissus (379-392) ist von syntaktisch-semantischen Missverständnissen geprägt ist. Beide verwenden dieselben Wörter, meinen aber nicht dasselbe: Narcissus will zunächst, dass Echo sich zeigt, weil er sich verirrt hat und ihre Hilfe braucht. Er ruft: „Ist jemand da?“ Echo: „Ist da.“ Narcissus ruft mit lauter Stimme: „Komm.“ Echo: „Komm.“ Narcissus fragt: „Warum entziehst du dich mir?“ Echo wiederholt dieselben Worte. Narcissus: „Hier lass uns zusammenkommen“ (huc coëamus). Darauf Echo: „Lass uns zusammenkommen.“  Für Echo dürfte coëamus allerdings anders konnotiert sein als für Narcissus. Denn als sie ihn zu umarmen versucht, stößt er sie fort und läuft schreiend davon: „Ich will lieber tot umfallen, bevor du Macht über mich bekommst“  (ante, ait, emoriar, quam sit tibi copia nostri, 391). Er fürchtet sich davor, dass ein anderer Mensch in sein Leben eindringen und über ihn verfügen könnte. Echo hat natürlich keine Ahnung von dieser Angst. Sie kann aufgrund ihrer beschränkten sprachlichen Fähigkeiten nur die letzten vier Wörter dieses Satzes wiederholen, die dann so viel bedeuten wie „Dass du doch Macht über mich bekommst“ (sit tibi copia nostri, 3, 392). So wird aus dem Konjunktiv im Temporalsatz des Narcissus (ante ... quam sit tibi copia nostri) bei Echo ein Coniunctivus optativus im Hauptsatz: Was Narcissus verhindern will, ist Echos innigster Wunsch.

Echo versteckt sich zutiefst beschämt im Wald und wird nie wieder gesehen. Nur ihre Stimme hört man ab und zu noch. Aber trotz allem vergeht ihre Liebe (amor) nicht; sie wächst vielmehr durch den Schmerz (dolor) über die Ablehnung. Später erfahren wir, dass Echos Liebe zu Narcissus im wahrsten Sinne des Wortes unsterblich ist.

Die dura superbia (354) des Narcissus bleibt zunächst ohne Folgen. Erst mit dem Fluch eines verschmähten Liebhabers nimmt das Verhängnis seinen Lauf: Die Rachegöttin Nemesis aus Rhamnūs, die Rhamnusia, sorgt dafür (405 f.), dass Narcissus genauso aussichtslos wie die von ihm Zurückgewiesenen lieben und nie bekommen soll, was er liebt (... Sic amet ipse licet, sic non potiatur amato, 405). Das mehrfache (anaphorische) sīc (401 f. und 405) unterstreicht die Dramatik des Geschehens. Diesem Fluch liegt das alte vulgärethische Vergeltungsschema zugrunde.33 Narcissus soll mit dem gleichen Übel bestraft werden, das er selbst anderen Menschen zugefügt hat („Talionsformel“).

Als Narcissus einmal erschöpft von der Jagd an einem kleinen Teich (fons) seinen Durst löschen will, blickt ihm sein Spiegelbild entgegen (407 ff.). Noch während er trinkt, verliebt er sich in das Bild, ohne zu ahnen, dass es sein eigenes ist.

„Während Narcissus seinen Durst stillen will, ist ein anderer Durst entstanden, und während er trinkt,  verliebt er sich, hingerissen vom Bild einer schönen Erscheinung, in eine Hoffnung ohne Körper, d. h. in ein Wesen ohne Körper, von dem er sich etwas erhofft: Er hält für einen Körper, was nur Wasser ist.“

Dumque sitim sedare cupit, sitis altera crevit,

dumque bibit, visae correptus imagine formae  

spem sine corpore amat: corpus putat esse, quod unda est (415-17).

Indem Ovid den Verliebten als visae correptus imagine formae bezeichnet, hält er fest, dass Narcissus vom Abbild der Schönheit, die er vor sich sieht, ergriffen ist, und mit dem Hyperbaton visae  ... formae, macht er darauf aufmerksam, dass dieser bereits ein Gefangener seiner Selbsttäuschung ist, aus der er sich nicht mehr befreien kann. Die Faszination seiner eigenen Schönheit ist zu groß. Das Hyperbaton trennt eben nicht nur zwei grammatisch kongruente Wörter voneinander, sondern „sperrt“ auch den Bildverliebten (correptus imagine) „ein“.

