— von Dan Drescher

In diesem Jahr (2015) fand im italienischen Arpino zum 35. Mal der internationale Cicero-Latein-Wettbewerb statt. – Worum geht es bei diesem Wettbewerb? Warum lohnt es sich, mit Schüler_innen dorthin zu fahren? Wie ließe sich das organisieren? – Diesen Fragen soll hier nachgegangen werden. Der Verfasser begleitete im Mai 2015 zum zweiten Male Schüler_innen seiner Schule nach Arpino, was Anlass war, ihn um diesen Beitrag zu bitten, und natürlich die Gefahr einer unzulässigen Verallgemeinerung persönlicher Erfahrungen in sich birgt, für die ggf. um Nachsicht gebeten wird.

Worum geht es bei diesem Wettbewerb?

Warum ein Cicero-Latein-Wettbewerb in Arpino, Städtchen und Kommune ca. 100 km östlich von Rom, stattfindet, muss Lehrer_innen der Alten Sprachen nicht erklärt werden. – Der Schulleiter des örtlichen Gymnasiums „Tulliano“ initiierte im Jahr 1980 unter dem Namen des Stadt- und Schulpatrons Cicero einen Wettbewerb, der zunächst auf lokaler, dann auf nationaler und schließlich auf internationaler Ebene zahlreiche Teilnehmer_innen anzog. Als der Verfasser vor einigen Jahren zum ersten Mal in Arpino weilte, waren einige Teilnehmer_innen dem Ruf des genius loci sogar aus Südamerika gefolgt.

Doch in den vergangenen Jahren gingen die Teilnehmer_innenzahlen zurück: Waren es vor einigen Jahren noch ca. 600 Teilnehmer_innen plus ihre Begleiter_innen, ist die Zahl der Teilnehmer_innen in diesem Jahr auf ca. 250 gesunken. Dies dürfte vor allem zwei Ursachen haben: Zum einen zwang der Rückzug von bisherigen Geldgebern aus der Finanzierung die Organisator_innen in den vergangenen Jahren die Teilnahmegebühren im Vergleich drastisch auf 220,- Euro pro Person zu erhöhen. Zum anderen dürfte das in vielen europäischen Ländern in den Bildungsplänen zurückgedrängte Gewicht des Lateinunterrichts durchschlagen.

Das Certamen findet in der Regel Anfang Mai statt, von Donnerstag bis Sonntag: Anreise und Begrüßung am Donnerstag, eigentlicher Wettbewerb am Freitag, Besichtigungsprogramm am Sonnabend, den die Jury zur Durchsicht der Klausuren nutzt, Auszeichnungsfeier und Abreise am Sonntag.

Der Wettbewerb selbst beinhaltet die Übersetzung eines Cicero-Textes (dieses Jahr: Cic. off. 3,1) und dessen freie Interpretation in der jeweiligen Muttersprache. Eine kompetent besetzte Jury entscheidet über die Vergabe von zehn Preisen und maximal zehn „Ehrenvollen Erwähnungen“. Beide Preiskategorien sind mit Geld- und Sachpreisen versehen.

Auswahl und Vorbereitung der teilnehmenden Schüler_innen, die laut Ausschreibung in den letzten beiden Abiturjahrgängen sein müssen, erfolgen je nach Herkunftsland ganz unterschiedlich. Die Zahl der Schüler_innen pro Schule ist auf drei begrenzt.

In Italien beispielsweise findet eine intensive und gezielte Vorbereitung auf Cicero-Übersetzung und -Interpretation statt, die Auswahl der Schüler_innen erfolgt nach strengen Leistungskriterien und lokalen Ausscheiden. Belgien dürfte das Land sein, dessen Delegation – Schüler_innen und begleitende Lehrkräfte – auf die ausgeklügelste Art und Weise zusammenkommt: nach Proporz und entsprechenden Vorentscheiden nach Landessprachen (Französisch, Flämisch) und Schulträgern (staatlich, nicht-staatlich); die Italienreise der belgischen Delegation wird entsprechend von einem Empfang durch den belgischen Botschafter in Rom gekrönt, der über dem Forum Romanum residiert.

Für die Teilnahme der deutschen Schüler_innen gibt es kein grundsätzlich geregeltes Verfahren. Im Allgemeinen dürften die leistungsstärksten Schüler_innen angesprochen werden.

Doch beim Certamen Ciceronianum geht es um mehr als das Ringen, zu den Ausgezeichneten zu gehören.

Warum lohnt es sich, mit Schüler_innen nach Arpino zu fahren?

Das Certamen Ciceronianum ist ein bildungspolitisches Signal für den Erhalt und den Bildungswert von Latein und der Alten Sprachen überhaupt. – Es ist dies nicht nur grundsätzlich, sondern auch für jede einzelne teilnehmende Schule.

Für die Schüler_innen, die mit ihrer Latein-Begeisterung und einem entsprechenden Ehrgeiz an ihren Schulen vielleicht nicht viele Gleichgesinnte finden, dürfte die Erfahrung einer großen und internationalen Gruppe Gleichgesinnter eine kaum zu überschätzende Bestätigung und Motivation sein. – So individuelle Stärken von Schüler_innen zu fördern, liegt auf der Hand.

