— von Friedgar Löbker

„Das Dritte Triumvirat“, Bd. 2 – Cäsars Gallischer Krieg

von Virginia Bischof, 2015

Gallia est omnis divisa in partes tres, quarum unam incolunt Belgae, aliam Aquitani, tertiam qui ipsorum lingua Celtae, nostra Gallis appellantur. Hi omnes lingua institutis legibus inter se differunt.“ – Wer kennt sie nicht, die berühmten Worte aus dem Anfang des Bellum Gallicum des römischen Staatsmannes und Feldherrn  C. Julius Cäsar? Der Gallische Krieg schlägt bis auf den heutigen Tag geistige Brücken über ganze Generationen und vermag diese zu einem Dialog über Recht und Unrecht, über kriegerische Unterwerfung, militärische Taktiken, das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das Recht auf eigene kulturelle Identität, Sitten und Bräuche von Völkern, Staaten und Kulturen zu führen. Die Cäsarlektüre – als so mühselig und vielleicht auch unaufregend sie manchmal empfunden wird – ermöglicht einen fruchtbaren Dialog und ein vertieftes Nachdenken über grundlegende Fragen der Politik und schlägt ebenso eine Brücke zu den großen und immer noch ungelösten Problemen unserer Gegenwart.

Wir erinnern uns an den ersten Band „Das Dritte Triumvirat“ von Virginia Bischof: C. Julius Cäsar, Marcus Tullius Cicero und Marcus Antonius erwachen auf einem Flüchtlingsboot kurz vor der kleinen Insel Lampedusa vor Sizilien in der Gegenwart, gelangen auf Umwegen nach Rom, erfahren mit Hilfe eines Professors für Alte Geschichte, der ihr Freund und Gönner wird, von all den großen Ereignissen und Entwicklungen bis zur Gegenwart und sehen sich vor die Aufgabe gestellt, mit einem geschärften Blick auf den Gang der Geschichte die zentralen Sinnfragen menschlicher Existenz zu stellen.

In dem nun vorliegenden zweiten Band der Autorin begleitet der Leser einen nachdenklichen Cäsar, der sich als Althistoriker der Universität von Rom ausgibt, durch das moderne Helvetien und Gallien. Aus der Perspektive des personalen Erzählers erhalten wir vertiefte Einblicke in die Gedanken, Empfindungen, Lebensvorstellungen und Überlegungen eines Menschen, der seine charakterliche Prägung nicht verloren hat. So löst der Anblick einer Darstellung des Gemäldes „Napoleon am St. Bernhard-Pass“ von J. Louis David das Gefühl einer Konkurrenzsituation aus: „Ein Glück, dass wir nicht Zeitgenossen waren, sonst wäre Europa für uns beide bestimmt zu klein gewesen!“ Im Folgenden werden Vorgänge reflektiert, die sichtbar werden lassen, mit welchen Mitteln wirkungsmächtige Geschichtsbilder konstruiert werden können – damals wie heute. Vergleiche zwischen Cäsar und Napoleon führen den Leser schrittweise zur Reflexion über politische Entscheidungen einflussreicher Staatsmänner und Feldherren, werfen Fragen über den Sinn militärischer Eroberungen auf und eröffnen Einblicke in historische Deutungen.

Gleichzeitig ermöglicht das Romangeschehen einen geschärften Blick für die Durchdringung der Gegenwart mit römischer Kultur, Sprache und Politik: Gerade die Begegnung mit den Menschen in der Schweiz, ihrem vielfältigen sprachlichen Kolorit, lässt deutlich werden, wie sehr die Romanisierung eine stabile Brücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit darstellt. In Begleitung einer gebildeten und schönen jungen Frau erfährt Cäsar über die Geschichte der Schweiz, bevor er sich aufmacht, um namhafte Schauplätze aus der Zeit der Eroberung Galliens aufzusuchen. Damit wird das Romangeschehen auch zu einer kulturhistorischen Entdeckungsreise: Bibracte, Augusta Raurica, Trier, Frankfurt, Bonn, Köln, Aachen, Xanten und insbesondere Alesia und Paris sind die Orte, die den Romanhelden zu einem grundsätzlichen Nachdenken über die Vergangenheit anregen und Zweifel an so manchen Errungenschaften der Gegenwart wecken lassen.

So bietet der Roman eine abwechslungsreiche Lektüre: Vergangenheit und Gegenwart greifen ineinander. Die didaktische Ausrichtung ist dabei unverkennbar: Richtet er sich an alle, die über Kontinuitäten und Diskontinuitäten nachdenken wollen, die Querverbindungen zwischen einem Vereinten Europa und der Pax Romana des Imperium Romanum erkennen wollen. Gewiss wird man sich die Frage stellen, inwieweit der Limes und der Schengenraum einem Vergleich standhalten, welche Vorteile die Zugehörigkeit des civis Romanus zum Imperium Romanum im Unterschied zu einem Bürger der EU hatte und inwiefern Vercingetorix und Charles de Gaulle ganz ähnliche Ziele verfolgten. Darüber hinaus werden Problemfelder der historischen Deutung sichtbar, über die sich ein Nachdenken lohnt: Sind beispielsweise flächendeckende Bombardierungen dicht besiedelter Gebiete im Zweiten Weltkrieg Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit? Worin lagen die tatsächlichen Ziele Cäsars, nach Britannien überzusetzen? Inwieweit hängt ein historisches Urteil auch vom Zeitgeist ab?  

Der jüngst erschienene zweite Band des Romans mit dem Titel „Das dritte Triumvirat“ von Virginia Bischof ist wie bereits der erste Band eine kurzweilige und unterhaltsame Lektüre. Der Gedanke, Cäsar auf einer Reise durch sein erobertes Gallien zu begleiten, ist vor dem Hintergrund vieler grundlegender Fragestellungen reizvoll. Was könnte wohl Cäsar im Anblick der überlebensgroßen Statue seines ehemaligen Erzfeindes Vercingetorix denken?

Der Roman eröffnet damit Blicke auf Kernfragen der Geschichte, er ermöglicht Einblicke in gewachsene historische Strukturen und sensibilisiert für Fragen nach den Wurzeln eines gemeinsamen Europa und dem Sinn imperialer Machtpolitik. Die Darstellungsform mit ihrer unverkennbar didaktischen Ausrichtung lässt darauf schließen, dass hier insbesondere der junge Leser angesprochen wird, der einerseits ein Interesse an europäischer Geschichte hat, andererseits nach Antworten auf die brennenden Fragen der Zeit sucht. Nicht zuletzt ermutigt die Lektüre aber auch dazu, das Bellum Gallicum erneut in die Hand zu nehmen und sich mit dem Werk Cäsars vertiefend zu befassen.

Erschienen ist „Das dritte Triumvirat“, Band II – Cäsars Gallischer Frieden, beim Südwestbuch-Verlag, Stuttgart 2015 und umfasst 356 Seiten.

ISBN: 978-3-944264-75-2

Ladenpreis: 12,80 Euro