Er wird das Opfer einer Selbsttäuschung (error, 431) und begreift nicht, dass er zugleich Subjekt und Objekt seines Begehrens ist. Diese Subjekt-Objekt-Identität wird durch die mehrfache Gegenüberstellung von Aktiv und Passiv deutlich hervorgehoben:

„Und alles bewundert er, wodurch er selbst bewundernswert ist, sich selbst begehrt er nichts ahnend, und er, der (das Bild) für schön hält, hält sich selbst für schön, und indem er verlangt, verlangt er nach sich selbst und zündet an und brennt zugleich.“

Cunctaque miratur, quibus est mirabilis ipse,

se cupit imprudens et, qui probat, ipse probatur,

dumque petit, petitur pariterque accendit et ardet (424-426).

 „Wie oft gab er dem trügerischen Teich wirkungslose Küsse! Wie oft tauchte er seine Arme mitten ins Wasser, um den Hals, den er sah, zu umfassen, und konnte sich im Wasser nicht fassen.“

Inrita fallaci quotiens dedit oscula fonti!

In mediis quotiens visum captantia collum

bracchia mersit aquis nec se deprendit in illis (427-429).

Die Ortsangabe in mediis aquis gilt sowohl für collum in mediis aquis visum („den mitten im Wasser erblickten Hals“) als auch für bracchia in mediis mersit aquis („er tauchte seine Arme mitten ins Wasser“). In den Versen 427-429 veranschaulicht das scheinbare Durcheinander der kongruenten Wörter das Verschwimmen des Spiegelbildes.

„Was er sieht, weiß er nicht; aber was er sieht, dadurch gerät er in Brand, und seine Augen erregt dasselbe Trugbild, das sie täuscht.“

Quid videat, nescit: sed quod videt, uritur illo,

atque oculos idem, qui decipit, incitat error (430-431).

Die Stellung der Verben videt, uritur und decipit, incitat veranschaulicht die unauflösbare Verknüpfung der Vorgänge. Dass der error Täuschung und Antrieb zugleich ist, wird durch īdem ... error verbildlicht. Die Wortfigur des Spiegels, der Chiasmus, īdem ...decipit,  incitat error, der durch ein Hyperbaton ermöglicht wird, verweist auf die spiegelnde Wasserfläche, die (physikalische) Ursache des „Irrtums“. In Vers 430 fasst Ovid die Ursache des Unglücks auf engstem Raum zusammen: Narcissus weiß nicht, was er sieht (indirekter Fragesatz), aber er gerät in Brand (Metapher) durch das, was er sieht (Relativsatz). Seine Leidenschaft wird also entfacht durch das, was er sieht, ohne dass er weiß, was es ist. Bemerkenswert ist übrigens, dass das Spiegelbild immer nur Kopf und Hals zeigt, nie den ganzen Körper (418-424).

Mit einer kurzen Apostrophe (432-436) gibt der Dichter dem Leser / Hörer eine Erläuterung: Sie antizipiert die später erfolgende „Selbsterkenntnis“ des Narcissus.

„Du einfältiger Kerl, warum greifst du vergeblich nach vergänglichen Bildern? Was du verlangst, ist nirgends; was du liebst, wirst du, geh doch bloß weg, vernichten. Was du siehst, ist nur der Schein eines gespiegelten Bildes: Es hat kein eigenes Wesen. Mit dir ist es gekommen (vēnit) und bleibt es, mit dir wird es verschwinden, wenn du (noch) verschwinden kannst.“

Credule, quid frustra simulacra fugacia captas?

Quod petis, est nusquam; quod amas, avertere, perdes.

Ista repercussae, quam cernis imaginis umbra est:

Nil habet ista sui. Tecum vēnitque, manetque,

tecum discedet, si tu discedere possis (432-436)

Kurz vor der dramatischen Wendung taucht das Hoffnungsmotiv aus Vers 417 noch einmal auf:

„Du versprichst mir mit deinen liebevollen Blicken, dass ich hoffen darf (spem ... promittis, 457), und immer wenn ich dir meine Arme entgegenstreckte, streckst du deine wie von selbst aus. Immer wenn ich gelacht habe, lächelst du mir zu. Auch deine Tränen habe ich oft bemerkt, während ich selbst weine, und mit deinem Nicken erwiderst du meine Zeichen. Und soweit ich aus der Bewegung deines schönen Mundes schließen kann, gibst du Worte zurück, die aber meine Ohren nicht erreichen“

[...] et quantum motu formosi suspicor oris,

verba refers aures non pervenientia nostras (461-462).