Für sie und uns Begleiter_innen sind die Tage mit ihrem Kulturprogramm und einem höchst anregenden otium im Gespräch mit Mitstreiter_innen und Kolleg_innen aus Italien, aus halb Europa und aus dem eigenen Land eine langwirkende inspirierende Erfahrung. Dass diese sich nicht quantifizieren lässt, mag manche Verantwortliche skeptisch stimmen. Ihre Ausstrahlung auf Persönlichkeit, Unterricht, Fachverständnis und Bildungshorizonte dürften freilich unbestreitbar sein.

Das Organisationsteam gibt sich größte Mühe, die Tage in Arpino in diesem Sinne zu gestalten: Abholung am Bahnhof von Frosinone, feste Begleiter_innen für die in den jeweiligen Hotels wohnenden Gruppen, Menüs, die eine gewisse Spartanität der Hotelzimmer vergessen lassen, wissenschaftliche Cicero-Vorträge für die Lehrer_innen (während der Wettbewerbsklausur), Stadtrundgang in Arpino, Zeit, sich von den Anstrengungen der Anreise zu erholen, Besuch der Abtei von Monte Cassino mit traditioneller, lateinischer Rede des Abtes, Disko auf der Piazza von Arpino, feierliche Inszenierung der Siegerehrung (auch unter Einbezug des antiken Straßenzuges auf dieser Piazza), am Abreisetag Bustransfer von Arpino nach Rom u.a.m. – Wenn hier und da noch (mehr) bedacht würde, dass die Schüler_innen in aller Regel und die meisten der nicht-italienischen Kolleg_innen Italienisch oft nicht beherrschen, blieben kaum Wünsche an die Verantwortlichen vor Ort offen.

Wie lässt sich eine Teilnahme am Certamen organisieren?

Sie überlegen, am nächsten Wettbewerb teilzunehmen? – Entscheidend dürfte sein, dass in der Latein-Fachgruppe die Initiative ergriffen wird.

Natürlich sind die finanziellen Notwendigkeiten und Möglichkeiten zu klären. Allein 220,- Euro pro Person (Teilnahme, Unterkunft, Verpflegung, Programm), auch für die Begleitperson, sind nicht wenig. Von Buxtehude aus, Flug ab Hamburg, eine (Zusatz-) Nacht in Rom, lagen unsere Kosten zuletzt bei rund 450,- Euro pro Person. Gedeckt wurden sie aus einem großzügigen Zuschuss des Schulvereins, durch individuelle Kostenübernahme und einer Fahrtkostenübernahme (für die Begleitperson) aus dem Schulbudget. Andere Finanzierungswege sind denkbar. Staatliche, kommunale und andere Zuschüsse für Schüler_innen aus einkommensschwachen Familien müssten für Chancengleichheit sorgen.

Zeit und Zeitraum sind weitere Faktoren, die es zu bedenken gilt. – Im Kollegium sollte eine solche Wettbewerbsteilnahme an sich kaum auf Widerstände stoßen. Die Schulleitung sollte in diesem Sinne grundsätzlich und konkret bereit sein, eine Begleitung zu ermöglichen. Denkbar ist es auch, dass benachbarte Schulen auch darin kooperieren, dass die Schüler_innen mehrerer Schulen gemeinsam durch nur eine Lehrkraft begleitet werden. – Für Schüler_innen des Abiturjahrgangs ist der Zeitpunkt des Wettbewerbs eine nicht unerhebliche Teilnahmehürde, fällt er doch in die Abiturzeit.

So werden die Faktoren für die Auswahl der potenziellen Teilnehmer_innen am Wettbewerb deutlich: Zeit, finanzielle Möglichkeiten, Motivation und Leistungsvermögen. – Eine Auswahl in Hinsicht auf das Leistungsvermögen ist durch innerschulischen Wettbewerb (z.B. auf der Basis von Klausurergebnissen) oder die gezielte Ansprache von Schüler_innen mit herausragenden Lateinleistungen denkbar. – Zusätzliche Motivation und eine grundsätzliche Anerkennung des durch die Schüler_innen bereits Geleisteten kann ein Tag in Rom sein, der dem Aufenthalt in Arpino voran- oder nachgestellt ist.

Das klingt nach einiger Arbeit, die zusätzlich zum Schulalltag zu leisten wäre? – Dass dies so ist, lässt sich nicht leugnen. Doch seien Sie versichert, und der Verfasser wagt, hier auch im Namen der ihm bekannten Arpino-erfahrenen Kolleg_innen zu sprechen, dass sich der Aufwand lohnt. An der Halepaghen-Schule versuchen wir, ihn auch dadurch zu reduzieren, dass die Mühen von Organisation und Begleitung in der Latein-Fachgruppe reihum wandern – und mit ihr auch das Arpino-Vergnügen.

Dan Drescher

Gymnasium Halepaghen-Schule

Buxtehude

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Nachbemerkungen

Alle relevanten (z.B. die Ausschreibung) und viele interessante Informationen (z.B. die bisherigen Übersetzungstexte) zum und über das Certamen Ciceronianum Arpinas finden sich auf seiner Homepage: http://www.certamenciceronianum.it/. – Die Veröffentlichung der Ausschreibung erfolgt relativ spät.

Dass es neben dem Certamen Ciceronianum weitere internationale Latein-Wettbewerbe in Italien gibt, ist dem Verfasser bekannt. Sie aufzulisten, ist hier jedoch nicht der Ort.