Mit verba aures non pervenientia nostras tritt die visuelle hinter die akustische Dimension der Wahrnehmung zurück. Jetzt macht das stumme Bild Narcissus schlagartig klar, dass er selbst es ist, den er im Spiegel sieht:

„Der da bin ich: Ich habe es gemerkt, und mein Bild täuscht mich nicht mehr.“

Iste ego sum: sensi, nec me mea fallit imago (463).

„Erst die Verknüpfung mit einem weiteren Sinnesbereich, dem des Hörens, erlaubt also, das Bild als Bild zu identifizieren und zwischen lebender Person und Nachbild zu unterscheiden.“34 Narcissus erkennt das Bild im Wasser als sein Spiegelbild an der Stimmlosigkeit. „Indem er os, einen bewegten Mund ohne Ton, wahrnimmt, erkennt er, dass sein Gegenüber keine vollständige persōna ist. Insofern betrifft es die Struktur des Erkenntnisprozesses selbst, so wie Ovid ihn gestaltet, dass hier optische und akustische Wahrnehmungsdimension zusammengeführt werden.“35 Dass Narcissus erst in der akustischen und nicht schon in der visuellen Wahrnehmungsdimension den Spruch des Tiresias erfüllt und sich selbst erkennt, hat seine anthropologische Basis in einer typisch römischen Wahrnehmungskonvention: Eine Person wird nur unzureichend durch das Gesicht und erst vollständig durch die Stimme identifiziert.

Aber mit der Erkenntnis, dass er in sein Spiegelbild verliebt ist, wird ihm die Hoffnung auf ein glückliches Ende endgültig genommen. Er hat sich selbst erkannt und verstanden, dass das Subjekt und das Objekt seiner Begierde identisch sind:

„Ich verbrenne an der Liebe zu mir selbst; ich fache die Flammen an und bin ihr Opfer. Was soll ich tun? Soll ich mich umwerben lassen oder selbst werben?36 Um was soll ich noch bitten? Was ich begehre, besitze ich bereits. Der Besitz hat mich hoffnungslos gemacht.“

Uror amore mei flammas moveoque feroque.

Quid faciam? Roger anne rogem? Quid deinde rogabo?

Quod cupio, mecum est: inopem me copia fecit (464-466).

Dass Narcissus, der doch das Kind eines Wassermannes und einer Wasserfrau ist, „brennt“ oder gar „verbrennt“, veranschaulicht die Paradoxie seines Zustands, den er jetzt mit aller Klarheit erkennt. Es scheint fast so, als ob er im Nachhinein die Apostrophe des Dichters verstanden hätte.

Es wäre aber verfehlt anzunehmen, Ovid habe seine Hörer / Leser vor übertriebener Eigenliebe warnen wollen, die zur Selbstzerstörung führe.37 Denn Narcissus liebt sich ja gar nicht selbst, sondern einen vermeintlich anderen, von dem er sich zu trennen versucht. Darum will er seinen Körper verlassen und äußert den für einen Liebenden „unerhörten / neuartigen Wunsch“ (votum in amante novum, 468): „Ach wäre doch, was wir lieben, von uns getrennt!“ (Vellem, quod amamus, abesset, 468). Aber dann beschwört Narcissus wider besseres Wissen noch einmal die Illusion einer  Zweierbeziehung: „Ich hätte mir gewünscht, dass mein Geliebter mich überleben würde! Jetzt werden wir beide, zwei Herzen in einer Seele, vereint sterben“(472 f.). So spielt er noch am Ende für sich allein die Rolle eines Liebespaares.38 Obwohl er seine Selbsttäuschung durchschaut hat, löst er sich als ein mălĕ sanus (in seinem Wahn), wie der Dichter es kommentiert, nicht von seiner Einbildung: ad faciem rediit mălĕ sānus eandem (474). Er verleiht seinem Spiegelbild wieder Realität. Die imago verwandelt sich erneut in Wirklichkeit. Er will sein Bild noch einmal sehen.

Hier erhebt sich die Frage nach dem Grund der erneuten Zuwendung zu seinem Spiegelbild und der endgültigen Abkehr von sich selbst. Es scheint so, als ob er in seiner Unfähigkeit zu lieben, auch sich selbst nicht anerkennen und lieben kann. Er fürchtet sich vielmehr vor sich selbst, lehnt sich selbst ab und sucht Trost bei seinem Spiegelbild. Aber als er dies tut, zerstört er es mit seinen Tränen.

„Wohin eilst du? Bleib doch und verlass mich nicht, der dich liebt, du Grausamer! Lass mich wenigstens ansehen, was mir zu berühren nicht möglich ist, und nähre meine unselige Leidenschaft.“

Quo refugis? Remanē nec me, crūdēlis, amantem

desere, clamavit, liceat, quod tangere non est,

adspicere et misero praebere alimenta furori (477-479).

Dass er das Bild mit crūdēlis anredet, spiegelt das „grausame“ Verhalten, das er selbst Echo gegenüber gezeigt hat. Der wahnhafte „Narzissmus“ ist die von Nemesis im Sinne des Talionsprinzips geforderte Vergeltung für die dura superbia (354) des Narcissus.

Obwohl er die Sinnlosigkeit seines Wunsches längt erkannt hat, bleibt er sich selbst treu. Er beginnt die konventionelle Totenklage, zerreißt seine Kleider und schlägt sich auf die Brust. Er sieht seinen entstellten Körper im Spiegel des Wassers und kann den Anblick nicht mehr ertragen. Wie gelbes Wachs bei milder Wärme schmilzt und Reif am Morgen durch die wärmende Sonne verschwindet, so zerfließt er (liquitur). Der Körper, den Echo einst vergeblich begehrt hatte, vergeht. 

Echo hat Mitleid mit Narcissus. Sooft er in sein „Ach“ (eheu) ausbricht, wiederholt sie es. Zuletzt hatte er seinem Spiegelbild noch zugerufen: „Ach, du hoffnungslos geliebter Knabe“ (heu frustra dilecte puer, 500). Echo kann diesen Ausruf vollständig wiederholen und ebenso ein letztes „Valē“ (500 f.). So verabschiedet sich Narcissus von sich selbst und Echo von Narcissus. Aber der Tod ist nicht das Ende. Selbst im Hades versucht (Imperfekt) Narcissus noch, sein Spiegelbild auf der Oberfläche der Styx zu erblicken (505). Die Trauernden finden dort, wo sein toter Körper lag, nur die gelbe Narzisse. „Die Unterweltsblume ist an die Stelle des in die Unterwelt Entrückten getreten.“39

Ein  moderner Psychologe würde vielleicht das „Krankheitsbild“ des Narcissus auf das traumatische Erlebnis der Mutter zurückführen: Liriope wurde von Cēphīsus wegen ihrer Schönheit zwar begehrt und vergewaltigt, aber nicht geliebt, und hat ihn selbst auch nicht geliebt. „In Narcissus kann man also einen Menschen sehen, der sein Leben der Schönheit seiner Mutter, aber nicht der Liebe zweier Menschen verdankt.“40 An diese Herkunft erinnert der Dichter mit aller Deutlichkeit, indem er sie gleich zu Anfang erwähnt und Narcissus etwas später (351) als den „Sohn des Cephīsus“ (Cephīsius) bezeichnet. Mit diesem Patronymikon zielt der Dichter auf den Grund für all das Leid.41

Ovids Erzählung zeichnet ein „Krankheitsbild“, das dem modernen Narzissmus in wesentlichen Merkmalen entspricht. Narcissus leidet an der Unfähigkeit mit Menschen ohne Angst zu kommunizieren. Schon die Vergewaltigung seiner Mutter war per se kein kommunikativer Akt. Narcissus erbt zwar ihre Schönheit, aber auch ihr Trauma. Seine Attraktivität steigert die kommunikationsfeindliche Arroganz des Sechzehnjährigen (dura superbia in einer tenera forma, 354).

Weil die Mutter das Kind ihres Vergewaltigers ablehnt, empfindet sie keine Mutterliebe. Dieser Muttermangel führt zur  Liebesunfähigkeit des Kindes, wie die Echo-Episode zeigt. Hinzu kommt, dass die Mutter keine Identifikation des Sohnes mit dem Vater und somit keine Unterstützung des Sohnes durch den Vater zulässt. Das negative Vaterbild führt dazu, dass der Sohn jede Annäherung als Bedrohung empfindet.

Unter der von Sigmund Freud eröffneten ontogenetischen Perspektive ist der Narzissmus eine notwendige Stufe in der Entwicklung eines jeden Menschen auf dem Weg vom Autoerotismus zur Objektliebe.42 Der Narzisst bleibt in der Phase des  Autoerotismus stehen.

Narcissus, der diese Phase des Autoerotismus nicht überwinden könnte, erkennt zwar am Ende, dass er nach seinem eigenen Spiegelbild dürstet (sitis altera, 415). Doch er kann dessen magische Wirkung nicht überwinden. Er stirbt aber nicht als selbstverliebter Narzisst, sondern weil er eine vermeintlich anderen Person begehrt, die ihn nicht lieben kann, weil sie als solche gar nicht existiert. Im Sinne des Talionsprinzips wird seine auf dura superbia beruhende Lieblosigkeit mit der Lieblosigkeit eines Trugbildes vergolten.

Der lieblos-ungeliebte Narcissus, der Echos Liebe verweigert und für seine Lieblosigkeit dazu verurteilt ist, ein empfindungsloses Nichts zu lieben, wird vernichtet und nicht verwandelt. Was von ihm bleibt, ist nichts als Wasser.

Anhang

Ovids Narcissus-Erzählung ist keine moralisierende Abhandlung über die Gefahren der Selbstliebe oder gar des Narzissmus und auch kein Rührstück über eine unerfüllte Liebe. Sie will auch nicht daran erinnern, dass man der Nemesis nicht entgehen kann. Sie ist  vielmehr eine Studie über die katastrophalen Folgen des Sehens. Echo schaut den schönen Narcissus an (aspicit, 356) und ist hingerissen. Sie sieht ihn, entbrennt zunehmend in Liebe und verfolgt ihn (vidit et incaluit, 371). Das Verhängnis nimmt seinen Lauf.  Narcissus sieht sein Spiegelbild (visae correptus imagine forma, 416). Er sieht (spectat, 420) seine Augen, seine Haare, ... seinen Mund. Was er wirklich sieht, weiß er nicht, aber was er sieht, setzt ihn in Flammen (430). ... Durch seine Augen geht er zugrunde (440).

Ovid hat diese Studie im dritten Buch der Metamorphosen in eine Reihe von Erzählungen  gestellt, denen das „Motiv des verhängnisvollen Sehens“ oder auch des „verbotenen Sehens“ gemeinsam ist:43 Cadmus erlegt einen Drachen und gründet Theben (3, 1-137). Er hört eine Stimme, die zu ihm sagt: „Was siehst du den erlegten Drachen an? Du selbst wirst später als Drache erscheinen “ (vgl. Metam. 4, 563-603). Die Göttin Diana verwandelt Actaeon in einen Hirsch, weil er sie im Kreis ihrer Nymphen nackt gesehen hatte (3, 173-205). Er wird von seinen eigenen Hunden gehetzt und zerfleischt (206-252).44 Ovid reflektiert den Vorgang in den Tristien (2, 103-106) und bezieht ihn auf sich selbst. Anscheinend hatte er auch etwas Verbotenes gesehen. Pentheus (3, 511-731), der Tiresias verachtet und sich dem Bacchuskult widersetzt, beobachtet verbotenerweise die heiligen Handlungen und wird von seiner eigenen Mutter mit dem Speer getroffen, die ihn für einen Eber hält, und dann von den rasenden Mänaden zerrissen.

Narcissus steht also in einer Reihe mit anderen Akteuren des verhängnisvollen Sehens – Cadmus, Actaeon und Pentheus – im dritten Buch der Metamorphosen. Dadurch fällt auf die Prophezeiung des Tiresias ein anderes Licht. Narcissus wird ebenso wie die anderen vernichtet, weil er etwas sieht, was er nicht hätte sehen dürfen.

Darauf sollte man auch außerhalb der Narcissus-Episode achten:

  • Intra- und extratextueller Bezüge (Motive, Themen, Begriffe) feststellen
  • Ermitteln des „Wesenskerns“ der Gestalten, die verwandelt, aber nicht vernichtet werden
  • Auktoriale Eingriffe (Apostrophe, Reflexion des Geschehens, Bewertungen) für das Verständnis des Textes nutzen
  • Wechsel der Erzählformen (Dialog, Selbstgespräch, Bericht, Beschreibung) beachten und begründen
  • Rhetorische Figuren (z. B. Hyperbaton, Chiasmus) und Tropen (z. B. Metapher, Metonymie) beachten und für die Erschließung des Textes nutzen     
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